Romantische Liebe gilt bis heute als der zentrale Fluchtpunkt unseres sozialen Lebens. Sie ist Verheißung, Ziel, Sinnstiftung und leider nur recht selten Gegenstand grundsätzlicher Kritik. Genau hier setzt Nora Kellner mit ihrem Buch LiebesMacht an. Ihr Werk, erschienen im Unrast Verlag, wagt dabei etwas, das im Mainstream kaum denkbar ist: Es stellt nicht nur romantische Ideale infrage, sondern dekonstruiert romantische Beziehungen als solche. Damit eröffnet die neue Denkräume für Nähe, Verbundenheit und soziale Verantwortung.
Im Denkraum von Eva Illouz: LiebesMacht geht einen Schritt weiter
Nora Kellners Analyse lässt sich klar in eine Traditionslinie mit Eva Illouz einordnen. Illouz hat in Werken wie Konsum der Romantik eindrücklich gezeigt, wie romantische Beziehungen tief im Kapitalismus und neoliberalen Konsumlogiken verankert sind. Romantik erscheint dort nicht als naturgegebenes Gefühl, sondern als kulturell produziertes, ökonomisch aufgeladenes Phänomen.
Doch während Illouz das romantische Ideal kritisch beleuchtet, es aber letztlich nicht grundsätzlich infrage stellt, geht Kellner weiter. LiebesMacht verlässt den im Grunde sicheren Rahmen der Romantik-Kritik (Romantik: ja, aber gerade neoliberal versucht!) und richtet den Blick auf das Fundament selbst. Warum nur organisieren wir unser gesamtes Beziehungsleben um ein romantisches Zweiermodell? Und man kommt da einfach nicht darüber hinweg, sich selbst zu fragen: Ja, warum machen wir das wirklich!?
Die romantische Zweierbeziehung als soziale Verengung
Zentraler Gedanke des Buches von Nora Kellner ist dabei die Beobachtung, dass romantische Beziehungen in unserer Gesellschaft eine privilegierte Stellung einnehmen. Bedeutet: Sobald sich eine Zweierbeziehung formiert – oft heteronormativ, häufig mit dem Ziel von Ehe oder dauerhafter Exklusivität –, entsteht eine abgeschlossene Beziehungseinheit. Diese Einheit wird gesellschaftlich aufgewertet, während andere Beziehungen automatisch an Bedeutung verlieren. Ganz klassisch kennen wir wohl alle das Phänomen, dass, sobald ein Mensch in einer romantische Paarbeziehung geht, plötzlich viel weniger Zeit für seine Freund*innen hat
Freund*innenschaften geraten dabei in eine nachrangige Rolle. Sie werden zum „Beiwerk“, zum Übergangsstadium oder zur bloßen Ergänzung der eigentlichen Beziehung. Doch warum sollte die romantische Beziehung eigentlicher sein, als Freundschaften? Genau dieser Frage geht das Buch LiebesMacht nach. Kellner zeigt dabei, wie diese Hierarchisierung nicht zufällig ist, sondern ein soziales Konstrukt. Eines, das Nähe verengt statt erweitert.
LiebesMacht: Freundschaft als verdrängte Beziehungsform
Ein besonderer Fokus von LiebesMacht liegt dabei auf dem Begriff der Freund*innenschaft. Kellner fragt, warum Freundschaften trotz ihrer emotionalen Tiefe, Dauerhaftigkeit und sozialen Tragfähigkeit systematisch abgewertet werden. Warum gelten sie als weniger verbindlich, weniger wichtig, weniger „ernst“? Und warum man diesen Ansatz radikal umdenken sollte!
LiebesMacht dreht diese Logik um. Es stellt die provokante, aber überzeugende Frage, warum Freund*innenschaften nicht die primäre Beziehungsform sein sollten. Warum nicht ein soziales Leben denken, das auf Solidarität, Wahlverwandtschaft und geteilter Verantwortung basiert – statt auf exklusiver romantischer Vereinnahmung?
Aromantik als Erkenntnisraum
In diesem Zusammenhang spielt auch das Thema Aromantik eine wichtige Rolle. Kellner nutzt Aromantik nicht als Randphänomen, sondern als erkenntnistheoretische Linse. Wer romantische Anziehung nicht erlebt oder nicht als zentral empfindet, wird in einer romantisch organisierten Gesellschaft dabei recht schnell unsichtbar gemacht. Liebesmacht zeigt jedoch, wie sehr unsere sozialen Normen bestimmte Begehren privilegieren – und andere dadurch eben delegitimieren.
Gerade hier entfaltet das Buch seine politische Schärfe: Es macht sichtbar, dass romantische Beziehungen nicht nur privat, sondern vor allem auch durch Machtverhältnisse strukturiert sind.
Neue Beziehungsräume statt romantischer Illusionen
Kellners Buch verweigert sich einfachen Antworten und liefert keine neue Norm, die an die Stelle der alten tritt. Stattdessen eröffnet es Möglichkeitsräume. Es lädt dazu ein, Beziehung neu zu denken. Und das Jenseits von romantischen Fantasmen, Besitzlogiken und Ausschlüssen.
Die romantische Liebe erscheint dabei nicht als Feindbild, sondern als überschätztes Ideal, das uns wie eine Karotte vorgehalten wird: als Versprechen von Erfüllung, das selten hält, was es verspricht. Freundschaften hingegen werden als produktiver, nachhaltiger und vor allem solidarischer beschrieben. Als Beziehungen, die nicht auf Mangelverwaltung, sondern auf geteiltem Leben beruhen.
LiebesMacht: Ein leises, radikales Buch
LiebesMacht ist kein lautes Buch. Es ist unscheinbar, theoretisch klar und weit entfernt vom Mainstream. Doch gerade darin liegt seine Stärke. Nora Kellner gelingt es, unsere verhärteten Beziehungskonstrukte (auch mithilfe persönlicher Geschichten) aufzubrechen und Denkweisen zu ermöglichen, die weit über individuelle Liebesfragen hinausgehen.
Dieses Buch ist deshalb revolutionär, weil es nicht predigt (ok, phasenweise natürlich schon), sondern vor allem auch verschiebt. Weil es unsere Art Beziehungen zu führen ganz neu gewichtet. Und weil es zeigt, dass eine andere Organisation von Nähe möglich ist. jenseits der romantischen Monokultur.
© Unrast Verlag

