In ihrem neuen Roman Die Unbußfertigen nimmt uns Elina Penner mit auf eine fesselnde Reise in die Abgründe der digitalen Welt. Zehn unterschiedliche Menschen, die allesamt von Social Media geprägt sind, diese aber auch nachhaltig prägen (aka Influencer), finden sich in einem abgelegenen Herrenhaus wieder. Während sie sich mit ihren eigenen Geschichten konfrontiert sehen, verschwinden sie nacheinander. Doch die Frage bleibt: Wer übernimmt die Verantwortung für das, was wir online sagen?
Die Unbußfertigen: Ein Spiegel unserer Zeit
Die Charaktere in Elina Penners neuen Roman Die Unbußfertigen – von der Mutter, die ihre Kinder zur Marke gemacht hat, bis hin zur Influencerin mit dem „berühmtesten Arsch des Landes“ – sind nicht einfach nur Figuren. Sie stehen vielmehr stellvertretend für eine Generation, die in ihren Echokammern lebt und wo niemand wirklich etwas über das Leben jenseits dieser Kammern weiß. Denn obwohl diese Influencer alle berühmt sind, weiß nur selten jemand über die Existenz des anderen Bescheid, eben weil diese Kammern so radikal getrennt voneinander sind.
Stellvertretend fungieren diese Figuren auch als Repräsentanten der Gesellschaft und der Generationen an sich. Die ältere Wahrsagerin, die Mutter, der alte Grantler, der junge Fitnessboy und so weiter. Sie alle bespielen ihre eigenen sozialen Kammern, die aber wiederum den eignen Horizont beschränken. Es gibt somit keine Verbindung mehr zwischen diesen Kammern und somit auch nicht zwischen den Menschen. Eine literarisch wunderbare Veranschalichung unserer gegenwärtigen gesellschaftlichen Zwesplitterung!
Jenseits der Kammer oder Meinungsverantwortung
In diesem Sinne sind die Figuren eine herrliche Parabel über unsere Gesellschaft. Ein jeder, eine jede lebt in der eigenen Bubble. Was als Erkenntnis jetzt natürlich einmal eine bestimmte Allgemeingültigkeit besitzt und ein Selbstverständnis hat, wird in Penners Buch jedoch zum ersten mal so wirklich erfahrbar. Ja, wer sind denn diese anderen überhaupt, die sich außerhalb meiner Echokammer befinden? Hier wird deutlich, dass es diese anderen wirklich gibt und das dass diese anderen auch „nur“ Menschen sind.
Penner gelingt es dabei, diese oft überzeichneten Charaktere menschlicher zu machen und ihnen eine Tiefe zu verleihen, die uns zum Nachdenken anregt. Auch die große Frage der Verantwortung und Schuld wird in Die Unbußfertigen eindrucksvoll verhandelt. Wann ist man für seine Meinung wirklich verantwortlich? In einer Welt voller unreflektierter Äußerungen, wie sie von Trump und Musk kommen, wird das zur zentralen Frage. Vor allem deshalb, weil diese Meinungen einen konkreten Einfluss auf die Menschen und die Welt haben. Was der Sturm aufs Kapitol wohl recht gut veranschaulicht hat.
Die Unbußfertigen: Generationenübergreifende Relevanz
Elina Penners Buch funktioniert dabei generationsübergreifend und trifft den Nerv der Zeit. Influencer, die man bisher nur aus dem Netz kannte, werden hier greifbar und real. Jedoch nicht, weil in dem Roman Personen auftreten, die es wirklich gibt, sondern gerade weil das Unnahbare des Phänomens Influencer hier literarisch erfahrbar und nahbar gemacht wird.
Penner steht für eine neue Art von Literatur, die nicht nur unterhält, sondern auch zum Nachdenken anregt. Sie bringt uns zum Lachen und zum Weinen (Vorsicht: Klischee!), aber vor allem zum emotionalen Verstehen. Doch was verstehen wir nach der Lektüre bestenfalls? Das dieser virtuelle Raum, in dem das ganze Fluten von Scheiße passiert, erstens: echte Menschen (be)trifft und zweitens: einen gravierenden Einfluss auf unsere Welt, das Verstehen unserer Welt hat. Das alles ist jetzt natürlich nichts Neues. Was aber neu ist, dass ist, dass man vielleicht zum ersten Mal, diese Influencerei als etwas Wahres empfindet, und zwar in der Form, dass es einen, leider oftmals extrem negativen Einfluss, auf die konkrete Welt hat. Das Abstrakte eines Phänomens wird bei Penner literarisch-konkret erfahrbar.
Ethische und moralische Fragestellungen
Die Unbußfertigen ist in diesem Sinne mehr als nur ein Roman, es ist eine kleine literarische Offenbarung. Die ethischen und moralischen Fragen, die wir uns alle stellen sollten, werden hier eindrucksvoll behandelt und auch verhandelt. Die Debatte über politische Korrektheit und die Verantwortung von Influencern wird auf den Punkt gebracht. Ja, man kann viel sagen, aber nicht alles sollte ohne den Bezug auf Fakten, Respekt und Rücksichtnahme gesagt werden dürfen. Es ist ein spannendes Buch, das einen wichtigen Punkt in unserer Gesellschaft trifft und hoffentlich auch darüber hinaus diskutiert wird. Die Unbußfertigen ist ein literarisches Werk, das uns zwingt, über unsere eigene Rolle in der digitalen Welt nachzudenken, aber vor allem auch über die Funktion dieses virtuellen Phänomens und vor allem über die Frage der Verantwortung, die dort neu verhandelt werden muss.
Titelbild © Aufbau Verlag
