Mit Sorry, Baby gelingt Eva Victor eines der bemerkenswertesten Regiedebüts der letzten Jahre. Die Tragikomödie erzählt von den Folgen eines sexuellen Übergriffs, ohne jemals auf die üblichen Mechanismen des Betroffenheitskinos zurückzugreifen. Stattdessen findet der Film eine ebenso ungewöhnliche wie berührende Sprache zwischen Humor, Schmerz und Heilung.
Sorry, Baby: das Traumatische neu erzählen
Es gibt Filme, die von traumatischen Erfahrungen erzählen, indem sie das Leid möglichst direkt zeigen. Sorry, Baby geht einen anderen Weg. Und gerade deshalb ist dieser Film so außergewöhnlich.
In mehreren Kapiteln und nicht chronologisch erzählt, begleitet der Film eine junge Akademikerin, die versucht, einen sexuellen Übergriff zu verarbeiten, den ihr Doktorvater während ihrer Dissertation an ihr verübt hat. Was dabei zunächst wie ein schweres Sozialdrama klingt, entwickelt sich unter der Regie von Eva Victor zu etwas ganz Eigenem: einer Tragödie mit komödiantischen Untertönen, einer Tragikomödie, die weder das Leid verharmlost noch sich den einfachen Mitteln des emotionalen Schocks bedient.
Eva Viktor: Eine ungewöhnliche Stimme
Dass der Film eine so besondere Tonlage findet, dürfte auch mit seiner Schöpferin zusammenhängen. Eva Victor ist nicht nur Hauptdarstellerin, sondern zugleich Autorin und Regisseurin des Films. Bevor sie ins Filmfach wechselte, arbeitete sie für eine feministische Satire-Plattform, zunächst als Praktikantin, später als Autorin und Redakteurin.
Dieser Hintergrund ist in jeder Szene spürbar. Denn Sorry, Baby besitzt einen Humor, der nicht als Gegenpol zum Schmerz fungiert, sondern vielmehr als eine Möglichkeit, mit diesem umzugehen. Immer wieder tauchen absurde, skurrile oder beinahe comic-hafte Momente auf. Doch niemals entsteht der Eindruck, der Film würde sich über sein Thema lustig machen oder dessen Schwere relativieren.
Im Gegenteil: Der Humor wird hier zu einer Strategie des Überlebens. Zu einer Methode, das Unfassbare überhaupt greifbar zu machen.
Sorry, Baby: Das Trauma bleibt im Hintergrund
Bemerkenswert ist dabei auch, was der Film nicht zeigt: Der sexuelle Übergriff wird hier nämlich nicht zum dramatischen Höhepunkt stilisiert. Es gibt keine effekthascherischen Bilder, keine kalkulierten Schockmomente und keine Szenen, die das Publikum emotional überwältigen sollen. Stattdessen interessiert sich Sorry, Baby für das Danach.
Für die kleinen Veränderungen im Alltag. Für die Momente der Sprachlosigkeit. Für Freundschaften, die tragen. Für Situationen, die gleichzeitig traurig und komisch sein können. Der Film versteht, dass Traumata oft nicht in großen Ausbrüchen sichtbar werden, sondern in den scheinbar nebensächlichen Momenten des Lebens weiterwirken.
Eine stille Sensation
Gerade in einer Zeit, in der viele Filme gesellschaftlich relevante Themen möglichst laut und eindeutig verhandeln, wirkt Sorry, Baby fast schon radikal zurückhaltend.
Die nicht-lineare Erzählweise spiegelt den Prozess des Erinnerns und Verarbeitens wider. Die Kapitel fügen sich nach und nach zu einem Gesamtbild zusammen, ohne jemals in einfache psychologische Erklärungen zu verfallen. Der Film vertraut dabei vor allem seinem Publikum und seinen Figuren. Das Ergebnis ist ein Werk von großer emotionaler Intelligenz.
Einer der besten Filme der letzten Jahre
Sorry, Baby ist kein Film, der seine Zuschauerinnen und Zuschauer überwältigen möchte. Er arbeitet leise, vorsichtig und mit großer Empathie. Gerade darin liegt seine Stärke. Eva Victor gelingt das Kunststück, ein schweres Thema mit Humor, Wärme und Menschlichkeit zu verbinden, ohne jemals dessen Tragweite zu schmälern. Das ist selten. Und es ist beeindruckend.
Sorry, Baby gehört daher zu den einfühlsamsten, klügsten und gelungensten Filmen der letzten Jahre – ein kleines Werk, das lange nachhallt und zeigt, dass große Kinoerfahrungen nicht laut sein müssen.
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