Gaston Bachelards Imagination der Materie, erschienen im Berliner Matthes & Seitz Verlag, führt zurück zu einem Denker, dessen Gedanken heute erstaunlich aktuell wirken. Zwischen Wissenschaft, Kunst und Poesie untersucht Bachelard die Widerständigkeit der Materie und die Kraft der Imagination und eröffnet damit einen Gegenentwurf zu einer Welt, in der immer mehr Lebensbereiche dem Kalkül der instrumentellen Vernunft unterworfen werden.
Zwischen Wissenschaft und Poesie
Gaston Bachelard ist ein Denker der Übergänge. Seine Schriften bewegen sich zwischen Wissenschaftstheorie, Philosophie, Literatur und Poesie. Und es ist gerade diese Verbindung, die seine Überlegungen so interessant macht.
Bachelards Denken betont dabei immer die Offenheit wissenschaftlicher Erkenntnis. Das Experiment ist für ihn kein bloßer Test, der eine bereits feststehende Hypothese bestätigt oder widerlegt. Vielmehr besitzt auch das Material, mit dem sich Wissenschaft auseinandersetzt, eine eigene Widerständigkeit. Es verlangt eine Reaktion, zwingt zu neuen Fragen und kann den Erkenntnisprozess in eine unerwartete Richtung führen.
Diese Aufmerksamkeit gegenüber dem Material verbindet Bachelard mit der Kunst. Auch Künstlerinnen und Künstler haben es nicht einfach mit einem passiven Material zu tun. Das Material antwortet, widersetzt sich, eröffnet Möglichkeiten und erzeugt Überschüsse, die sich nicht vollständig planen oder kontrollieren lassen.
Die Imagination der Materie
Besonders faszinierend wird Bachelard vor allem dort, wo er sich der Poesie und der Imagination zuwendet. In seinen berühmten Betrachtungen über die Elemente – etwa über die Flamme einer Kerze – geht es nicht darum, Feuer lediglich naturwissenschaftlich zu erklären, sondern zu zeigen, dass Feuer vor allem auch eine „poetisierende Substanz“ in sich trägt. Oder, wie Thorsten Benkel Schreibt: „Die Einbildungskraft des Menschen wirke in bestimmten Kontexten, etwa beim Träumen, zwar völlig individuell; sie sei aber nicht trennbar von relevanten Elementen der Realität, für die beispielhaft das Feuer steht.“
Bachelard interessiert sich daher vielmehr dafür, was das Feuer im Menschen auslöst: Welche Bilder entstehen beim Blick in die Flamme? Welche Erinnerungen, Vorstellungen und poetischen Assoziationen werden hervorgerufen? Die Materie selbst wird dabei selbst zu einem Ausgangspunkt der Imagination. Sie besitzt eine poetische Dimension, die sich nicht auf seine physikalischen Eigenschaften reduzieren lässt. Gerade darin liegt Bachelards Bedeutung: Er versucht, jene Erfahrungsbereiche ernst zu nehmen, die sich dem rein instrumentellen Zugriff entziehen.
Imaginationen gegen die instrumentelle Vernunft
Und genau hier wird Bachelard für die Gegenwart interessant. Max Horkheimer hat mit dem Begriff der instrumentellen Vernunft eine Vernunft kritisiert, die Dinge und Menschen zunehmend danach beurteilt, welchen Nutzen sie haben und welchen Zweck sie erfüllen. Herbert Marcuse wiederum beschreibt eine verwandte Entwicklung als zunehmende Eindimensionalität: Lebensbereiche, die eigentlich offen, widersprüchlich und mehrdeutig sein könnten, werden auf Funktion, Leistung und Verwertbarkeit reduziert. Mehr darüber in unserem Artikel über die Kritische Theorie.
Bachelards Denken lässt sich diesbezüglich geradezu als Gegenbewegung dazu lesen. Denn die Imagination fragt nicht zuerst: Was kann ich damit anfangen? Sie fragt: Was löst es in mir aus? Was könnte es bedeuten? Welche Möglichkeiten eröffnet es?
Wenn auch Beziehungen zum Markt werden
Wie weit die instrumentelle Logik inzwischen reicht, zeigt sich etwa an unseren zwischenmenschlichen Beziehungen. Die Soziologin Eva Illouz hat dabei eindrücklich herausgearbeitet, wie auch Liebe und Partnerschaft zunehmend durch ökonomische Kategorien geprägt werden. Der sogenannte Datingmarkt zum Beispiel macht Menschen vergleichbar, bewertbar und optimierbar. Einkommen, Aussehen, Status oder soziale Position werden zu Kriterien, anhand derer potenzielle Partnerinnen und Partner ausgewählt werden.
Der andere Mensch erscheint dann nicht mehr unbedingt als ein Gegenüber, das uns überrascht und verändert, sondern als ein Bündel von Eigenschaften, die sich auf ihren persönlichen „Wert“ hin überprüfen lassen. Auch hier droht die Imagination zu verschwinden. Denn eine Beziehung, die ausschließlich nach Kalkül eingegangen wird, lässt kaum noch Raum für das Unvorhersehbare, für Spontaneität, Begehren oder jene Erfahrung, dass ein anderer Mensch niemals vollständig in unseren Erwartungen und Berechnungen aufgeht.
Eine Rückkehr zum Poetischen
Genau deshalb ist die Lektüre Bachelards heute so bereichernd. In einer Welt, in der beinahe alles vermessen, bewertet, optimiert und in einen ökonomischen Zusammenhang gestellt wird, erinnert er daran, dass unsere menschliche Wirklichkeit viel, viel größer ist als ihre messbaren Eigenschaften.
Die Imagination eröffnet dabei einen Raum jenseits des bloß Funktionalen. Sie erlaubt es, Dinge nicht nur als Gegenstände zu betrachten, sondern sich von ihnen ansprechen zu lassen. Sie lässt das Material wieder widerständig werden und gibt der Erfahrung ihre Mehrdeutigkeit zurück.
Das ist dabei keine Absage an die Wissenschaft. Im Gegenteil: Bachelard selbst war ein bedeutender Wissenschaftsphilosoph. Es geht vielmehr darum, Wissenschaft nicht mit der Gesamtheit menschlicher Erfahrung zu verwechseln.
Ein Denker, den es wiederzuentdecken gilt
Imagination der Materie ist deshalb weit mehr als eine historische Einführung in das Denken eines französischen Philosophen. Das Buch führt zu einer Frage zurück, die in unserer Gegenwart zunehmend wichtig wird: Was bleibt vom Menschen übrig, wenn alles nach seinem Nutzen, seinem Wert und seiner Verwertbarkeit beurteilt wird?
Bachelards Antwort liegt in der Imagination. In der Fähigkeit, über das Gegebene hinauszugehen, sich von der Welt berühren zu lassen und in den Dingen mehr zu sehen, als ihr bloßer Gebrauchswert bzw. Tauschwert vorgibt.
Gerade deshalb lohnt sich die Rückkehr zu Bachelard. Seine Philosophie erinnert daran, dass die Welt nicht nur aus dem besteht, was sich berechnen lässt, sondern vor allem auch dort zu finden ist, wo man empfindet und dass gerade dort, wo das Kalkül endet, eine andere Form von Erkenntnis beginnt, die uns zu wirklichen Menschen macht.
© Matthes & Seitz

