Hektik, Hass und Aufmerksamkeit: zur Netflix-Dokumentation „Inside the Manosphere“

Inside the Manosphere Louis Theroux Netflix

Mit der Dokumentation Louis Theroux: Inside the Manosphere wagt sich Louis Theroux an ein Thema, das derzeit im Internet immer stärker an Einfluss gewinnt: die sogenannte „Manosphere“, ein Netzwerk aus Influencern, die mit aggressiven Männlichkeitsbildern, Frauenfeindlichkeit und radikalen Weltdeutungen Millionen von Followern erreichen.

Die Dokumentation bietet dabei einen seltenen Einblick in diese Szene. Zeigt zugleich aber auch ihre eigenen Grenzen. Denn so interessant das Thema ist, so problematisch ist die Art, wie der Film damit umgeht.

Manosphere: Eine Welt der Hektik und der einfachen Antworten

Was sofort auffällt: Die Welt dieser Manosphere-Influencer ist extrem hektisch. Sie ist laut, schnell und oberflächlich. Viele der Protagonisten verbringen Stunden am Tag im Livestream, sprechen pausenlos mit ihrem Publikum, produzieren permanent Content – mit extrem wenig Tiefe. Aufmerksamkeit ist die wichtigste Währung, aber das ist ja bekanntlich keine neue Erkenntnis.

Inhaltlich folgt diese Welt einem einfachen Muster: komplexe gesellschaftliche Fragen werden auf radikale Schwarz-Weiß-Erklärungen reduziert. Und das ist wirklich extrem schmerzvoll mitanzusehen! Was sich nicht sofort und vor allem einfach erklären lässt, wird einfach mit Verschwörungstheorien gedeutet. Fast jede Aussage ist zugleich mit einem Verkauf gekoppelt – Coachingprogramme, Datingkurse, Lifestyle-Produkte und natürlich Bitcoins und Co. Es ist eine Ökonomie der permanenten Aufmerksamkeit, mit dem Ziel des Verkaufs.

Eine Dokumentation, die in der Hektik untergeht

Das größte Problem dieser Netflix-Dokumentation ist jedoch, dass sie sich von dieser Hektik vereinnahmen lässt. Anstatt Distanz zu schaffen, reflektierende Momente einzubauen oder analytische Perspektiven zu eröffnen, wird der Film selbst Teil dieser schnellen, nervösen Medienwelt der Influencer.

Man hätte Inseln der Ruhe schaffen müssen. Räume der Analyse, in denen das Gezeigte eingeordnet wird. Vor allem auch mithilfe von Expert*innen. Doch stattdessen begleitet die Kamera hauptsächlich Theroux selbst, der versucht, mit den Influencern zu sprechen. Dabei wirkt er jedoch überraschend überfordert.

Louis Theroux: Der Journalist ohne Gegenargumente

Obwohl Louis Theroux als erfahrener Dokumentarfilmer gilt, scheint er in dieser Umgebung oft sprachlos. Wenn die Influencer ihre extrem vereinfachten Weltbilder präsentieren, findet er selten überzeugende Gegenbeispiele oder argumentative Strategien, um diese Positionen aufzubrechen.

Im Gegenteil: Mehrfach gelingt es den Influencern, ihn rhetorisch auszumanövrieren. Natürlich nicht durch starke Argumente, sondern durch schnelle Themenwechsel, ironische Provokationen und bewusst widersprüchliche Aussagen. Es sei vermerkt, das Louis Therouxs Job an dieser Stelle wirklich überbordend undankbar ist. Das führt jedoch zu einer merkwürdigen Situation: Der Dokumentarfilmer, der eigentlich analysieren sollte, wirkt plötzlich wie ein Gast in einer fremden Medienwelt, deren Regeln er nicht beherrscht und die ihn komplett überfordert und vereinnahmt.

Inside the Manosphere: Der Kampf der Narrative

Eine besonders interessante Dynamik entsteht durch die Medienstrategie der Influencer selbst. Während das Netflix-Team filmt, filmen auch sie – mit ihren eigenen Kameras. Sie schneiden ihre Aufnahmen dabei sofort um, posten sie online, reißen Aussagen aus dem Kontext und konstruieren ein Gegennarrativ zum Dokumentarfilm, der sich als machtloses Instrument erweist. In einer Welt, in der alles schnell gehen muss.

Hier zeigt sich jedoch ein grundlegendes Problem klassischer Medien: Ein Dokumentarfilm braucht Zeit – Dreharbeiten, Schnitt, Veröffentlichung. Die Influencer dagegen reagieren in Echtzeit. Sie produzieren sofort Gegenbilder, Gegeninterpretationen, Gegenpropaganda. Der Film kann gegen diese Geschwindigkeit überhaupt nicht ankommen.

Widersprüche ohne Konsequenzen

Ein weiterer faszinierender Aspekt der Dokumentation ist die völlige Widersprüchlichkeit vieler Aussagen. Ein Influencer äußert offen antisemitische, homophobe und frauenfeindliche Positionen – nur um später plötzlich zu behaupten, er habe jüdische Freunde oder homosexuelle Bekannte und so weiter, um seine Aussagen zu relativieren.

Am Tag zuvor filmt er dabei jedoch noch eine Szene, in der ein homosexueller Mann angegriffen wird – und zwar von einer Meute, die er selbst dazu angestiftet hat. Später bestreitet er jede Form von Homophobie. Es ist absurd. Absurd und schrecklich! Die Widersprüche sind offensichtlich. Doch sie haben kaum (sichtbare) Konsequenzen. Das Narrativ wird einfach neu erfunden. Vorherige Widersprüche wirken wie ausgelöscht.

Die Frauen hinter der Manosphere

Besonders aufschlussreich sind jedoch die Momente, in denen die Dokumentation versucht, die Partnerinnen dieser Influencer zu zeigen. Die Szene ist eindeutig von Frauenfeindlichkeit geprägt. Einige Influencer propagieren das Modell der „One-Sided Monogamy“. Bedeutet: Die Frau lebt monogam, während der Mann beliebig viele Beziehungen haben darf.

Doch sobald die Kamera mit den Partnerinnen spricht, wird deutlich, wie fragil diese Konstruktionen sind. In einem Fall scheint die Partnerin auch selbst nicht genau zu wissen, was diese „Regel“ eigentlich für ihre Beziehung bedeutet. Das Gespräch endet abrupt – sie möchte nicht weiter interviewt werden und erhält später ein Interviewverbot von ihrem Partner. Vor allem die Motive, warum sich Frauen in Beziehung zu solchen Männern begeben, bleiben spannend und auch aufschlussreich.

Ökonomie der Aufmerksamkeit

Eine der spannendsten Beobachtungen des Films bleibt allerdings nur angedeutet. Viele der Frauen, die mit diesen Influencern auftreten, sind selbst Influencerinnen – oft mit eigenen Plattformen oder Accounts auf OnlyFans. Die Beziehungen sind daher nicht nur privat, sondern vor allem auch ökonomisch. Die Zusammenarbeit mit einem Manosphere-Star kann Reichweite bringen, neue Follower, neue Einnahmen.

Hier zeigt sich ein grundlegendes Muster: Diese Szene funktioniert nach den Regeln der digitalen Aufmerksamkeitökonomie. Doch genau dieser kapitalistische Kontext – die ökonomischen Abhängigkeiten, die neoliberale Logik hinter dem ganzen Phänomen – wird im Film kaum thematisiert. Dabei wäre er zentral für das Verständnis dieser Welt.

Netflix, Inside the Manosphere und Louis Theroux

„Inside the Manosphere“ ist eine frustrierende, aber dennoch wichtige Dokumentation. Sie ist frustrierend, weil sie analytisch zu oberflächlich bleibt und sich zu stark von der Hektik der Influencer-Kultur mitreißen lässt.

Und doch lohnt sich der Film. Denn er bietet einen seltenen Einblick in eine digitale Szene, die immer mehr Einfluss auf junge Männer und auf den öffentlichen Diskurs gewinnt. Man muss ihn allerdings mit einem kritischen Blick sehen und sich die wichtigen Fragen leider selbst stellen, da der Film gerade dies verabsäumt.


© Netflix