Mike Tyson auf Netflix: Zwischen menschlichem Porträt und toxischer Männlichkeit

Die neue Mike Tyson-Doku auf Netflix ist sehr sehenswert, lässt aber wichtige Fragen unbeantwortet. Ein feministischer Blick hätte der Doku-Serie gut getan.

Wir Netflix zum neuen Pool für sehenswerte Porträts und Dokus?

Man kann sagen, was man will, aber Netflix mausert sich langsam mit seinen Sportler- und Prominentenporträts zunehmend zu einer interessanten Adresse für Dokumentarfilme. Nach Produktionen über Mr. T, Hulk Hogan und Arnold Schwarzenegger widmet sich der Streamingdienst nun Mike Tyson. Dabei fällt auf, dass viele dieser Dokumentationen in die Welt der 1980er-Jahre zurückführen: zu männlichen Heldenfiguren, großen Egos und schillernden Persönlichkeiten, deren Leben nicht selten von extremen Höhen und Tiefen geprägt ist.

Auch die neue Netflix-Dokumentation über Mike Tyson ist spannend, sehenswert und handwerklich gut gemacht. Sie bietet einen Einblick in das Leben des ehemaligen Boxweltmeisters, der zweifellos zu den polarisierendsten Figuren des internationalen Sports gehört. Und wer sich auf diese Reise einlässt, bekommt es mit einer ganzen Reihe von Tiefpunkten zu tun. Die Dokumentation zeichnet ein bewegtes, mitunter tragisches Leben nach und eröffnet dabei auch Perspektiven auf Tyson, die über die bekannten Skandale hinausgehen.

Mike Tyson auf Netflix: Der Versuch, einen Menschen hinter der Legende zu zeigen

Die Doku-Serie bemüht sich dabei sichtlich, Mike Tyson nicht bloß als Sportler oder Skandalfigur darzustellen, sondern ihn aus einer menschlichen Perspektive zu zeigen. Das ist grundsätzlich legitim und durchaus interessant. Schließlich ist die Biografie eines Menschen selten auf eine einzige Eigenschaft oder einen bestimmten Lebensabschnitt zu reduzieren. Auch bei Tyson lohnt sich der Blick hinter die öffentliche Figur.

Gleichzeitig bleibt ein gewisses Unbehagen. Denn die Dokumentation scheint auch daran interessiert, einen geläuterten Mike Tyson zu präsentieren: einen Mann, der Fehler gemacht hat, durch schwere Zeiten gegangen ist und heute auf sein Leben zurückblickt. Doch wie überzeugend funktioniert dieses Bild, wenn man die problematischen Seiten seiner Vergangenheit mitdenkt?

Mike Tyson und Netflix: Wo bleibt die feministische Perspektive?

Besonders deutlich wird diese Frage im Umgang mit den Vorwürfen und dem Gerichtsverfahren wegen Vergewaltigung. Dieses Kapitel gehört zu Tysons Biografie und wirft zwangsläufig Fragen auf, die sich nicht allein durch den Versuch beantworten lassen, den Menschen hinter der öffentlichen Figur zu zeigen. Die Dokumentation bleibt hier auffällig zurückhaltend und konzentriert sich stark auf das, was Tyson selbst erzählen möchte.

Auch sein Verhältnis zu Frauen wird kaum kritisch hinterfragt. Wenn Tyson von seinem früheren Lebensstil als „Frauenheld“ erzählt, vom ständigen „Hinterherjagen hinter Frauen“ und von seinen „sexuellen Eroberungen“, bleibt die Perspektive weitgehend die seine. Wobei auch sein Verhältnis zu Frauen nicht wirklich thematisiert wird – denn ein großer Feminsit wird Iron Mike wohl kaum gewesen sein. Es dominiert ein männlicher Blick, der diese Erlebnisse als Teil einer aufregenden, von Exzessen geprägten Biografie erscheinen lässt.

Auch die Tatsache, dass er, der Vergewaltigung schuldig gesprochen wurde, nach zwei Jahren wieder entlassen wurde, um gleich einmal 400 Millionen Dollar für kommende Kämpfe zu erhalten, wirft weitere Fragen auf, die nicht beantwortet werden. Welche Fäden wurden da gezogen, die zu seiner vorzeitigen Entlassung geführt haben. Genug einflussreiche Freunde und Gönner hatte er ja. Das er sich damit brüstet nach dem Knast so viel Geld abzugreifen während sein Opfer im Niemandsland verschunden ist, macht ihn nicht gerade sympatisch.

Der fehlende femenistische Blick

Gerade angesichts der Vergewaltigungsvorwürfe wäre jedoch eine andere Perspektive wichtig gewesen. Ein feministischer Blick hätte danach fragen können, welches Frauenbild hinter dieser Selbstdarstellung steht, wie Macht und Männlichkeit in Tysons Lebensgeschichte miteinander verwoben sind und wo die Grenzen zwischen dem Image des Frauenhelden und problematischen Vorstellungen männlicher Sexualität verlaufen. Damit hätte sich auch das Phänomen toxischer Männlichkeit differenzierter herausarbeiten lassen.

Natürlich ist eine solche Dokumentation von ihrem Protagonisten abhängig. Was erzählt Mike Tyson? Was möchte er preisgeben? Und welche Aspekte seiner Vergangenheit lässt er lieber unangetastet? Wenn Tyson selbst großen Einfluss darauf hat, wie seine Geschichte erzählt wird, sind die Möglichkeiten kritischer Distanz womöglich begrenzt. Trotzdem bleibt die Frage, ob eine Dokumentation über eine derart polarisierende Persönlichkeit nicht gerade dort genauer hinschauen müsste, wo die Selbstdarstellung ihres Protagonisten an ihre Grenzen stößt.

Mike Tyson: Eine spannende Netflix-Dokumentation mit offenen Fragen

Die Netflix-Dokumentation über Mike Tyson ist deshalb keineswegs misslungen. Im Gegenteil: Sie ist spannend, gut gemacht und bietet einen interessanten Einblick in das Leben einer außergewöhnlichen, zugleich höchst widersprüchlichen Persönlichkeit. Gerade weil sie den Menschen hinter der Legende zeigen möchte, ist sie sehenswert. Das gilt auch für die Netflix-Doku über Mr. T.

Allerdings bleibt am Ende ein Zwiespalt. Die Serie bemüht sich um Verständnis für Mike Tyson, doch kritische Fragen zu seinem Verhältnis zu Frauen und zu den problematischen Seiten seiner Männlichkeit werden nicht konsequent genug gestellt. Ein feministischer Zugang hätte dieser Dokumentation zweifellos gutgetan. So bleibt ein sehenswertes Porträt, das zwar viele Facetten seines Protagonisten zeigt, einige entscheidende Fragen aber offenlässt.


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