Mein Leben als Noiseband: Weirdness und Literatur

Clemens J. Setz macht in Mein Leben als Noiseband, erschienen bei Suhrkamp, eigentlich genau das, was er schon immer besonders gut kann: Er erzählt von Menschen, die irgendwie aus der Normalität herausfallen. Menschen, die weirde, schräge, manchmal geradezu cringe Persönlichkeiten sind. Doch ist das Entscheidende bei Setz, dass er seine Figuren niemals bloßstellt. Er verfällt nie in plumpen Voyeurismus oder macht sich über seine Figuren lustig. Im Gegenteil: Setz nähert sich ihnen mit einer bemerkenswerten Empfindsamkeit und schafft dadurch eine menschliche Nähe, die in dieser Form in der Literatur ziemlich einmalig ist.

Clemens J. Setz: Weird, aber niemals lächerlich

Die Schrägheit seiner Figuren zieht sich natürlich durch das gesamte Werk von Clemens J. Setz. Und auch in Mein Leben als Noiseband begegnen uns wieder Menschen, deren Verhalten zunächst einmal irritiert bzw. atypisch erscheint. Doch gleichzeitig zieht sich durch die Erzählungen eine andere Konstante: die Liebenswürdigkeit, mit der Setz seinen Figuren begegnet bzw. das zurückhaltende Verständnis, dass in einer Zeit der vorschnellen Urteile und Meinungen leider immer mehr die Ausnahme bleibt.

Das ist vielleicht das eigentlich Besondere an diesem Buch, neben der literarischen Großartigkeit natürlich. Man liest diese Geschichten und ertappt sich nicht dabei, von außen über diese Menschen zu urteilen. Man steht nicht als voyeuristische*r Beobachter*in daneben, der sich über die Merkwürdigkeiten anderer Menschen amüsiert. Stattdessen kommt man ihnen erstaunlich nahe. Setz schafft es dabei, das Schräge nicht zu beseitigen, sondern es verständlich zu machen.

Mein Leben als Noiseband: Das Kleid

Besonders schön zeigt sich das in der Erzählung Das Kleid. Im Mittelpunkt steht eine Kleiderverkäuferin, die einen kleinen privaten Laden führt, der abseits der großen Massenkonkurrenz irgendwie weiterbesteht. Eines Tages bekommt sie einen ungewöhnlichen Stammkunden. Dieser Mann kommt regelmäßig und kauft immer wieder dasselbe schwarze Kleid bzw. ein schwarzes Kleid, dass bestimmte Anforderungen erfüllen muss.

Und plötzlich entwickelt sich aus diesem Kleid ein regelrechter MacGuffin. Was ist eigentlich mit diesem Kleid? Setz baut daraus eine geradezu Hitchcockhafte Spannung auf. Wir folgen diesem rätselhaften Gegenstand, während die Verkäuferin ihrem Stammkunden immer näherkommt. Schließlich beginnen die beiden sogar miteinander auszugehen – und irgendwann löst sich auch das Geheimnis um das Kleid, was natürlich vollkommen anders ist, als erwartet. Man kann sich dabei vorstellen, dass der Grund für den Kleiderkauf ziemlich schräg ist.

Und natürlich ist auch die Verkäuferin selbst eine durchaus schräge Figur. Aber genau hier zeigt sich wieder Setz‘ große Stärke: Obwohl die gesamte Konstellation eigentlich geradezu danach schreit, die Figuren von außen zu betrachten und über ihre Merkwürdigkeiten zu lachen, passiert genau das nicht. Man versteht sie bzw. kann ihre Handlungen nachvollziehen. Es gibt keine plumpe Dualität von der eine ist gut der andere böse, oder umgekehrt.

Ein Hundebellen und eine Vater-Sohn-Beziehung

Eine andere Erzählung beschäftigt sich mit „Signalen“. Ein Vater steht gemeinsam mit seinem Sohn früh auf und versucht, einem bestimmten Hundebellen zu folgen. Die beiden wollen herausfinden, woher dieses Geräusch kommt.

Von außen könnte man diese Situation ganz anders lesen. Man könnte den Vater für einen verrückten Anrainer halten, der sich zum selbsternannten Hausmeister seiner Umgebung aufschwingt und einem Hundegeräusch hinterherjagt, das sonst niemanden interessiert. Doch Setz erzählt auch diese Konstellation nicht als bloße Skurrilität.

Stattdessen entsteht eine eigentümliche Vater-Sohn-Beziehung, die gerade durch diese gemeinsame Suche sichtbar wird. Es ist nicht unbedingt eine explizit liebevolle Beziehung. Aber Setz schafft es, die Seltsamkeit dieser Beziehung auf eine liebevolle Weise zu vermitteln. Und genau darin liegt seine Kunst.

Mein Leben als Noiseband: Geschichten, die anders funktionieren

Auch formal und erzählerisch sind die Geschichten in Mein Leben als Noiseband ungewöhnlich. Sie sind kreativ und entsprechen kaum dem, was man gemeinhin unter klassischen Kurzgeschichten versteht. Aber sie sind eben typisch Clemens Setz.

Er nimmt Situationen, Menschen und Handlungen, die zunächst merkwürdig oder sogar irritierend erscheinen, und verschiebt unsere Perspektive auf sie. Plötzlich ist das, was von außen absurd wirkt, nicht mehr absurd. Es wird menschlich. Und vielleicht ist genau das die eigentliche Qualität dieser Erzählungen: Sie bringen uns dazu, unsere Mitmenschen anders zu betrachten.

Clemens J. Setz: Empathie als literarische Methode

Mein Leben als Noiseband ist deshalb nicht nur ein Buch über seltsame Menschen. Es ist auch ein Buch darüber, wie wir andere Menschen betrachten. Setz zeigt die Weirdness seiner Figuren, ohne sie auf ihre Weirdness zu reduzieren. Er zeigt das Cringe, ohne daraus Spott zu machen. Und er erzählt von Menschen, die sich manchmal merkwürdig verhalten, ohne ihnen ihre Würde zu nehmen.

Für Fans von Clemens J. Setz wird dieses Buch deshalb vermutlich ohnehin eine große Freude sein. Aber auch für alle anderen Leserinnen und Leser bietet es etwas: die Möglichkeit, sich auf Menschen einzulassen, die auf den ersten Blick vielleicht befremdlich wirken – und ihnen trotzdem mit Empathie zu begegnen. Das ist eine bemerkenswerte literarische Fähigkeit.

Mein Leben als Noiseband ist ein wunderbares Buch über die Seltsamkeit des Menschen – und darüber, dass Seltsamkeit und Menschlichkeit einander keineswegs ausschließen.