Dank der freundlichen Unterstützung und Kooperation mit dem Junius Verlag aus Hamburg dürfen wir eine ganz besondere Buchreihe vorstellen: die „Einführungen“ des Junius Verlags. Auf knapp 200 Seiten werden darin die großen Denker*innen der Geistes- und Kulturgeschichte vorgestellt – konzentriert, verständlich und dennoch anspruchsvoll. Eine dieser inzwischen wieder neu aufgelegten Einführungen widmet sich Sigmund Freud. Andreas Mayer gelingt dabei ein bemerkenswert kompakter Überblick über Leben, Werk und Wirkung eines Denkers, der unser Bild vom Menschen nachhaltig verändert hat.
Sigmund Freud: Mensch ist nicht Herr im eigenen Haus
Sigmund Freud ist heute beinahe schon eine Selbstverständlichkeit. Begriffe wie das Unbewusste, Verdrängung, Traumdeutung oder Libido sind längst in die Alltagssprache eingegangen. Gerade deshalb droht man zu vergessen, wie revolutionär Freuds Denken ursprünglich eigentlich war.
Denn mit Freud vollzieht sich ein Paradigmenwechsel: Der Mensch ist nicht mehr Herr im eigenen Haus. Neben dem bewussten Denken, der Stolz des freien Menschen, existiert nämlich auch noch eine unbewusste Sphäre, die sich unserem direkten Zugriff entzieht und unser Denken, Fühlen und Handeln dennoch maßgeblich bestimmt.
Das lässt sich durchaus mit anderen großen wissenschaftlichen Umbrüchen vergleichen. Kopernikus rückte die Erde aus dem Zentrum des Universums; Freud rückte das bewusste Ich aus dem Zentrum des Menschen.
Vom Labor auf die Couch
Andreas Mayer führt in ihrem lesenswerten Buch chronologisch und zugleich thematisch durch dieses umfangreiche Werk. Es beginnt mit Freuds Weg „vom Labor zur Couch“, also mit seinen medizinischen und wissenschaftlichen Anfängen, bevor es zur Traumdeutung und damit zu einem jener Gebiete führt, die Freud für die moderne Psychologie überhaupt erst systematisch erschloss.
Der Traum wird bei Freud nicht länger als bedeutungsloses nächtliches Nebenprodukt betrachtet. Er wird zum Zugang zu einer verborgenen psychischen Wirklichkeit.
Danach geht es um die Libido und Freuds Sexualtheorie – ein Themenfeld, das in einer stark von christlich-katholischen Moralvorstellungen geprägten Gesellschaft keineswegs selbstverständlich war. Freud machte Sexualität damit zu einem zentralen Bestandteil der menschlichen Psyche und stellte damit erneut bestehende Vorstellungen über den Menschen infrage.
Sigmund Freud: Von der Urhorde zur modernen Masse
Besonders interessant wird die Einführung dabei dort, wo sie sich Freuds kulturtheoretischen Schriften widmet. Der Mensch ist bei Freud eben nicht ausschließlich Kulturwesen. In ihm wirken weiterhin archaische, triebhafte Kräfte. Kultur bedeutet deshalb auch Verzicht, Einschränkung und Verdrängung. Was verdrängt wird, verschwindet jedoch nicht einfach.
Gerade hier wird Freud für gegenwärtige Kulturtheorie wieder interessant: Eros und Thanatos, Individuum und Gesellschaft, Trieb und Kultur – all diese Spannungsverhältnisse durchziehen sein Denken.
Auch Freuds Überlegungen zur Masse, zur Religion, zur Geschichte und zur menschlichen Gemeinschaft zeigen, dass seine Theorie weit über die Behandlung psychischer Erkrankungen hinausreicht.
Eine kritische Einführung zu Sigmund Freud
Besonders gelungen ist, dass Andreas Mayer Freud dabei keineswegs zum unfehlbaren Genie stilisiert, ganz im Gegenteil wird sehr oft auch klar, inwiefern Freud auch, in die Ecke gedrängt, beinahe schon zwanghaft an bestimmten Theorien festgehalten hat. Und das ist auch das Spannende. Eine gute Einführung muss nicht nur erklären, was ein Denker gedacht hat, sondern auch zeigen, wo dieses Denken widersprüchlich wird.
Genau das geschieht hier. Freuds Theorien werden in ihren historischen Zusammenhängen dargestellt, zugleich werden Gegenpositionen und spätere Entwicklungen sichtbar. Interessant sind dabei gerade jene Momente, in denen Freud mit Einwänden konfrontiert wird und versucht, wie schon erwähnt, an seinen ursprünglichen Überlegungen festzuhalten.
Auch die Abspaltungen von Alfred Adler und C. G. Jung werden in diesem Zusammenhang verständlich. Die Geschichte der Psychoanalyse erscheint dadurch nicht als geradlinige Erfolgsgeschichte, sondern als ein Geflecht aus Konflikten, Abweichungen, Neuinterpretationen und teilweise erstaunlich kleinen theoretischen Differenzen, aus denen schließlich ganze Schulen hervorgehen konnten.
Freud und die Folgen
Das vielleicht Bemerkenswerteste an Freud ist ohnehin nicht nur das, was er selbst geschrieben hat, sondern das, was aus seinem Denken entstanden ist.
Von Jacques Lacans berühmter „Rückkehr zu Freud“ bis hin zu gegenwärtigen Kulturtheorien, etwa bei Slavoj Žižek, ist Freud nach wie vor präsent. Das Unbewusste, die Psychoanalyse und die Frage nach den verborgenen Triebkräften menschlichen Handelns sind keineswegs erledigte Kapitel der Wissenschaftsgeschichte. Im Gegenteil: Gerade dort, wo heute über Ideologie, Begehren, Identität oder gesellschaftliche Verdrängungsmechanismen gesprochen wird, taucht Freud immer wieder auf.
Eine Einführung, die ihrem Namen gerecht wird
Sigmund Freud zur Einführung ist deshalb vor allem eines: eine ausgesprochen gelungene Einführung in einen ausgesprochen komplexen Denker. Auf knapp 200 Seiten bekommt man einen historischen Überblick, lernt die wichtigsten Werke und Begriffe kennen und erhält zugleich einen Eindruck davon, wie widersprüchlich, produktiv und manchmal auch problematisch Freuds Denken war.
Und vielleicht ist das die größte Stärke des Buches: Es erinnert daran, dass Freud nicht einfach der Erfinder einiger populärer psychologischer Begriffe war. Er war ein Denker, der unser Verständnis davon, was der Mensch eigentlich ist, grundlegend verändert hat. Wer Freud bisher nur über Schlagworte kennt oder sich endlich einmal einen systematischen Überblick über sein Werk verschaffen möchte, findet hier einen hervorragenden Einstieg. Sigmund Freud zur Einführung ist eine kompakte, kritische und ausgesprochen lesenswerte Einführung – und zugleich eine Erinnerung daran, wie revolutionär Freud einmal war und wie viel von seiner Revolution bis heute in unserem Denken weiterlebt.
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