Wir vertrauen ihnen unser Geld an, wie einem Tresor. Still, sicher, unscheinbar. Banken gelten als neutrale Instanzen im Hintergrund unseres Lebens, als Orte, an denen Geld einfach so liegt und sich im besten Falle natürlich auch vermehrt. Doch in Wahrheit liegt es natürlich dort nicht einfach so herum. Es arbeitet, fließt, wird gelenkt. Und es formt die Welt. Während wir über Klimakrise, Konzernmacht und soziale Ungleichheit diskutieren, finanzieren wir über unsere Konten, Fonds und Versicherungen genau jene Strukturen, die diese Krisen mitverursachen. Banken sind keine unbeteiligten Dienstleister. Sie sind Architekten der Realität. Und wir sind – oft ohne es zu wissen – ihre stillen Komplizen.
Banken sind nicht neutral: wie unser Geld die Welt formt, zerstört und stabilisiert
Wir behandeln Banken im Alltag meist wie neutrale Infrastrukturen. Wie Stromleitungen. Wie Wasserrohre. Man bringt sein Geld hin, legt es ab, bekommt vielleicht Zinsen, zahlt Gebühren und denkt nicht weiter darüber nach. Doch diese Sicht ist eine gefährliche Illusion. Banken sind keine neutralen Verwahranstalten. Sie sind aktive Akteure, Machtzentren und Gestalter der Welt. Denn das Geld, das wir ihnen anvertrauen, arbeitet und es arbeitet nicht automatisch zum Wohl der Menschheit.
Die Illusion der Neutralität
Wenn wir von „dem Markt“ sprechen, klingt das oft abstrakt, fast naturgesetzlich. Als wäre der Weltmarkt eine anonyme Maschine, die einfach so läuft. Doch wer in „den Weltmarkt“ investiert, investiert in der Realität zu einem Großteil in den amerikanischen Markt. Denn US‑Aktien dominieren unter anderem den MSCI World: „The US market is worth over 61% of the MSCI ACWI and over 68% of the MSCI World index“.
Was das bedeutet? Wer in den Weltmarkt investiert, investiert überwiegend in die USA. Bedeutet weiter, dass im Grunde Trumps Friends (Unternehmer der größten Unternehmen) von unserer Investition investieren, die von der Bank, oft ohne unser Wissen vollzogen werden. In Firmen, die Lieferketten kontrollieren, Datenmonopole besitzen, Arbeitsbedingungen diktieren, Ressourcen ausbeuten und politische Prozesse beeinflussen. Und genau hier kommen die Banken ins Spiel: Sie sind die Schleusenwärter dieses Systems.
Wir investieren in unser eigenes Schicksal – oft gegen unsere Werte
Über Banken, Fonds, Versicherungen und Pensionskassen investieren wir kollektiv also in genau jene Strukturen, die wir politisch, moralisch oder ökologisch vielleicht sogar oft kritisieren. Wir demonstrieren für Klimaschutz, finanzieren über unsere Bank indirekt jedoch in neue Ölprojekte. Wir fordern faire Arbeitsbedingungen, halten jedoch Aktien von Konzernen, die systematisch prekäre Arbeitsverhältnisse (aus)nutzen.
Das ist dabei keine individuelle Schuldfrage, sondern ein strukturelles Problem. Denn die meisten Menschen wissen nicht wirklich, was mit ihrem Geld passiert. Und selbst wenn sie es ahnen, haben sie kaum echte Transparenz oder Wahlmöglichkeiten.
Fossile Brennstoffe: Das große Greenwashing
Besonders drastisch zeigt sich diese Nicht-Neutralität beim Thema fossile Energien. Trotz Klimakrise, trotz Green Deal, trotz Nachhaltigkeitsversprechen investieren die größten Banken der Welt weiterhin massiv in Kohle, Öl und Gas.
Zwischen 2021 und 2024 flossen so, wie Statista herausgefunden hat, über 1,6 Billionen US-Dollar in die fossile Industrie – finanziert von Großbanken. An der Spitze: JPMorgan Chase mit rund 192 Milliarden US-Dollar, Citigroup und Bank of America mit jeweils etwa 160 Milliarden. Japanische Banken sind ebenfalls mit dreistelligen Milliardenbeträgen vertreten.
Das ist keine Randnotiz. Das ist systemisch. Während auf Werbeplakaten grüne Blätter und Windräder prangen, wird im Hintergrund die Infrastruktur der Klimazerstörung weiter finanziert.
Banken als Architekten der Realität
Banken entscheiden somit, was wächst und was stirbt. Sie entscheiden, welche Technologien skaliert werden, welche Industrien überleben, welche Projekte möglich sind. Wenn Banken fossile Konzerne finanzieren, verzögern sie aktiv die Energiewende. Wenn sie Tech-Giganten bevorzugen, verstärken sie Monopole. Wenn sie Waffenindustrien finanzieren, beeinflussen sie geopolitische Machtverhältnisse. Das ist keine Verschwörungstheorie. Das ist Funktionslogik des Finanzsystems. Banken lenken Kapital. Und Kapital lenkt die Welt.
Das Unbehagen: Wir sind Teil des Systems
Das eigentlich Unbequeme ist: Wir sind nicht außen vor. Wir sind Teil davon. Unsere Gehälter, unsere Ersparnisse, unsere Renten, unsere Versicherungen, all das fließt in dieses System. Über Banken investieren wir, ohne es zu merken, in unser eigenes ökologisches, soziales und politisches Risiko. In unser eigenes mögliches Verhängnis. Wir wollen vielleicht Nachhaltigkeit, finanzieren jedoch in Zerstörung, wir wollen Gerechtigkeit, finanzieren aber in Ausbeutung. Oder wir wollen Demokratie, finanzieren aber Machtkonzentration (vgl. USA).
Oft heißt es: „Das ist halt der Markt.“ Doch der Markt ist kein Naturereignis. Er ist gestaltet. Und Banken sind zentrale Gestalter. Wenn sie andere Kriterien anlegen würden, ökologisch, sozial, demokratisch, sähe die Welt womöglich anders aus. Dass sie es nicht tun, ist keine Notwendigkeit, sondern eine Entscheidung.
Banken sind politische Akteure – ob wir wollen oder nicht
Wir müssen aufhören, Banken als neutrale Dienstleister zu betrachten. Sie sind politische Akteure. Ökonomische Machtzentren. Ideologische Verstärker. Sie formen die Welt, in der wir leben, ökologisch, sozial, kulturell.
Solange wir das nicht begreifen, bleibt jede Klimadebatte, jede Gerechtigkeitsdebatte, jede Zukunftsdebatte unvollständig. Denn die Frage ist nicht nur, was wir wollen, den wir wollen ja vieles, sondern auch, was wir genau finanzieren. Wohin wir unsere Investitionen fließen lassen. Und im Moment finanzieren wir, kollektiv und meist unbewusst in Form der Banken, in ein System, das uns selbst die Zukunft nimmt.
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