Horst Bredekamps „Die künstlerische Intelligenz von Pilzen, Korallen und Bakterien“, erschienen im Wagenbach Verlag, ist zunächst einmal ein ästhetisch wunderschön gemachtes Buch. Es versammelt Zeichnungen und wissenschaftliche Darstellungen aus verschiedenen Jahrhunderten – Bilder, die teilweise so schön sind, dass man sie sich ohne Weiteres ins Wohnzimmer hängen könnte.
Kunst trifft Wissenschaft
Besonders faszinierend sind die Zeichnungen von Galileo Galilei. Für seine Beobachtungen der Sonnenflecken verwendete Galilei unter anderem eine Aquarelltechnik, um seine wissenschaftlichen Beobachtungen möglichst präzise festzuhalten. Und genau hier beginnt das eigentlich Spannende des Buches: Wissenschaftliche Erkenntnis und künstlerische Darstellung sind keineswegs so strikt voneinander zu trennen, wie wir es heute vielleicht gewohnt sind.
Im Verlauf des Buches zeigt Bredekamp, dass zahlreiche Naturwissenschaftler ihre Beobachtungen in Form von Skizzen und Zeichnungen festgehalten haben. Diese Bilder waren dabei nicht bloß Illustrationen bereits gewonnener Erkenntnisse. Sie waren selbst Teil des Erkenntnisprozesses.
Kunst als Erkenntnisform
Damit geht das Buch weit über seine wunderschönen Abbildungen hinaus. Im Grunde handelt es von der Frage, wie der Mensch überhaupt erkennt. Schon bei Galilei findet sich eine Auseinandersetzung mit der Frage, wie Natur zu verstehen ist. Die Natur lässt sich nicht einfach auf eine einzige Methode des Erkennens reduzieren.
Zwar wollte Galilei die Natur zunächst in festen geometrischen und mathematischen Regeln erfassen – Mathematik sollte gewissermaßen die Sprache sein, in der sich die Welt lesen lässt. Doch gerade die wissenschaftlichen Bilder, die aus dieser Beobachtung hervorgehen, zeigen etwas, das über die reine Berechnung hinausweist. Die Kunst ist dabei nicht bloß schmückendes Beiwerk zur Wissenschaft. Sie ist selbst eine Erkenntnisform.
Das verbindet Bredekamps Überlegungen auch mit der Erkenntnis, dass der Mensch nicht ausschließlich wissenschaftlich oder naturwissenschaftlich erkennt. Auch der Mythos kann eine Erkenntnisform sein. Der Mensch ist kein eindimensionales Erkenntnissubjekt. Er braucht unterschiedliche Formen, um die Welt zu begreifen.
Gegen die eindimensionale Vernunft
Damit richtet sich das Buch letztlich auch gegen ein mechanistisches Weltbild, in dem sich Geist und Materie streng gegenüberstehen und die Welt immer stärker einer rein instrumentellen Vernunft unterworfen wird.
Bredekamp zeigt dagegen, dass sich gerade in der Natur selbst etwas findet, das sich nicht vollständig in festen Regeln auflösen lässt: Von den Pilzen bis zu den Sonnenflecken, von der niedrigsten bis zur höchsten Sphäre zeigen sich im Zusammenspiel von Präzision und Wahrheit Phänomene einer irregulären Natur, die größer ist als die Gegebenheit fester Regeln.
Das ist die eigentliche Pointe dieses schmalen, aber äshtetisch nur umso schöneren und lesenswerten Buches. Selbst dort, wo wir besonders präzise, wissenschaftlich und mathematisch beobachten, begegnen wir einer Natur, die sich nicht vollständig auf Berechnung reduzieren lässt. Und in den Zeichnungen der Wissenschaftler wird sichtbar, dass Erkenntnis immer auch eine ästhetische und damit künstlerische Dimension besitzt.
Ein kleines Buch mit großer Wirkung
Die künstlerische Intelligenz von Pilzen, Korallen und Bakterien ist deshalb weit mehr als ein schönes Bilderbuch über wissenschaftliche Zeichnungen. Es ist eine kleine, äußerst anregende Kritik an der Vorstellung, dass sich unsere Erkenntnis auf naturwissenschaftliche, mathematische oder ökonomische Berechnungen reduzieren lässt.
Wir müssen die Welt nicht nur vermessen und berechnen. Wir müssen sie auch betrachten, darstellen, imaginieren und interpretieren können. Und genau deshalb ist dieses Buch so spannend: Es zeigt, dass Kunst nicht das Gegenteil von Erkenntnis ist, sondern eine ihrer Formen. Ein schmales, wunderschön gestaltetes und ausgesprochen kluges Buch – und zugleich eine Einladung, darüber nachzudenken, wie wir Menschen eigentlich erkennen.
Eine andere Leseempfehlung aus dem Verlag Klaus Wagenbach: Memokratie von Wolfgang Ullrich.
© Verlag Klaus Wagenbach

