Unterwegs im Denken: Volha Hapeyevas Wörterbuch einer Nomadin

Der Titel verspricht ein „Wörterbuch“. Doch Wörterbuch einer Nomadin ist natürlich kein Nachschlagewerk. Und es ist auch kein klassischer Reisebericht. Es ist vielmehr ein roter Faden, der sich durch Kontinente, Kulturräume und Denklandschaften zieht, eine intellektuell verspielte Wanderung durch Sprache, Philosophie und Erfahrung der belarussischen Autorin Volha Hapeyeva.

Volha Hapeyevas phänomenologische Reise

Die belarussische Autorin Volha Hapeyeva schreibt kein Buch über Begriffe. Sie schreibt über Bewegung. Über das Unterwegssein in geografischen, kulturellen und geistigen Räumen. Was hier entsteht, ist weniger ein Wörterbuch als eine phänomenologische Reise, eine Reflexion darüber, wie Welt erfahren, benannt und politisch aufgeladen ist und wird.

Volha Hapeyeva verbindet persönliche Erfahrung mit kulturphilosophischen Exkursen, Sprachreflexionen mit politischen Beobachtungen, literarische Sensibilität mit theoretischer Präzision. Und genau darin entbirgt sich eine tiefe literarische Kraft.

Hegel taucht auf. Sprachphilosophische Fragestellungen werden gestreift. Der Cyborg – in Anlehnung an Donna Haraway – erscheint als Denkfigur. Die japanische Sprache eröffnet andere Wahrnehmungsformen. Es sind keine systematischen Abhandlungen, sondern gedankliche Schleifen, Abzweigungen, Verirrungen und genau diese Offenheit macht das Buch lebendig. Es geht nicht in eine einzige Richtung, sondern entfaltet sich rhizomatisch, mit zahlreichen Seitenwegen, die neue Perspektiven eröffnen.

Volha Hapeyeva

Sprachpolitik, Krieg und die Gewalt der Begriffe

Besonders eindrücklich sind die Passagen zur Sprachpolitik. Etwa dort, wo Waffenhersteller ihre Kriegsgeräte mit Blumennamen versehen – „Tulpe“ für einen Mörser, „Chrysantheme“ für eine Panzerabwehrlenkwaffe.

Solche Beobachtungen sind typisch für Volha Hapeyevas Zugriff: präzise, essayistisch zugespitzt, literarisch verdichtet. Sie zeigt, wie Sprache verschleiert, wie sie Gewalt ästhetisiert, wie sie Macht strukturiert. Hier verschränken sich Krieg, Angst, Mangel und Identität mit einer sprachphilosophischen Sensibilität, die weit über bloße Kritik hinausgeht und immer auch literarisch bleibt.

Psychoanalyse, Subjekt und Patriarchat

Zugleich verarbeitet Volha Hapeyeva fragmentarisch ihr eigenes wissenschaftliches Arbeiten – etwa zum Thema Wunsch. Auch Subjektivität oder Hysterie sind Theen. Das geschieht nie trocken-akademisch, sondern als tastende literarische Bewegung.

Die Autorin hinterfragt patriarchale Strukturen ebenso wie tradierte Subjektbegriffe. Das Ich erscheint nicht als stabile Einheit, sondern als durch Sprache, Begehren und kulturelle Prägung geformtes Gefüge. Gerade in dieser Verbindung aus persönlicher Nomadenerfahrung und theoretischer Reflexion liegt die besondere Qualität des Buches. Die äußere Reise wird zur inneren.

Volha Hapeyeva: Eine phänomenologische Spurensuche

Wörterbuch einer Nomadin versucht Eindrücke zu ordnen, ohne sie zu glätten. Es strukturiert, ohne zu systematisieren. Es ist ein Buch, das Welt nicht erklärt, sondern beobachtet, das Wahrnehmungen ernst nimmt und sie philosophisch durchdringt. Man könnte auch sagen: Es ist eine literarisch unterfütterte Phänomenologie des Unterwegsseins.

Wörterbuch einer Nomadin: Ein schönes, kluges, offenes Buch

Volha Hapeyeva gelingt dabei ein Werk, das zwischen Essay, Reisebericht und kulturphilosophischer Meditation oszilliert. Die Stärke liegt nicht im strengen Aufbau, sondern eher in der gedanklichen Beweglichkeit.

Es ist ein Buch voller Abzweigungen und gerade deshalb so bereichernd. Eine innere wie äußere Reise zugleich. Ein stilles, kluges, wunderschönes Buch über Sprache, Macht und die Erfahrung, nomadisch durch die Welt zu gehen.