Werner Herzog kennt man vor allem als Regisseur. Als solcher hat er das Dokumentarische ebenso wie das fiktionale Kino immer wieder an seine Grenzen geführt und sich längst einen Legendenstatus erarbeitet. Als Schriftsteller wird Herzog hingegen deutlich seltener wahrgenommen. Dabei hat er schon mit seinen Tagebuchaufzeichnungen zu den Dreharbeiten von Fitzcarraldo bewiesen, dass er auch als Autor eine ganz eigene, literarisch höchst interessante Stimme besitzt. Mit Die Zukunft der Wahrheit legt er nun einen schmalen Essay vor, der sich einem der wohl aufgeladensten Begriffe überhaupt widmet: der Wahrheit.
Was ist Wahrheit?
Man könnte sich einem solchen Thema natürlich philosophisch nähern – vermutlich das Projekt für ein Lebenswerk. Wahrheit ist nämlich seit Jahrtausenden Gegenstand philosophischer Auseinandersetzungen. Und was wurde schon alles zu dem Thema gesagt. Herzog wählt jedoch einen anderen Weg. Es äußerst erfrischend ist.
Er beginnt nicht bei den großen Wahrheitstheorien, sondern bei sich selbst: bei seinem Leben, seinen Filmen, seinen Reisen und vor allem bei den Menschen, denen er begegnet ist. Seine Überlegungen speisen sich, wie er selbst betont, rein aus einer Lebenspraxis.
Dadurch bekommt der Essay etwas zutiefst Persönliches. Herzog erzählt von Begegnungen und Erlebnissen, doch diese Episoden bleiben nicht bloß autobiografische Erinnerungen. Sie werden zu Ausgangspunkten für eine grundsätzliche Frage: Was meinen wir eigentlich, wenn wir von Wahrheit sprechen?
Werner Herzog und die Wahrheit der Lüge
Besonders spannend wird das Buch dort, wo Herzog die scheinbar eindeutige Trennung zwischen Wahrheit und Fiktion auflöst. Denn kann eine erfundene Geschichte wahr sein? Wahrer noch als eine dokumentarisch erzählte? Herzog beantwortet diese Frage gewissermaßen mit einem Ja.
Er verweist dabei vor allem auch auf sein eigenes Filmschaffen und auf jene eigentümlichen Zwischenformen, in denen Dokumentarisches und Fiktion ineinander übergehen. Wobei jedoch diese Erfindung eine durchaus wahrhaftige Note bekommt. In einem seiner Filme etwa wird eine Welt entworfen, in der Menschen Schauspieler engagieren können, um menschliche Leerstellen in ihrem Leben zu besetzen: Eine verschwundene Tochter wird durch eine Schauspielerin ersetzt, ein abwesender Vater durch einen Darsteller und so weiter.
Natürlich ist das eine Lüge. Und doch kann diese Lüge etwas hervorbringen, das vollkommen real ist: Gefühle. Genau hier beginnt Herzogs eigentliches Spiel mit dem Wahrheitsbegriff. Denn vielleicht ist eine Tatsache nicht automatisch wahrer als eine Fiktion. Vielleicht kann eine erfundene Geschichte eine emotionale oder existenzielle Wahrheit sichtbar machen, die sich durch reine Fakten niemals erreichen lässt.
Fakten sind noch keine Wahrhaftigkeit
Damit bewegt sich Herzog auf ein Terrain, das erstaunlich nahe an einigen Überlegungen der Kritischen Theorie liegt.
Es gibt eine Wahrheit der Fakten – das, was sich überprüfen, messen und dokumentieren lässt. Aber daneben existiert auch noch eine andere Form von Wahrheit: eine empfundene, existenzielle oder ästhetische Wahrheit, die sich nicht vollständig in Fakten übersetzen lässt.
Die Fakten können dabei natürlich korrekt sein und trotzdem nichts Wesentliches über eine Erfahrung aussagen. Eine Fiktion kann dagegen erfunden sein und uns dennoch etwas über die Wirklichkeit erzählen, das wir auf einer rein faktischen Ebene niemals verstanden hätten. Werner Herzog interessiert sich genau für diese Spannung, wobei er – das sei angemerkt – eben kein Schwurbler ist und in seinen Ausführungen das wissenschaftliche bzw. faktenbasierte Denken an keiner Stelle diskretisiert. Ganz im Gegenteil, aber er öffnet neue Denkräume, die nicht der Wahrheit ihren Wert abnehmen, aber vielmehr der Wahrhaftigkeit mehr Relevanz zuzuerkennen versuchen.
Und gerade deshalb ist sein Essay auch für eine Gegenwart interessant, in der ständig von „Fake News“, Faktenchecks und alternativen Wahrheiten gesprochen wird. Herzog führt die Debatte weg von der simplen Gegenüberstellung von wahr und falsch und stellt eine viel schwierigere Frage: Was kann Wahrheit jenseits der überprüfbaren Tatsache alles sein und bedeuten?
Werner Herzog: Die Kunst als Wahrheitsmaschine
Damit kommt zwangsläufig die Kunst ins Spiel. Denn Kunst muss nicht dokumentieren, um etwas Wahres zu zeigen. Ein Film, ein Roman oder ein Bild kann eine Wirklichkeit erzeugen, die faktisch niemals stattgefunden hat – und uns gerade dadurch etwas über die Wirklichkeit vermitteln.
Herzogs eigenes Werk ist dafür ein beinahe ideales Beispiel. Seine Filme bewegen sich immer wieder an den Grenzen zwischen Dokumentation und Inszenierung, zwischen Beobachtung und Konstruktion, zwischen Realität und Fiktion. Diese Gratwanderung macht seine Werke aber deshalb nicht weniger wahrhaftig. Ganz im Gegenteil, es ist gerade diese der Wahrheit immer verbundene Inszenierung, die seine Filme einer höheren Ebene Teilwerden lassen. Und wer weiß, vielleicht besteht die Aufgabe der Kunst gerade darin, jene Wahrheiten sichtbar zu machen, die sich der bloßen Faktizität entziehen.
Die Zukunft der Wahrheit: Ein kleiner Essay mit großen Fragen
Werner Herzog schreibt nicht wie ein klassischer Philosoph. Er entwickelt kein geschlossenes System und liefert auch keine endgültige Definition dessen, was Wahrheit ist bzw. sein könnte. Dich genau das ist eben das erfrischende an seinem Text. Stattdessen erzählt er, erinnert sich, stellt infrage und verbindet einzelne Erfahrungen miteinander. Daraus entsteht ein Essay, der weniger Antworten liefert, als unser Verständnis von Wahrheit erweitert.
Die Zukunft der Wahrheit ist gerade deshalb auch ein bemerkenswert persönliches Buch. Herzog schreibt über Wahrheit, aber gleichzeitig auch über Film, Kunst, Erinnerung, Gefühle und das menschliche Bedürfnis, in einer Welt voller Fakten einen Sinn zu finden. Und vielleicht liegt genau darin die eigentliche Pointe dieses schmalen Bandes: Eine Lüge kann falsch sein und trotzdem etwas Wahres ausdrücken. Eine Tatsache kann stimmen und trotzdem unwahr sein.
Werner Herzog macht aus diesem Widerspruch keinen Fehler, den es aufzulösen gilt, sondern die Essenz seines Essays. Die Zukunft der Wahrheit von Werner Herzog ist dabei ein ausgesprochen lesenswertes Buch über die Frage, was Wahrheit eigentlich sein könnte – und darüber, warum wir sie vielleicht nicht ausschließlich dort suchen sollten, wo die Fakten liegen.
© S. Fischer Verlag

