Mit Wake Up Dead Man: A Knives Out Mystery liefert Regisseur Rian Johnson nun den dritten Teil seiner genialen Whodunit-Reihe ab. Und es ist ein Film, der mit Erwartungen spielt wie ein Magier mit Kartentricks. Daniel Craig kehrt natürlich als legendärer Detektiv Benoit Blanc zurück. Aber was Wake Up Dead Man von seinen Vorgängern deutlich unterscheidet, ist das narrative Selbstbewusstsein. Dieser Krimi hinterfragt nicht nur einen Mord — er kommentiert zugleich das Genre selbst.
Was bei Knives Out (2019) noch ein Geniestreich war und bei Glass Onion (2022) solide Unterhaltung, erreicht beim dritten Film eine ganz neue Dimension. Er ist frisch, verspielt und in vielerlei Hinsicht die bislang aufregendste Ausdeutung des klassischen Ermittlerfilms.
Wenn der Erzähler zur Falle wird: Ein Krimi als Meta-Puzzle
Eine der größten Überraschungen von Wake Up Dead Man ist der ungewöhnliche Erzählrhythmus. Der Film beginnt nicht mit Benoit Blanc an vorderster Front, sondern gewährt den ersten rund 40 Minuten einem anderen Charakter: einem Priester, der uns in seinen eigenen Verdacht verwickelt. Diese Entscheidung nimmt Craig erstaunlich viel Präsenz weg. Das ist aber keine Schwäche, sondern eine clevere Stärke des Films.
Josh Brolin liefert hier eine beeindruckende, eindringliche Performance als der vermeintliche „Bad Guy Priest“ ab, und statt den üblichen Noir-Detektiv-Einstieg abzufeuern, erlaubt der Film anderen Figuren, sich zu entfalten. Das macht nicht nur neugierig, es zwingt uns, unsere detektivischen Erwartungen umzudenken.
Genau hier beginnt Wake Up Dead Man seine Meta-Ebene zu entfalten: Der Film nennt, als die Ermittlungen beginnen, fünf „beste Kriminalromane“, und einer davon ist Agatha Christies The Murder of Roger Ackroyd. Ein Werk, das im klassischen Whodunit-Kosmos deshalb so legendär ist, weil dort (Vorsicht Spoiler!) der Erzähler selbst der Täter ist.
Und sobald man das weiß, beginnt der Kopf natürlich mitzuspielen: Ist der Erzähler in Form des Pfarrers etwa selbst der Täter!? Wenn man die Krimiverweise kennt, die im dritten Teil der Knives Out-Reihe zu Tragen kommen, dann liest man den Film plötzlich zwischen den Zeilen, wird auf falsche Fährten gelockt. Und genau das ist der Punkt: Die Erzählung selbst wird auf einmal Teil des Rätsels. Diese Meta-Ebene ist dabei nicht nötig, um den Film zu genießen – aber sie macht ihn komplexer, raffinierter und enorm unterhaltsam, gerade für alle, die die Krimi-Tradition bewandert kennen.
Die Besetzung: Mehr als nur ein Starensemble
Ein Ensemble wie ein Who’s-Who der zeitgenössischen Schauspielkunst macht aus dem Standard-Mörder-Puzzle darüber hinaus ein cineastisches Erlebnis. Josh O’Connor als (vielleicht auch) unschuldig verdächtigter junger Priester, Glenn Close mit nuancierter Präsenz, Jeremy Renner, Mila Kunis (die eigentlich schwach ist!), Kerry Washington und Andrew Scott — sie alle tragen dazu bei, dass der Film weniger von Craig lebt und mehr von seiner Ensemble-Komposition. Was für die Stärke des Drehbuchs spricht.
Und das funktioniert erstaunlich gut. Denn Wake Up Dead Man ist kein Film, der sich auf einen Charakter konzentriert, sondern auf ein Netz aus Motiven, Verdächtigungen und Beziehungen — eine kollektive Stadt von Hinweisen, Lügen und Mehrdeutigkeiten.
Komplex, verspielt, aber manchmal auch zu viel des Guten
Wie bei fast jedem ambitionierten Meta-Krimi hat dieser Film auch seine Tücken.
Die Auflösung ist clever, aber hier und dort fühlt sie sich weniger „reibungslos genial“ an als noch im ersten Teil der Reihe, wo jedes kleine Zahnrad perfekt ineinandergriff. In Wake Up Dead Man gibt es auch Momente, die sich ein bisschen wie „aus dem Zauberhut geholt“ anfühlen. Trotzdem: Das Drehbuch verliert nie die Kontrolle über seine eigenen Spielregeln, es jongliert nur mit mehr Bällen als zuvor.
Und das ist zugleich die größte Stärke und Schwäche: Wer sich auf die Meta-Ebene einlässt, wird reich belohnt. Wer einen linearen, klassischen Krimi erwartet, könnte sich stellenweise etwas verloren fühlen. Aber gerade dieser Balanceakt macht den Film spannend, nicht nur in der Story, sondern in der Art, wie der Film denkt.
Ein Krimi, der das Genre neu mitdenkt
Wake Up Dead Man: A Knives Out Mystery ist kein „weiterer Knives Out-Film“, er ist ein Krimi-Essay im Gewand eines Popcorn-Whodunit. Er spielt mit unseren Erwartungen, nutzt das erzählerische Erbe von Agatha Christie und verwebt klassische Elemente mit einem frischen, genretranszendierenden Blick.
Es ist intelligent, verspielt, manchmal irritierend und genau deshalb einer der sehenswertesten Netflix-Krimis des Jahres. Ein Film, der den Detektiv nicht nur ermitteln lässt, sondern uns selbst zum Mitraten zwingt, und der am Ende zeigt, dass ein guter Krimi nicht nur ein Rätsel ist, sondern ein Gespräch mit dem Publikum.
Titelbild © Netflix Inc
