Gegen die Gewohnheit des Erzählens: Alain Damasios Die Horde im Gegenwind

Alain Damasios Roman „Die Horde im Gegenwind“ ist kein Buch, das man einfach so liest. Es ist ein Erlebnis, ein Eregnis, ein Kraftakt aus Sprache, Idee und Emotion. Dieses Werk ist ein Meisterwerk, Punkt. Nicht, weil man ihm dieses Etikett gönnerhaft verleihen muss, sondern weil jede Seite spüren lässt, wie präzise und leidenschaftlich hier gedacht, komponiert und die Literatur an die Grenze ihrer Möglichkeiten getrieben wird. Doch was macht die Größe dieses Romans aus? Woher kommt seine unwiderstehliche Wucht?

Die Horde im Gegenwind: Eine Welt, die wir nicht kennen

Auf den ersten Blick ließe sich Alain Damasios Ausnahme-Roman Die Horde im Gegenwind dem Fantasy-Genre zurechnen. Eine epische Quest. Eine Gruppe Auserwählter. Eine unwirtliche Welt. Man denkt vielleicht an Der Herr der Ringe oder Game of Thrones – vertraute Modelle einer mittelalterlich anmutenden Anderswelt mit klaren Gegenspielern, Magie und altbekannten mythologischen Strukturen.

Doch Damasio transzendiert dieses Raster vollständig! Die Welt, die er in  Die Horde im Gegenwind erschafft ist keine Variante unserer Vergangenheit. Sie ist keine folkloristisch ausgeschmückte Mittelalterfantasie. Nein. Sie ist radikal neu! Und wie. Doch statt üppig und mit viel Brimborium uns für sich einzunehmen brilliert diese neue Welt vor allem mit ihrer Ästhetik der Leere, die aber eine literarische Fülle zur Folge hat. Damasios Welt ist spartanisch. Klippen, Schluchten, Plateaus. Landschaften. Keine üppigen Städte, keine detaillierte Historie oder Architektur. Diese Welt wirkt leer, fast wie die unfertige Szene eines existenzialistischen Theaterstücks, postapokalyptisch.

Alain Damasio Die Horde im Gegenwind

Doch gerade aus dieser Leere schöpft der Roman seine ganze literarische Wucht, seinen Ideenreichtum, der alles uns bekannte sprengt. Weil nichts Überflüssiges ablenkt, richtet sich der Blick auf Bewegung, auf Körper, auf Sprache, auf die Details. Die Landschaft ist Bühne. Und jede Szene wirkt wie eine eigene Choreografie gegen das Unsichtbare, den Wind in all seinen facettenreichen Formen. Es ist diese reduzierte Welt, die aber dennoch eine schier unendliche Fülle präsentiert, die das Buch schon außergewöhnlich macht. Wohingegen viele Autorinnen und Autoren mit einer überbordenden Beschreibung ihre neue Welt skizzieren, fokussiert sich Damasio auf das Wesentliche und erzeugt gerade dadurch, aber auch durch seine literarische Brillanz, eine schier nie enden wollende Fülle.

Die Horde im Gegenwind: Der Wind als Figur und Welt

Die Horde im Gegenwind existiert in einer „leeren Welt“. Eine Welt, die jedoch dem Wind unterworfen ist. Der Wind, etwas das im Grunde nur selten wirklich greifbar ist (leer wirkt), baut sich in diesem Buch jedoch zu einer phänomenologischen Erfahrbarkeit auf. Allein das ist schon extrem Außergewöhnlich.

Tag für Tag, ohne Unterlass, weht ein Sturm – stets in dieselbe Richtung. Es gibt „Fernstromab“ und „Fernstromauf“. Speziell ausgebildete Gruppen, sogenannte Horden, ziehen stromaufwärts gegen den Wind, um dessen Ursprung zu finden. Warum weht er? Woher kommt er? Das ist die alles überschattende Frage.

Und dann ist es aber eben genau dieser Wind, der in Alain Damasios Roman vor allem auch als Figur funktioniert. Nicht nur funktioniert! Damasio macht ihn sogar zum literarischen Ereignis und entwickelt eine eigene Terminologie für seine unterschiedlichsten Erscheinungsformen: Grimmwind, Zefirine, Slamino, Stesch, Choon usw. Über ein Dutzend Begriffe differenzieren das, was wir gewöhnlich bzw. in unserem Alltag nur „Wind“ nennen würden.

Mehr noch: Der Wind erhält hier sogar eine eigene Interpunktionssprache. Zeichen, typografische Markierungen, rhythmische Setzungen – all das bildet seine Bewegung ab. So etwas hat man in dieser Form noch nicht gelesen. Eine Welt, nur aus Wind gemacht und die Menschen darin, von eben diesem geformt.

Alain Damasio und die 23 Stimmen: ein Rhizom

Die Horde des Romans, die gegen den Wind marschiert bzw. diesen „kontert“, besteht dabei aus 23 Figuren. Im Text besitzt eine jede davon ihr eigenes Zeichen, eine eigene Stimme, eine eigene Perspektive. Der Roman wird somit nicht von einer zentralen Erzählinstanz getragen, sondern von einem Geflecht aus Stimmen.

Und genau hier kommt ein philosophischer Bezug ins Spiel: Damasio stellt seinem Roman nämlich ein Zitat aus Tausend Plateaus voran, dem Werk von Gilles Deleuze und Felix Guattari. In Tausend Plateaus entwickeln die beiden postmodernen Denker das Konzept des Rhizoms: eine Struktur ohne Zentrum, ohne Hierarchie, ohne festen Anfang oder Abschluss. Ein Netzwerk, das in alle Richtungen wächst. Kein Baum mit Stamm und Wurzeln sondern ein Geflecht. Genau so funktioniert auch Die Horde im Gegenwind.

Die 23 Figuren erzählen kein schnörkellos linear organisiertes Epos. Ihre Stimmen überlagern sich, ergänzen sich, widersprechen sich. Die Geschichte entsteht aus einem Vielklang. Kein Held dominiert. Kein klassischer Antagonist steht gegenüber. Stattdessen kämpft – oder besser: „kontert“ – die Horde den Wind. Wenn Deleuze und Guattari einen Roman geschrieben hätten, könnte er tatsächlich so aussehen. Und allein so etwas literarisch als Projekt anzugehen ist entweder größenwahnsinnig oder genial. Damasio ist dabei eindeutig Letzteres gelungen.

Kein klarer Feind – nur Widerstand

In klassischen Fantasy-Epen (aber auch überall sonst) gibt es ja bekanntlich das eindeutig Böse in Form eines Dualismus: Sauron, weiße Wanderer, dunkle Mächte. Damasio verweigert diese Vereinfachung. Der Wind ist eben kein moralischer Gegenspieler. Er ist vielmehr die Bedingung einer Welt, der die Horde auf den Grund gehen will, wobei jede*r dahinter etwas anderes vermutet. Von Paradis bis Hölle.

Apropos Wind: Die Horde formiert sich gegen diesen immer in bestimmten Konstellationen (die in Form der Zeichen auch immer dargestellt wird), je nachdem wie der Wind über diese Horde hinwegfegt. Das Kämpfen wird zum Wogen. Das Vorankommen ist kein Triumphzug, sondern ein permanentes Sich-Arrangieren mit Kräften, die größer sind als das Individuum.

Warum Die Horde im Gegenwind ein Meisterwerk ist

Ein Meisterwerk ist ein Werk, das auf mehreren Ebenen außergewöhnlich funktioniert. Das trifft auch auf die Horde im Gegenwind zu. Damasio erschafft dabei einen vollständig neuen Weltbau, der sich nicht auf vertraute Muster stützt, erzählt rhizomhaft mit 23 erzählerisch hierarchielosen Stimmen. Die Sprache setzt auf eigenständige Terminologie, typografische Innovation und poetische Verdichtung, während philosophische Tiefe Fragen nach Ursprung, Widerstand, Gemeinschaft und Sinn aufwirft.

Die Atmosphäre einer überwältigenden, suggestiven Leere zieht die Lesenden in einen Sog ohne bequeme Anker. Ja, man muss sich diese Welt erarbeiten, die Sprache des Windes lernen, doch gerade darin liegt die Faszination.

Literatur als Gegenwind

Die Horde im Gegenwind ist nicht einfach Fantasy. Nicht einfach Science-Fiction. Nicht einfach postapokalyptisches Abenteuer. Es verweigert die Zuordnung und ist dabei so viele mehr: Es ist ein literarisches Ereignis! Ein Roman, der zeigt, was möglich ist, wenn ein Autor nicht nur eine Geschichte erzählt, sondern eine eigene Welt – samt eigener Sprache und eigener Struktur – erschafft und daraus auch für eine Figuren die nötigen Konsequenzen zieht, bis in deren Alltagssprache hinein.

Damasio „kontert“ die Erwartungen des Genres wie seine Figuren den Wind: nicht frontal, sondern intelligent, formierend, beweglich. Und genau deshalb ist dieses Buch – ohne Pathos gesagt – ein Meisterwerk. Und das bis in die minimalsten Unscheinbarkeiten hinein. So beginnt das Buch bei Seite 715 und „kontert“ sich bis zur Seite 1, auf der womöglich eine Erkenntnis lauert, mit der niemand gerechnet hat. Oder kommt es auch zu Wettkämpfen, mit denen wirklich niemand in der Form gerechnet hat. Aus einem scheinbar nebensächlichen Phänomen (Wind) spinnt dieser großartige Autor eine eigene Welt, die man als literaturliebhabender Mensch unbedingt erfahren sollte. Auch wenn man mit Fantasie sogar nichts anfangen kann. Denn Literatur ist in diesem Ausnahmewerk größer als jedes noch so enge Genre, ein Grenzgänger-Werk, das man gelesen haben muss.


© Matthes & Seitz