Wir haben das (zweifelhafte) Vergnügen, ein Buch vorzustellen, das kaum aktueller sein könnte. Jason Stanley beschäftigt sich in Gefälschte Geschichte. Wie Faschisten die Vergangenheit umschreiben, um die Zukunft zu kontrollieren mit einer der gefährlichsten politischen Strategien der Gegenwart: der systematischen Manipulation von Geschichte. Denn Geschichte ist keineswegs so unveränderlich, wie wir gerne glauben. Man kann sie natürlich nicht nachträglich verändern – aber man kann verändern, wie eine Gesellschaft sich an sie erinnert. Und genau dort beginnt die politische Macht über die Vergangenheit.
Geschichte ist nicht einfach Vergangenheit
Beim Begriff Geschichte denkt man zunächst an etwas Abgeschlossenes. Was geschehen ist, ist geschehen. Kriege wurden geführt, Menschen wurden verfolgt, Gesellschaften haben sich verändert. Die Vergangenheit scheint damit ein festes Fundament zu sein, auf dem die Gegenwart aufbaut. Doch Stanley zeigt, dass genau diese Vorstellung gefährlich naiv sein kann.
Denn politische Macht kann zwar die Vergangenheit als konkretes Phänomen nicht verändern, sehr wohl aber ihre Erzählung. Diese Erzählung bzw. der Diskurs kann somit bestimmen, was wie erinnert wird, was vergessen werden soll, welche Personen als Held*innen gelten, welche Ereignisse aus Schulbüchern verschwinden und welche historischen Zusammenhänge überhaupt noch vermittelt werden. Bedeutet: Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert auch die Möglichkeiten, die Gegenwart zu verstehen – und die Zukunft zu gestalten.
Die Schule als politisches Schlachtfeld
Besonders eindringlich wird Stanley dort, wo er sich mit Bildung beschäftigt. Schulen sind schließlich nicht nur Orte, an denen Wissen vermittelt wird. Sie bestimmen auch, welches Wissen eine Gesellschaft an die nächste Generation weitergibt. Wer also Lehrpläne verändert, verändert nicht bloß Unterrichtsinhalte. Er verändert das kollektive Gedächtnis einer ganzen Nation.
Stanley zeigt in seinem Buch dabei anhand konkreter Beispiele, wie autoritäre und faschistische Bewegungen genau hier ansetzen. Ein besonders erschreckendes Beispiel findet sich derzeit in Ungarn. Der Schriftsteller Imre Kertész, Holocaust-Überlebender und Ungarns einziger Literaturnobelpreisträger, wurde dort aus Teilen des schulischen Lehrplans gestrichen. An seine Stelle treten dabei antisemitische Autoren, die besser in eine nationalistische Geschichtserzählung passen. Das ist dabei kein nebensächliches Detail.
Es geht hier vor allem darum, welche Geschichten junge Menschen kennenlernen. Ob sie von Verfolgung, Antisemitismus und Holocaust erfahren – oder ob diese Geschichte zunehmend durch eine nationale Pseudo-Heldenerzählung überlagert wird und so das Selbstverständnis ganzer Generationen (ver-)formt.
Gefälschte Geschichte: Die Vergangenheit wird passend gemacht
Dabei handelt es sich keineswegs um ein neues Phänomen, wie Jason Stanley in seinem lesenswerten Buch erläutert. Schon der Kolonialismus bediente sich einer ähnlichen Strategie. Den kolonisierten Gesellschaften wurde dabei ihre eigene Geschichte abgesprochen oder sie wurde als primitiv, geschichtslos und rückständig dargestellt. Die Eroberer konnten sich dadurch selbst als Träger von Zivilisation und Fortschritt inszenieren.
Auch die kulturellen und religiösen Vorstellungen indigener Gesellschaften wurden systematisch entwertet. Orte, die für die lokale Bevölkerung eine enorme spirituelle Bedeutung besaßen, wurden von den Kolonisatoren als bedeutungslose, vor allem aber auch als ausbeutbare Landschaft behandelt. Geschichte wurde damit zu einem Instrument der Herrschaft. Stanleys entscheidende Warnung lautet: Diese Strategie ist keineswegs überwunden.
Von Ungarn bis zu den USA
Gerade deshalb sind die aktuellen Beispiele des Buches so beunruhigend. Auch in den Vereinigten Staaten wird darum gekämpft, welche Geschichte Kinder lernen sollen. Themen wie Black History, Rassismus, Queerness oder die Geschichte gesellschaftlicher Ausgrenzung werden zum politischen Konfliktfeld und aus den Lehrplänen gestrichen, um eine White-Supremacy-Ideologie zu installieren. Dabei geht es nicht bloß um die Frage, welche Bücher im Unterricht gelesen werden. Es geht um die Frage, welches Bild einer Gesellschaft entstehen soll.
Wenn die Geschichte der Sklaverei, der Bürgerrechtsbewegung oder rassistischer Diskriminierung zurückgedrängt wird, verschwindet damit nicht die historische Realität. Aber die Möglichkeit, die Gegenwart als Ergebnis dieser Geschichte zu verstehen, wird geschwächt. Und genau darin liegt die politische Sprengkraft von Jason Stanelys Buch.
Die Geschichte als Legitimationsmaschine
Faschistische und autoritäre Bewegungen brauchen als Existenzberechtigung daher eine bestimmte Vorstellung von Vergangenheit. Sie benötigen eine Vergangenheit, in der die eigene Nation groß, homogen und unschuldig erscheint. Eine Vergangenheit, in der gesellschaftliche Konflikte möglichst verschwinden und Minderheiten nicht als Teil der Geschichte, sondern als Störung der vermeintlich ursprünglichen Ordnung erscheinen.
Die Gegenwart kann so anschließend als notwendige Rückkehr zu dieser vermeintlich besseren Vergangenheit verkauft werden. Geschichte wird damit zur Legitimationsmaschine der Gegenwart. Was heute rückwärtsgewandt erscheint, kann plötzlich als Wiederherstellung eines angeblich ursprünglichen Zustandes präsentiert werden.
Gefälschte Geschichte: Der Kampf beginnt im Klassenzimmer
Besonders eindringlich ist Stanleys These, dass die gefährlichsten faschistischen Bewegungen der Geschichte ihren Einfluss auch über Schulen und Bildungssysteme ausgebaut haben. Das Klassenzimmer erscheint damit plötzlich als politischer Ort.
Wer die Erinnerung verändert, verändert die Voraussetzungen politischen Denkens. Wer bestimmte Opfer unsichtbar macht, bestimmte Verbrechen relativiert oder bestimmte historische Entwicklungen ausblendet, schafft eine Gesellschaft, die ihre eigene Vergangenheit zunehmend nicht mehr erkennen kann. Und eine Gesellschaft, die ihre Vergangenheit nicht mehr erkennt, ist leichter davon zu überzeugen, dass die Gegenwart völlig anders gewesen sei.
Wer bestimmt, woran und wie wir uns erinnern?
Jason Stanleys Gefälschte Geschichte ist deshalb so ein ausgesprochen dringlicher Weckruf, weil sein Buch eindringlich verdeutlicht, was genau auf dem Spiel steht, wenn bestimmte politische Ideologien Einkehr in die Geschichtsschreibung, aber vor allem in die Erzählungen über die Geschichte finden.
Die Vergangenheit zu verteidigen bedeutet deshalb nicht, an ihr festzuhalten. Es bedeutet, dafür zu sorgen, dass sie nicht zur Lüge gemacht wird, um bestimmten Interessen zu dienen.
© Westend Verlag

