Mit Memokratie – Soziale Medien und autoritäre Bildpolitik legt Wolfgang Ullrich ein ebenso analytisch präzises wie beunruhigendes Werk vor. Sein neues Buch ist eine tiefgehende Untersuchung der visuellen Kultur sozialer Medien und zeigt eindrücklich, wie sehr Bilder heute politische Macht ausüben und vor allem auch demokratische Prozesse kompromisslos untergraben.
Memokratie: Soziale Medien als darwinistischer Raum
Im Zentrum von Ullrichs Analyse steht eine These: Soziale Medien folgen einer darwinistischen Logik. Was bedeutet das? Es herrscht eine „Survival of the fittest“-Mentalität in unserem Feed. Allerdings nicht im biologischen, sondern vielmehr im visuellen Sinne.
Bilder konkurrieren dabei um Aufmerksamkeit. Was sich dabei jedoch durchsetzt, ist nicht das Wahre oder Differenzierte, sondern das, was am schnellsten wirkt, am effizientesten eine Reaktion hervorruft. Damit sind natürlich Bilder gemeint, die provozieren und Emotionen hervorrufen, auf menschliche Affekte abzielen. Die Werte der Aufklärung werden dabei, wie wir alle wissen, mit Füßen getreten. In dieser Welt gilt dann natürlich: fressen oder gefressen werden. Diese Logik ist dabei eng verknüpft mit den Interessen der großen Tech-Konzerne, deren Plattformen genau auf diese Dynamiken ausgelegt sind.
Die Politik der Bilder
Ullrich zeigt weiter, dass wir längst in einer bildpolitischen Ordnung leben. Bilder sind dabei nicht mehr bloße Illustrationen von Politik und bilden etwas ab. Sie sind bereits selbst politische Akteure geworden. Sie verschieben Machtverhältnisse, mobilisieren Emotionen und prägen öffentliche Diskurse.
Besonders eindrücklich wird dies anhand konkreter Beispiele, mit denen Ullrich arbeitet: Screenshots von Memes, die im Buch analysiert und kontextualisiert werden. Dadurch wird die Argumentation nicht nur theoretisch, sondern unmittelbar nachvollziehbar, was eindeutig die Stärken dieses Werkes sind.
Memokratie: Die Rechte als visuelle Avantgarde
Ein zentraler Fokus liegt dabei auf der politischen Rechten – insbesondere auf Figuren wie Donald Trump und Elon Musk. Ullrich zeigt, wie geschickt diese Akteure die Logik der Meme-Kultur für sich nutzen und den Diskurs online, aber auch offline fest bestimmen.
Ihre Strategien sind dabei oft bewusst simpel, provokativ und visuell zugespitzt. Die Ästhetik ist dabei nicht „hochwertig“ im klassischen Sinne. Ganz im Gegenteil: Sie ist oft billig, vulgär und überzeichnet. Doch genau das funktioniert. Denn genau darin liegt ihre Wirksamkeit. Diese Bilder sind dabei leicht verständlich, schnell konsumierbar und emotional aufgeladen. Es geht nicht um Aufklärung, wie schon erwähnt, sondern um eine Reaktion. Diese Memes verbreiten sich dann viral – und entfalten so enorme politische Wirkung. Eine Wirkung, die demokratische Werte untergräbt.
Die Ohnmacht der Demokratie
Demgegenüber steht die demokratische Öffentlichkeit – und wirkt erstaunlich hilflos. Wie Ullrich in zahllosen Beispielen darlegt. Wolfgang Ullrich beschreibt dabei eine visuelle Sprachlosigkeit der Linken und demokratischer Institutionen, die einem nur Angst machen kann. Das diese ihren Werten verhaftet bleiben und die Aufklärung in den Mittelpunkt rücken ist natürlich lobenswert. Den gesellschaftlichen Diskurs bestimmen dafür leider die anderen. Ein großes Problem: Während rechte Akteure und Akteurinnen die Dynamiken der Bildkultur intuitiv beherrschen, bleiben demokratische Kräfte oft im traditionellen Denken verhaftet: im Primat von Text, Argument und Inhalt.
Ein prägnantes Beispiel dafür ist die Haltung von Michelle Obama, die auf politische Angriffe mit dem berühmten Satz reagierte: „When they go low, we go high.“ Doch genau diese Haltung erweist sich in der Logik der sozialen Medien als problematisch. Denn die visuelle Kultur belohnt nicht moralische Überlegenheit – sondern Aufmerksamkeit.
Gescheiterte Bildpolitik
Besonders deutlich wird diese Problematik am Beispiel institutioneller Kommunikationsversuche, etwa durch die Europäische Union. Trotz erheblicher finanzieller Mittel und der Zusammenarbeit mit renommierten Künstlern gelingt es nicht, eine wirksame visuelle Sprache zu entwickeln, die das Gute an der europäischen Vision visuell auch überzeugend transportiert.
Die Ergebnisse bleiben oft abstrakt, verkopft oder schlicht wirkungslos. Im Kontrast dazu stehen die einfachen, direkten und massentauglichen Bilder der rechten Meme-Kultur, die unseren Alltag bestimmen. Ob wir wollen oder nicht.
Das Memes als Waffe
Wolfgang Ullrich zeigt in seinem Buch „Memokratie“ eindrucksvoll, wie Memes zu politischen Instrumenten geworden sind. Selbst offensichtliche Kritik kann dabei von rechten Akteuren problemlos umgedeutet und für die eigene Inszenierung genutzt werden.
Ironie, Überzeichnung und Provokation werden gezielt eingesetzt, um Aufmerksamkeit zu erzeugen und Deutungshoheit zu gewinnen. Aktuelle Beispiele – etwa KI-generierte Bilder von Migranten oder überhöhte Inszenierungen politischer Figuren – verdeutlichen, wie sich diese Strategien weiter radikalisieren. Die Folge ist eine autoritäre Mobilisierung durch Bilder, die demokratische Diskurse zunehmend untergräbt.
Ein trauriges, aber notwendiges Buch
„Memokratie“ ist kein leichtes Buch, auch wenn es sehr lesefreundlich und verständlich geschrieben wurde. Es ist dabei aber nicht minder analytisch, wissenschaftlich fundiert und zugleich erschreckend in seinen Befunden. Denn es zeigt, wie sehr sich die politischen Spielregeln verschoben haben. Die liberale Demokratie steht dabei einer Bildkultur gegenüber, für die sie bislang keine adäquaten Mittel gefunden hat.
Mit „Memokratie“ liefert Wolfgang Ullrich ein ebenso wichtiges wie aufrüttelndes Werk. Es fungiert dabei als ein Lehrbuch der visuellen Macht und zugleich eine Diagnose des Scheiterns demokratischer Bildpolitik. Wer jedoch verstehen will, wie soziale Medien politische Realität formen und unseren Alltag, wie auch das Denken fest bestimmen, kommt an diesem Buch nicht vorbei. Ein kluges, beunruhigendes und äußerst lesenswertes Werk, das die letzten Jahre der digitalen Öffentlichkeit in einem neuen Licht erscheinen lässt.
Bilder © Verlag Klaus Wagenbach

