Das unersättliche Selbst: Warum Narzissmus viel mehr ist als ein Persönlichkeitsmerkmal

Narzissmus ist eines jener Modewörter, die in den vergangenen Jahren beinahe inflationär verwendet wurden. Donald Trump galt dabei als Paradebeispiel, Beziehungen wurden als „toxisch“ diagnostiziert und in sozialen Medien schien plötzlich jeder zweite Mensch ein Narzisst oder eine Narzisstin zu sein. Da stellt sich die Frage, ob man wirklich noch ein weiteres Buch zu diesem Thema braucht. Die Antwort lautet: Ja! Zumindest dann, wenn es sich um Das unersättliche Selbst. Phänomenologie des Narzissmus von Thomas Arnold und Thomas Fuchs handelt.

Die Phänomenologie des Narzissmus

Die große Stärke dieses Buches liegt darin, dass es sich dem Thema nicht primär psychologisch oder therapeutisch nähert, sondern philosophisch. Das mag zunächst recht trocken klingen. Tatsächlich aber gelingt Arnold und Fuchs etwas Bemerkenswertes: Sie heben die Debatte um den Narzissmus auf eine völlig neue Ebene und führen sie zugleich tiefer als viele der gängigen psychologischen Diagnosen.

Denn während populäre Debatten meist um besonders auffällige Narzissten kreisen – Politiker, Influencer oder exzentrische Führungspersönlichkeiten –, interessiert sich dieses Buch für eine viel grundlegendere Frage: Wie begegnen wir eigentlich anderen Menschen?

Der andere als Mittel zum Zweck

Ein zentraler Gedanke des Buches lautet, dass wir oft glauben, Beziehungen zu anderen Menschen zu führen, während wir in Wahrheit vor allem mit uns selbst beschäftigt sind.

Hier greifen die Autoren unter anderem auf Gedanken von Emmanuel Levinas zurück. Der andere Mensch erscheint dann nicht als eigenständiges Gegenüber, sondern wird zum Mittel der eigenen Bedürfnisbefriedigung. Wir suchen Bestätigung, Anerkennung, Liebe oder Aufmerksamkeit und benutzen andere Menschen – oftmals unbewusst – als Projektionsflächen unserer Wünsche. Das Problem dabei: Der andere bleibt immer ein anderer.

Das unersättliche Selbst. Phänomenologie des Narzissmus von Thomas Arnold und Thomas Fuchs

Der Andere lässt sich dabei nicht vollständig vereinnahmen, nicht besitzen und nicht auf die Funktion reduzieren, unsere Bedürfnisse zu erfüllen. Genau darin liegt seine radikale Andersheit. Versuchen wir dennoch, ihn auf unsere Wünsche zuzuschneiden, verlieren wir den Kontakt zu ihm als eigenständiger Person. Es entsteht kein echtes Verhältnis mehr, sondern eine Form der Instrumentalisierung.

Narzissmus als gesellschaftliches Phänomen

Gerade hier wird das Buch besonders spannend. Denn Narzissmus erscheint plötzlich nicht mehr als das Problem einiger weniger auffälliger Persönlichkeiten. Er wird zu einem gesellschaftlichen Grundmuster, das sich durch zahlreiche Beziehungen zieht und aufzeigt, dass die meisten Menschen von Grund auf unfähig sind, authentische Beziehungen zu führen.

Wer das Buch aufmerksam liest, wird schnell feststellen, dass Narzissmus immer etwas ist, das man zunächst bei anderen entdeckt. Der narzisstische Partner. Die narzisstische Kollegin. Der narzisstische Politiker.

Doch Arnold und Fuchs führen die Leserinnen und Leser an einen unbequemeren Punkt. Nämlich zu der Frage, inwiefern man selbst andere Menschen tatsächlich als eigenständige Personen wahrnimmt – oder ob man sie nicht ebenfalls häufig für die eigene Selbstinszenierung, Selbstbestätigung oder Bedürfnisbefriedigung benutzt. Gerade diese Perspektivverschiebung macht das Buch so erhellend und erkenntnisreich.

Von Levinas bis zum Literaturbetrieb

Wie fruchtbar dieser Ansatz sein kann, zeigt sich weit über unsere persönlichen Beziehungen hinaus. Man denke etwa an literarische Texte, die vollständig um das Innenleben einer Hauptfigur kreisen. Diesbezüglich sorgte kürzlich beim Bachmannpreis die Kritik von Philipp Tingler an dem viel gelobten Text von Ozan Zakariya Keskinkılıç für Diskussionen. Sein Vorwurf lautete unter anderem, dass die auftretenden Figuren letztlich nur dazu dienten, die Perspektive und Gefühlswelt des erzählenden Ichs zu stützen. Die anderen Figuren existieren somit nicht als eigenständige Personen, sondern lediglich als Projektionsflächen.

Ob man dieser Kritik zustimmt oder nicht, spielt dabei fast keine Rolle. Interessant ist vielmehr, dass sich mit Arnold und Fuchs plötzlich ein philosophisches Instrumentarium eröffnet, um genau solche Fragen zu stellen: Wird der andere als anderer anerkannt oder lediglich als Funktion der eigenen Geschichte behandelt?

Eine Phänomenologie der Gegenwart

Das Buch überzeugt nicht zuletzt deshalb, weil es Narzissmus nicht moralisiert. Es geht den Autoren nicht darum, Menschen in Narzissten und Nicht-Narzissten einzuteilen. Vielmehr beschreiben sie eine Grundstruktur menschlicher Erfahrung, die in modernen Gesellschaften besonders sichtbar wird.

Das macht Das unersättliche Selbst zu weit mehr als einem Buch über eine psychologische Diagnose. Es ist eine Untersuchung darüber, wie wir Beziehungen führen, wie wir andere wahrnehmen und weshalb wir oft an unseren eigenen Bedürfnissen scheitern.

Ein außergewöhnlich kluges Buch

Thomas Arnold und Thomas Fuchs ist mit Das unersättliche Selbst ein ebenso anspruchsvolles wie bereicherndes Buch gelungen. Es verbindet Phänomenologie, Sozialphilosophie und Psychologie auf überzeugende Weise und eröffnet neue Perspektiven auf ein Thema, das längst zu einem kulturellen Schlagwort geworden ist.

Wer nach einfachen Diagnosen sucht, wird hier nicht fündig werden. Wer jedoch verstehen möchte, warum menschliche Beziehungen so oft an den eigenen Erwartungen scheitern und weshalb die Begegnung mit dem anderen vielleicht die schwierigste Aufgabe überhaupt ist, findet in diesem Buch eine ebenso kluge wie tiefgründige Lektüre.

Und genau darin liegt seine größte Stärke: Nach der letzten Seite denkt man nicht mehr nur über andere Narzissten und Narzisstinnen nach. Sondern über sich selbst.


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