Untold Mr. T: I Pity the Fool oder Der Blick hinter eine Kindheitsikone

Untold Mr T Netflix

Mr. T war eine Ikone. Für viele, die in den 1980er- und 1990er-Jahren aufgewachsen sind, war er einfach da: als B. A. Baracus in A-Team, als Clubber Lang in Rocky III oder auch als Zeichentrickfigur in der gleichnamigen Serie. Mit Goldketten, Irokesenschnitt und diesem unverwechselbaren Leck-mich-am Arsch-Auftreten. Jeder kannte Mr. T – aber kannte man auch den Menschen dahinter?

Die neue Netflix-Dokumentation „Untold Mr. T: I Pity the Fool“ versucht genau diese Lücke zu schließen. Und das gelingt ihr erstaunlich gut. Die rund 45-minütige Dokumentation ist kurz, prägnant und vor allem deshalb interessant, weil sie eine Figur aus der eigenen Kindheit plötzlich aus einer völlig anderen Perspektive zeigt.

Mr. T als kulturelles Phänomen: Netflix-Doku gibt Einblicke

Die Untold-Reihe hat sich darauf spezialisiert, Geschichten und Hintergründe zu erzählen, die bislang weniger bekannt waren. Bei Mr. T funktioniert dieses Konzept besonders gut. Denn seine Figur war weltweit bekannt, während über den Menschen hinter dieser Kunstfigur vergleichsweise wenig bekannt war.

Der Kulturwissenschaftler John Fiske hat sich einst mit der enormen Popularität von A-Team beschäftigt und dabei einen interessanten Punkt herausgearbeitet: Kinder befanden sich innerhalb der gesellschaftlichen und familiären Ordnung in einer strukturellen Minderheitenposition. Sie hatten wenig Macht, wenig Einfluss und mussten sich den Entscheidungen der Erwachsenen unterordnen. Mr. T verkörperte dabei genau das Gegenteil: körperliche Stärke, Selbstbestimmung und Unabhängigkeit.

Die Begeisterung für diese Figur konnte damit auch als Projektion einer eigenen machtlosen Position auf einen scheinbar unbezwingbaren Körper verstanden werden. Und war, eben Fiske zufolge gerade deshalb so populär. Mr. T war daher kein klassischer Schauspieler. Er war vor allem eine Figur. Und gerade diese Figur wurde zu einem kulturellen Phänomen.

Netflix Untold Mr T: Die Ketten als umgekehrtes Zeichen

Besonders spannend in der Netflix Untold-Episode über Mr. T sind dabei eben jene Details, die man als Kind natürlich nicht kannte. Etwa die berühmten Goldketten, die zu seinem Markenzeichen wurden. Die Dokumentation bzw. Mr. T selbst erklärt ihre Bedeutung vor dem Hintergrund der Geschichte seiner Vorfahren: Menschen, die als Sklaven verschleppt und mit Ketten an Hals, Hand- und Fußgelenken gefesselt wurden.

Mr. T machte aus diesen Ketten – in Form seiner goldenen und exzessiv zur Schau gestellten Goldketten – ein Zeichen von Würde, Stärke und Erinnerung. Er kehrte das Symbol der Unterwerfung gewissermaßen um, verwandelte es in Schmuck und transzendierte dessen ursprüngliche Bedeutung.

Auch sein charakteristischer Haarschnitt bekommt eine andere Bedeutung. Er ist nicht einfach irgendeine extravagante Frisur, sondern verweist auf afrikanische Traditionen und seine eigene Herkunft. Mit all diesen Informationen wird aus dem schrillen Fernsehstar von damals plötzlich eine Figur, in deren Erscheinungsbild sich Geschichte, Rassismus, kulturelle Identität und Selbstbehauptung eingeschrieben haben. Und man kann nur staunen über die Vielschichtigkeit und Komplexität einer Figur, die man als Kind oder Jugendlicher ganz schillernd wahrgenommen hat, aber dessen Bedeutung man nicht wirklich einordnen konnte. Die Netflix Untold Episode über Mr. T fungiert dabei als eine Art fehlendes Puzzle-Stück.

Mr. T: Eine Stimme der Befreiung

Noch interessanter wird der Blick auf Mr. T, wenn man ihn in den gesellschaftlichen Kontext seiner Zeit stellt. Die Dokumentation erzählt auch von Rassismus und den schwierigen Lebensbedingungen, mit denen er konfrontiert war. Seine Verehrung für Muhammad Ali spielt dabei ebenfalls eine Rolle.

So erscheint Mr. T rückblickend nicht mehr bloß als der muskelbepackte, kettenbehangene Charakter aus dem Fernsehen, sondern auch als Teil einer schwarzen amerikanischen Kultur, die sich gegen gesellschaftliche Zuschreibungen und rassistische Unterdrückung behaupten musste.

Gerade hier hätte die Dokumentation allerdings noch etwas weitergehen dürfen. Die gesellschaftlichen und politischen Hintergründe hätten durchaus noch fünf oder zehn Minuten mehr vertragen. Denn gerade die Frage, welche Bedeutung Mr. T innerhalb dieser kulturellen Landschaft tatsächlich hatte, ist ausgesprochen interessant, scheint er doch auch dort ein Phänomen der Selbstermächtigung gewesen zu sein.

Mr. T: Ein Wiedersehen mit der eigenen Kindheit

Das eigentlich Schöne an „Untold Mr. T: I Pity the Fool“ ist aber etwas anderes: Der Film konfrontiert uns mit einer Figur, die wir zu kennen glaubten. Man erinnert sich an Mr. T. Man kennt seine Stimme, sein Aussehen, seine Sprüche, seine Rolle im A-Team. Doch plötzlich bekommt diese scheinbar vertraute Figur eine Geschichte, eine wirkliche Geschichte, wird von ihrer Eindimensionalität und Projektion zu einem wirklichen Menschen. Hinter dem Fernsehidol erscheint dann plötzlich: ein Mensch mit einer eigenen Biografie, einer schwierigen Kindheit und einer Geschichte, die eng mit den gesellschaftlichen Verhältnissen seiner Zeit verbunden ist.

Und genau darin liegt die Stärke dieser kleinen Dokumentation: Sie schaut hinter die Ikone. Für eine Dokumentation über eine derart schillernde Figur hätte man sich zwar durchaus etwas mehr Laufzeit gewünscht. Aber dass man bei einer Netflix-Dokumentation ausnahmsweise einmal denkt, sie hätte ruhig länger dauern dürfen, ist fast schon ein Qualitätsmerkmal.

Unterm Strich ist Netflix Untold: Mr. T: I Pity the Fool eine kurzweilige, erhellende und überraschend interessante Annäherung an einen Menschen, den viele von uns seit ihrer Kindheit zu kennen glauben. Für Kinder der 1980er- und 1990er-Jahre ist diese Reise zurück zu einer der großen Popkulturfiguren ihrer Jugend deshalb beinahe Pflichtprogramm, das als eine wahre Horizonterweiterung daherzukommen vermag.

Wer sich für Mr T interessiert, für den ist die Netflix-Doku über Hulk Hogan mindestens genauso fazinierend.


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