Manipulation beginnt nicht immer mit einer großen Lüge. Oft reicht ein kleiner rhetorischer Trick: ein persönlicher Angriff, eine Mitleidsnummer, eine Drohung oder ein geschickt konstruiertes falsches Dilemma. Iris Gavric und Matthias Renger nehmen in Shitmoves – Vom Manipulieren und Manipuliert werden genau diese kommunikativen Tricks auseinander und zeigen, wie der Bullshit des Alltags funktioniert. Unterhaltsam, leicht verständlich und erstaunlich erkenntnisreich.
Shit Moves: Wenn es nicht ums Argument geht
Das Phänomen Bullshit ist in den vergangenen Jahren zu einem regelrechten philosophischen und gesellschaftlichen Modebegriff geworden. Es gibt mittlerweile zahlreiche Essays und Abhandlungen darüber, was Bullshit eigentlich ist und warum er unsere Kommunikation so stark prägt.
Das Buch Shitmoves von Iris Gavric und Matthias Renger setzt an einem etwas anderen Punkt an. Hier wird das große Phänomen des Bullshits in den kleinen kommunikativen Alltag heruntergebrochen. Ein Shitmove ist dabei eine manipulative Gesprächstechnik, die an die Stelle eines sachlichen Arguments tritt und letztlich nur ein Ziel verfolgt: gewinnen – um jeden Preis.
Genau hier trifft sich der Shitmove auch mit dem Bullshit. Denn auch beim Bullshit geht es schließlich nicht zwingend darum, bewusst zu lügen. Entscheidend ist vielmehr, dass die Wahrheit oder die sachliche Auseinandersetzung gegenüber dem eigenen Interesse zweitrangig wird. Es geht darum, sich durchzusetzen.
Shitmoves: Das Wörterbuch der miesen Tricks
Gavric und Renger machen daraus eine Art kleines Wörterbuch der kommunikativen Manipulation. Da gibt es etwa den Diss Move, bei dem das Gegenüber nicht argumentativ widerlegt, sondern persönlich angegriffen wird. Dazu kommen psychopathologisierende Angriffe, indirekte Verletzungen und stigmatisierende Techniken.
Besonders interessant ist der Opfer-Shit-Move: Eine Diskussion wird so gedreht, dass plötzlich nicht mehr über das eigentliche Argument gesprochen wird, sondern darüber, wer hier eigentlich das Opfer ist. Aus dem Angegriffenen wird der Angreifer, aus dem Kritisierten derjenige, der sich angeblich gegen einen Angriff verteidigen muss. Daneben finden sich falsche Dilemmata, Drohkulissen und zahlreiche weitere rhetorische Manöver. Insgesamt werden rund 20 verschiedene Formen solcher Shit Moves beschrieben und analysiert.
Wenn der Bullshit praktisch wird
Genau darin liegt die große Stärke des Buches. Während philosophische Bullshit-Theorien häufig auf einer doch recht abstrakteren Ebene bleiben, zeigen Gavric und Renger, wie diese Mechanismen tatsächlich funktionieren, jeden Tag. Nicht irgendwo in einem philosophischen Seminar, sondern im Gespräch mit dem Partner, im Freundeskreis, am Arbeitsplatz, im Internet oder in politischen Diskussionen.
Man erkennt beim Lesen dabei plötzlich Situationen wieder: Den Kollegen, der auf eine Sachfrage mit einem persönlichen Angriff reagiert. Die Gesprächspartnerin, die sich plötzlich selbst zum Opfer erklärt. Denjenigen, der eine Diskussion auf ein künstliches Entweder-oder reduziert. Oder jene Person, die statt eines Arguments eine Drohung in den Raum stellt. Das macht Shitmoves beinahe zu einem Erkennungsbuch für den kommunikativen Alltag.
Ein heiteres Buch über ein ernstes Problem
Dabei ist das Buch alles andere als trocken. Gavric und Renger schreiben ausgesprochen zugänglich und arbeiten mit zahlreichen Beispielen, die die einzelnen Techniken anschaulich machen. Das macht die Lektüre unterhaltsam, teilweise sogar ausgesprochen amüsant – obwohl das Phänomen, das dahintersteht, alles andere als harmlos ist.
Dass die beiden Autoren ein erfolgreiches Podcast-Duo sind, merkt man dem Buch durchaus an. Die Sprache ist direkt, zugänglich und auf Verständlichkeit angelegt. Das ist kein philosophischer Wälzer und will auch keiner sein. Gerade deshalb funktioniert das Konzept.
Shit Moves ist Populärwissenschaft im besten Sinne: Es nimmt ein komplexes Phänomen und zerlegt es in verständliche, wiedererkennbare Bestandteile. Aus dem großen, schwer greifbaren Begriff des Bullshits werden konkrete rhetorische Werkzeuge.
Ein Leitfaden durch den kommunikativen Wahnsinn
Am Ende bleibt ein Buch, das gleichzeitig unterhält und informiert. Iris Gavric und Matthias Renger zeigen, dass Manipulation nicht erst dort beginnt, wo jemand eine ausgefeilte Strategie verfolgt. Sie steckt oft in kleinen sprachlichen Bewegungen, die wir im Alltag kaum noch wahrnehmen: im persönlichen Angriff, in der Opferrolle, in der Drohung, im falschen Dilemma oder in der geschickten Verschiebung des eigentlichen Themas.
Shit Moves ist damit eine Art kleiner Leitfaden durch den kommunikativen Wahnsinn unserer Zeit – ein unterhaltsames Handbuch des alltäglichen Bullshits. Und wer das Buch gelesen hat, dürfte sich bei der nächsten Diskussion vermutlich öfter dabei ertappen, wohl folgenden Gedanken zu haben: Moment – das ist doch gerade ein Shit Move!
© S. Fischer Verlag

