Nancy Fraser: Wie der Kapitalismus seine eigenen Kinder frisst

Nancy Fraser

Nancy Fraser gehört wohl zu den wichtigsten zeitgenössischen Sozialtheoretikerinnen. In ihrem genialem Buch Allesfresser legt sie eine ebenso scharfe wie beunruhigende Diagnose unserer Gegenwart vor. Der Kapitalismus, so ihre These, ist nicht nur ausbeuterisch – jo na ned!? – er ist dabei sogar noch kannibalistisch. Inwiefern? Er lebt davon, genau jene Grundlagen zu verschlingen, die er zum Überleben braucht. Natur, Care-Arbeit, Demokratie, soziale Beziehungen und ganze Bevölkerungen werden systematisch ausgeplündert, ohne dass sie erneuert oder geschützt werden. Das Ergebnis: eine Gesellschaft in permanenter Krise. Und ein Buch, dass man unbedingt lesen sollte!

Kapitalismus als Gesellschaftsform, nicht nur als Wirtschaftssystem

Nancy Fraser bricht in ihrer Abhandlung dabei ganz bewusst mit der Vorstellung, Kapitalismus sei bloß ein ökonomisches Arrangement. Für sie ist dieser eine Gesellschaftsordnung, die es einer profitorientierten Wirtschaft erlaubt, sich an allem Nicht-Ökonomischen zu bedienen, als wäre es ein gratis all you can eat buffet.

Ob menschlicher Fürsorge, ökologische Ressourcen, staatliche Infrastrukturen. Der Kapitalismus „ernährt sich“ von Familien, Gemeinschaften, Ökosystemen und staatlichen Institutionen und zerstört sie dabei. Man kann getrost an einen Parasiten denken, der einen Wirt befällt und diesen zu Grunde richtet. Was geradezu absurd ist, da es ja gerade dieser Wirt ist, der dem Parasiten das eigene Überleben sichert. Aber genau so ein dämlicher, aber zugegeben auch recht konsequenter Parasit, ist der Kapitalismus.

Frasers Perspektive erweitert somit den klassischen Marxismus entscheidend. Während Marx die Ausbeutung der Lohnarbeit ins Zentrum stellte, zeigt Fraser, dass das System nur funktioniert, weil es eben außerhalb des Marktes ständig Ressourcen abschöpft, die nicht bezahlt, nicht geschützt und nicht anerkannt werden.

Produktion vs. Reproduktion: Der blinde Fleck der Ökonomie

Ein zentrales Motiv von Allesfresser ist die Unterscheidung zwischen Produktion und Reproduktion. Produktion meint die marktförmige Herstellung von Waren und Dienstleistungen. Reproduktion hingegen umfasst all jene Tätigkeiten, die Menschen überhaupt erst arbeitsfähig machen: Kindererziehung, Pflege, Haushaltsarbeit, emotionale Unterstützung, soziale Bindung.

Frasers Analyse ist hier schonungslos: Ohne diese reproduktive Arbeit gäbe es keine Arbeitskräfte, keine Märkte, keine Akkumulation. Und doch wird genau diese Arbeit systematisch unsichtbar gemacht, abgewertet und unbezahlt verrichtet – meist von Frauen. Der Pflegenotstand, die Care-Krise, die Überlastung von Familien sind für Fraser keine Betriebsunfälle, sondern strukturelle Folgen des Kapitalismus. Der Markt, so Fraser, ist ein Trittbrettfahrer. Er profitiert von der sozialen Reproduktion, ohne für sie aufzukommen.

Von Marx zu Fraser: Ausbeutung, Enteignung und „doppelt freie“ Arbeit

Fraser knüpft dabei eng an Marx an, radikalisiert ihn aber. Sie greift seine Analyse des Privateigentums an Produktionsmitteln, der Trennung von Produzenten und Besitzenden und der „doppelt freien“ Lohnarbeit auf: frei von Leibeigenschaft und zugleich frei von eigenen Lebensmitteln, Land, Werkzeugen. Diese Freiheit ist Zwang.

Doch Fraser geht weiter. Sie zeigt, dass Kapitalismus nicht nur auf Exploitation (Ausbeutung) beruht, sondern ebenso auf Expropriation (Enteignung). Kolonialisierte Völker, rassifizierte Gruppen, der globale Süden, Frauen und Menschen der Care-Arbeit und so weiter, sie alle werden nicht „fair“ ausgebeutet (unterbezahlt), sondern brutal beraubt und enteignet (also gar nicht bezahlt!). Land, Rohstoffe, Arbeitskraft, Lebensgrundlagen werden geraubt, um die Profite im Zentrum zu sichern. Exploitation und Expropriation sind für Fraser dabei keine Gegensätze, sondern zwei Seiten derselben Medaille.

Natur als kostenlose Beute

Besonders stark ist Frasers ökologische Analyse. Der Kapitalismus behandelt die Natur als unerschöpfliches Lager und als kostenlose Müllhalde. Rohstoffe, Böden, Wälder, Wasser, Atmosphäre – alles wird verbraucht, ohne die Rechnung zu bezahlen.

Sie knüpft hier an Rosa Luxemburgs Begriff der „Landnahme“ an: Der Kapitalismus dringt immer tiefer in natürliche Prozesse ein, verändert ihre innere Logik und zerstört ihre Regenerationsfähigkeit. Die ökologische Krise ist für Fraser kein externer Schock, sondern das direkte Resultat eines Systems, das Kosten externalisiert und Gewinne privatisiert.

Die Idee der „Kostenwahrheit“ – also dass Preise ökologische Schäden widerspiegeln müssten – entlarvt sie implizit als radikale Systemkritik. Würde man Natur bzw. die Schäden die unsere Produktionsweise an ihr verursacht wirklich einpreisen, wäre der Kapitalismus in seiner jetzigen Form nicht überlebensfähig.

Politik, Staat und Demokratie: Ausgezehrt und instrumentalisiert

Auch der Staat ist in Frasers Analyse keine neutrale Instanz. Er ist zugleich Voraussetzung und Opfer des Kapitalismus. Einerseits garantiert er Eigentumsrechte, Verträge, Geldsysteme und Ordnung. Andererseits wird er durch neoliberale Politik ausgehöhlt, privatisiert, entmachtet.

Der Kapitalismus, so Fraser, kannibalisiert die politische Sphäre: Er braucht den Staat, untergräbt ihn aber zugleich. Das Ergebnis sind Demokratiedefizite, Vertrauensverlust, autoritäre Tendenzen. Die Krise des Politischen ist damit keine bloße Begleiterscheinung, sondern Teil der Systemlogik.

Die große These: Selbstzerstörung durch Kannibalismus

Im Zentrum des Buches steht Frasers stärkste Metapher: Der Kapitalismus ist eine Schlange, die ihren eigenen Schwanz frisst. Er lebt davon, soziale Beziehungen, Natur, Fürsorge, politische Institutionen und enteignete Bevölkerungen auszubeuten und zerstört dabei genau die Bedingungen, die ihn tragen.

Fraser schreibt dicht, theoretisch anspruchsvoll, aber klar strukturiert und vor allem, was für Lesende wichtig ist, klar, verständlich und auch geschmeidig. Sie schafft es, eine an sich komplexe Theorie, leserlich herunterzubrechen, ohne inhaltliche Qualität einzubüßen. Sie verbindet Feminismus, Marxismus, Ökologie, Demokratietheorie und Postkolonialismus zu einer beeindruckenden Gesamtschau. Man merkt: Hier denkt jemand nicht in Einzelfragen, sondern in Systemzusammenhängen.

Besonders stark ist, dass Fraser nicht in romantische Gegenbilder verfällt. Sie warnt explizit davor, Reproduktion, Natur oder Gemeinschaften zu verklären. Auch sie sind Teil der kapitalistischen Ordnung. Kritik muss also im System ansetzen, nicht in der Flucht ins vermeintlich Reine. Nancy Fraser gelingt mit Allesfresser dabei eine der schärfsten Kapitalismusanalysen der Gegenwart.

Wer verstehen will, warum sich so viele Krisen gleichzeitig zuspitzen – Klima, Pflege, Demokratie, soziale Spaltung –, findet hier keine einfachen Lösungen, aber eine erschreckend klare Erklärung.


© Suhrkamp Verlag