Mit Insel legt Siri Ranva Hjelm Jacobsen einen Roman vor, der auf den ersten Blick leise, fast unscheinbar wirkt. Sich dann jedoch als tiefgründige, poetische Auseinandersetzung mit einem der schwierigsten Begriffe der Literatur entpuppt: Heimat. Aus dem Englischen von Franziska Hütter übersetzt, entfaltet der Roman eine ruhige, geradezu meditative Kraft, die lange nachhallt. Es ist ein Buch über so etwas wie Exil und Rückkehr, über Zugehörigkeit und Fremdsein und über einen Ort, der Heimat ist, obwohl man ihn nie bewohnt hat.
Die Färöer-Inseln als Sehnsuchtsraum
Die Handlung führt auf die Färöer-Inseln, eine raue, windumtoste Inselgruppe im Norden, deren wilde Schönheit den Roman von der ersten Seite an poetisch prägt. Diese Landschaft ist dabei kein bloßes Setting, sondern ein eigenständiger Akteur. Die Natur steht den Figuren ebenbürtig gegenüber, manchmal sogar im Vordergrund. Nebel, Wind, Meer und Fels werden mit einer bildreichen, poetischen Sprache beschrieben, die weniger erklärt als spürbar macht.
Siri Ranva Hjelm Jacobsen gelingt es, diese Inselwelt zugleich fremd und vertraut erscheinen zu lassen. Für Leser:innen aus dem deutschsprachigen Raum ist diese Landschaft zunächst ungewohnt, fast exotisch. Und doch tragen die Themen, die sich hier entfalten, eine erstaunliche Nähe in sich.
Heimat ohne Aufwachsen
Besonders spannend wird Insel im Vergleich mit der im deutschsprachigen Raum gut bekannten Heimat- und Anti-Heimatliteratur, etwa bei Josef Winkler oder Peter Handke. Auch dort geht es um Herkunft, um das Verlassen und Wiederaufsuchen von Orten, um Konflikte zwischen Individuum und Herkunftsraum. Doch Jakobsen verschiebt diesen Begriff fast radikal.
Die Protagonistin kehrt nämlich an einen Ort zurück, an dem sie nie gelebt hat. Die Färöer-Inseln sind keine biografische Heimat im klassischen Sinn. Und dennoch werden sie als genau das empfunden. Heimat entsteht hier nicht aus Alltag, Kindheit oder sozialer Prägung, sondern aus Sehnsucht, Projektion und innerer Bindung. Insel stellt damit die Frage neu: Muss man wirklich irgendwo gelebt haben, um dort daheim zu sein?
Exil, Zugehörigkeit und innere Verortung
Der Roman entfaltet eine vielschichtige Darstellung von Exil und Heimkehr, die weniger äußerlich als innerlich gedacht ist. Wann kommt man an? Wann kehrt man zurück? Und wo fühlt man sich zugehörig? Siri Ranva Hjelm Jacobsen beantwortet diese Fragen dabei nicht eindeutig. Doch gerade darin liegt die Stärke des Buches. Heimat erscheint nicht als fixer Ort, sondern als Prozess, als Bewegung zwischen Erinnerung, Wunsch und Gegenwart.
Die Sprache bleibt dabei ruhig, poetisch, fast kontemplativ. Insel liest sich stellenweise wie ein literarischer Spaziergang, bei dem Landschaft und Gedanken ineinander übergehen. Das Buch fordert keine schnellen Antworten, sondern lädt vielmehr zum Verweilen ein.
Ein neuer Heimatbegriff?
Insel ist ein stiller, kluger Roman, der bekannte literarische Motive auf überraschende Weise neu rahmt. Indem Siri Ranva Hjelm Jacobsen vertraute Themen wie Heimat, Exil und Zugehörigkeit in eine für viele Leser*innen ungewohnte Landschaft verlegt, öffnet sie den Blick auf einen Heimatbegriff jenseits von Herkunft und Besitz.
Insel ist ein Buch, das weniger erzählt als erfahrbar macht – meditativ, bildreich und tief verwurzelt in der Natur der Färöer-Inseln. Insel erweitert den Kanon der Heimatliteratur um eine wichtige Perspektive: Heimat als inneren Ort, der nicht „gelebt“, sondern empfunden wird und dann eben als eine Art Fantasma natürlich auch bewohnt wird.
Titelbild © März Verlag
