Elisabeth Lenk: Die Phantasie als Widerstand

Es gibt Denkerinnen, deren Bedeutung in keinem Verhältnis zu ihrer Bekanntheit steht. Elisabeth Lenk gehört zweifellos dazu. Die im Berliner Verlag Matthes & Seitz erschienenen Kritischen Schriften versammeln Texte einer Autorin, die wie kaum eine andere die Kritische Theorie mit der surrealistischen Praxis verbunden hat – wenn das überhaupt jemand sonst betrieben hat. Und gerade in einer Gegenwart, in der die Welt zunehmend als alternativlos und die eigene Handlungsfähigkeit als hoffnungslos eingeschränkt erscheint, ist Lenks Denken von erstaunlicher Aktualität: Vielleicht muss Widerstand wirklich dort beginnen, wo die mittlerweile eindimensionale Realität nicht mehr als das Gegebene hingenommen wird – in der Phantasie.

Elisabeth Lenk: Zwischen Adorno und André Breton

Elisabeth Lenk ist heute erstaunlich wenig bekannt. Dabei liest sich ihre intellektuelle Biografie beinahe wie eine Begegnung zweier der aufregendsten Strömungen des 20. Jahrhunderts. Sie war Schülerin Theodor W. Adornos und bewegte sich zugleich im Umfeld André Bretons und der französischen Surrealisten. In Paris begegnete sie Breton unmittelbar nach ihrer Ankunft und war zeitweise Mitglied der surrealistischen Gruppe.

Allein diese Konstellation macht Lenk zu einer faszinierenden Figur: hier die Kritische Theorie mit ihrer Kritik an der u.a. instrumentellen Vernunft, dort der Surrealismus mit seinem Versuch, die Grenzen der rational geordneten Wirklichkeit aufzubrechen. Was bei Lenk daraus entsteht, ist keine bloße Addition zweier Denktraditionen. Es ist eine geradezu revolutionäre Verbindung von kritischer Theorie und surrealer Praxis.

Wenn die Realität nicht mehr ausreicht

Denn was bedeutet das Surreale eigentlich? Es bezeichnet bei Lenk nicht einfach das Fantastische, Absurde oder Weltfremde. Das Surreale bezeichnet vielmehr eine Möglichkeit, über das unmittelbar Gegebene hinauszugehen, wobei sich das Subjekt gerade dort „wirklich“ erfahren kann. Und darin liegt seine politische Kraft.

Elisabeth Lenk Kritische Schriften

Die Kritische Theorie hat gezeigt, wie tief der Mensch in gesellschaftlichen Verhältnissen gefangen sein kann, die sich ihm als selbstverständlich und alternativlos präsentieren. Die instrumentelle Vernunft macht dabei die Welt zunehmend zu einem „Bestand“, der berechnet, verwaltet und verwertet werden kann.

Der Surrealismus setzt genau hier an. Er weigert sich, die Realität auf das zu reduzieren, was innerhalb der bestehenden Ordnung als „vernünftig“, möglich und wirklich gilt. Traum, Phantasie, das Unbewusste usw. werden so zu Formen eines Denkens, das die Grenzen des Bestehenden überschreitet. Das Surreale ist damit nicht die Flucht aus der Wirklichkeit. Es kann vielmehr ein Angriff auf deren vermeintliche Alternativlosigkeit sein.

Phantasie als kultureller Widerstand

Gerade deshalb sind Lenks Kritische Schriften heute so interessant. In einer Welt, in der politische, ökonomische und gesellschaftliche Prozesse häufig den Eindruck erwecken, als könne man ihnen nur noch zuschauen, stellt sich die Frage nach den Möglichkeiten des Widerstands neu.

Was kann Kritik überhaupt noch bedeuten, wenn die bestehenden Verhältnisse so mächtig erscheinen? Lenks Antwort liegt nicht zuletzt in der ästhetischen Phantasie. Kunst muss die Welt nicht versöhnen. Sie muss nicht das Bestehende bestätigen oder uns mit einer harmonischen Vorstellung von Gesellschaft beruhigen. Gerade ihre Fähigkeit, Widersprüche offenzuhalten und andere Möglichkeiten denkbar zu machen, macht sie so politisch. Das ist ein entscheidender Gedanke. Denn bevor eine andere Welt praktisch verwirklicht werden kann, muss sie überhaupt erst vorstellbar bzw. phanatsierbar sein.

Gegen die eindimensionale Gesellschaft

Hier berührt sich Lenk auf faszinierende Weise mit jener Kritik an der „eindimensionalen“ Gesellschaft, wie sie insbesondere Herbert Marcuse formuliert hat. Eine Gesellschaft, in der die vorhandenen Kategorien zugleich die Grenzen dessen bestimmen, was überhaupt gedacht werden kann, braucht keine offene Zensur mehr. Es genügt, wenn Alternativen als unrealistisch, irrational oder naiv erscheinen.

Der Surrealismus stört diese Ordnung. Er produziert Bilder, Verbindungen und Gedanken, die sich der instrumentellen Logik entziehen. Er bringt das Unvereinbare zusammen, lässt das Unwahrscheinliche zu und öffnet damit einen Raum, in dem das Denken wieder über das Bestehende hinausgehen kann.

Gerade deshalb ist die Verbindung von Kritischer Theorie und surrealer Praxis bei Lenk so produktiv: Die eine analysiert die gesellschaftlichen Mechanismen, die uns beschränken; die andere erprobt ästhetische Formen, mit denen diese Beschränkung überschritten werden kann.

Elisabeth Lenk: Eine vergessene Denkerin

Die Kritischen Schriften machen damit nicht nur eine wichtige Autorin wieder zugänglich. Sie führen auch eine intellektuelle Tradition vor, die heute wieder neu entdeckt werden sollte. Lenk schreibt über Literatur, Ästhetik, Frauen, Gewalt, Politik, Traum und gesellschaftliche Wirklichkeit. Immer wieder geht es dabei um die Frage, wie ästhetisches Denken und politisches Handeln zusammenhängen.

Das macht die Lektüre manchmal anspruchsvoll, aber gerade deshalb auch so lohnend. Lenk liefert keine Gebrauchsanweisung für Widerstand. Sie zeigt vielmehr, dass Widerstand bereits mit einer anderen Art des Wahrnehmens und Denkens (aber auch Träumens) beginnen kann.

Die Welt anders denken

Genau darin liegt die eigentliche Aktualität dieser Schriften. Wenn man sich einer Gegenwart gegenüber sieht, in der man sich den Ereignissen zunehmend ausgeliefert fühlt, wird die Phantasie leicht als Luxus betrachtet. Als etwas, das man sich leisten kann, wenn die wirklich wichtigen Probleme gelöst sind.

Lenk dreht dieses Verhältnis um. Die Phantasie wird selbst zur politischen Ressource. Denn wer sich keine andere Wirklichkeit vorstellen kann, wird sich auch kaum für eine andere Wirklichkeit einsetzen können. Der Surrealismus wird so zu einer Praxis des kulturellen Widerstands: nicht, weil er die Realität verleugnet, sondern weil er sich weigert, sie als letzte Möglichkeit anzuerkennen.

Elisabeth Lenks Kritische Schriften sind deshalb eine bemerkenswerte Wiederentdeckung. Sie zeigen eine Denkerin, die zwischen Frankfurt und Paris, zwischen Adorno und Breton, zwischen Gesellschaftskritik und surrealer Praxis einen eigenen Weg gefunden hat.

Und das ist heute die wohl wichtigste Botschaft dieses Buches: Widerstand beginnt nicht erst dort, wo man die Welt verändern kann. Er beginnt dort, wo man aufhört, die bestehende Welt für die einzig mögliche zu halten.


© Matthes & Seitz