Mit „Das dronische Erzählen“ legt Hendrik Otremba im Rahmen einer Poetikdozentur keine klassische Poetik vor, sondern eher eine tastende, bewegliche Selbstverortung. Das schmale Buch – knapp 160 Seiten, sorgfältig gestaltet – ist weniger Manifest als Denkraum: eine Einladung, Otrembas Arbeiten zwischen Literatur, Lyrik, Musik, Malerei und Fotografie aus einer übergeordneten Perspektive zu betrachten.
Das dronische Erzählen: Die Drohne als poetische Metapher
Der zentrale Begriff des „dronischen Erzählens“ funktioniert als anschauliche Metapher: Wie eine Drohne bewegt sich der Blick durch verschiedene Ebenen, mal nah am Geschehen, mal distanziert, mal sichtbar, mal beinahe unbemerkt. Diese Perspektive erklärt dabei nicht nur Hendrik Otrembas literarisches Erzählen, sondern auch seine transmediale Arbeitsweise:
„Für mich ist die Drohne eine Idee meiner Perspektive und meiner Bewegung durch verschiedene Kunstdisziplinen, eines Modus, in dem ich in meiner Arbeit den Blick unvermittelt woandershin richten und das, was ich dort erfahre, zurückbringen kann, kurzum: als Autorinstanz flexibel bleibe.“
Seine Figuren tauchen dabei in unterschiedlichen Medien wieder auf, Atmosphären setzen sich fort, ästhetische Entscheidungen werden weitergetragen. Musik, Text, Bild stehen dabei nicht hierarchisch zueinander, sondern wirken wie unterschiedliche Flughöhen desselben Projekts. Das Buch macht diese Zusammenhänge nachvollziehbar, ohne sie dabei didaktisch zu sehr zu zerlegen.
Hendrik Otremba: Interdisziplinarität ohne Pathos
Besonders überzeugend ist, dass Otremba Interdisziplinarität nicht als großes Theoriegebäude präsentiert, sondern als praktische, persönliche Arbeitsweise. Kreativität erscheint hier nicht als abstraktes Genieprinzip, sondern als etwas, das sich im Wechselspiel der unterschiedlichen Formen konkretisiert: im Schreiben, im Malen, im Musizieren, im Denken.
Dabei bleibt der Ton zugänglich. „Das dronische Erzählen“ ist weder akademisch verklausuliert noch esoterisch überhöht. Es spricht über komplexe ästhetische Zusammenhänge, ohne abgehoben zu wirken. Gerade darin liegt die Stärke des Buches: Es zeigt, wie künstlerische Vielseitigkeit als Einzelperson gelebt werden kann, ohne sich in Beliebigkeit oder Selbsterhöhung zu verlieren.
Ein Schlüssel zum Werk von Hendrik Otremba…
Als „Handreichung“ zum Werk Hendrik Otrembas funktioniert das Buch hervorragend. Wer seine Romane, Gedichte, seine Musik mit der Band Messer oder seine bildnerischen Arbeiten kennt, findet hier Verbindungslinien und gedankliche Anknüpfungspunkte. Wer neu einsteigt, erhält einen sensiblen Zugang zu einer künstlerischen Haltung, die sich nicht festlegen lässt, aber dennoch klar konturiert ist.
…und darüber hinaus
Darüber hinaus gewinnt Otrembas Begriff des dronischen Erzählens auch vor dem Hintergrund aktueller wissenschaftlicher und künstlerischer Diskurse an besonderer Relevanz. In einer Zeit, in der Drohnen nicht nur militärisch oder technisch, sondern zunehmend auch in den Kultur-, Medien- und Kunstwissenschaften als eigenständiges Erkenntnisinstrument diskutiert werden, hat sich das „Dronische“ längst zu einer ernstzunehmenden Forschungsperspektive entwickelt. Drohnen stehen dabei für neue Blickregime, für veränderte Formen von Distanz und Nähe, für mobile, schwebende, nicht eindeutig verortbare Perspektiven – weder vollständig außenstehend noch vollständig involviert.
Otrembas Übertragung dieses Prinzips auf das Erzählen bzw. auf das Erschaffen von Kunst eröffnet genau hier ein produktives Feld: Das dronische Erzählen beschreibt eine ästhetische Haltung. In einer Gegenwart, in der viele Künstler*innen längst nicht mehr auf eine einzelne Ausdrucksform festgelegt sind, sondern transmedial arbeiten, erscheint das dronische Erzählen als präziser Begriff, um diese Beweglichkeit theoretisch zu fassen. Gerade deshalb ließe sich das dronische Erzählen nicht nur als poetisches Konzept, sondern auch als Forschungsmethode denken: als eine interdisziplinäre Annäherungsweise, die künstlerische Praxis, ästhetische Theorie und mediale Reflexion miteinander verschränkt.
Das dronische Erzählen: ein Fazit
„Das dronische Erzählen“ ist dabei kein klares Theorieversprechen, sondern ein präziser, ruhiger Einblick in eine künstlerische Praxis, die zwischen den Künsten operiert. Hendrik Otremba zeigt, wie interdisziplinäre Kreativität funktionieren kann: beweglich, aufmerksam, offen, und das ohne den Anspruch, alles erklären oder beherrschen zu müssen. Ein kluges, inspirierendes Buch für alle, die sich für zeitgenössische Poetik, Grenzgänge zwischen Kunstformen und die konkreten Bedingungen künstlerischen Arbeitens interessieren.
© März Verlag
