Die dreiteilige Netflix-Dokumentation über José Mourinho hat ein kleines Problem: Sie weiß nicht so recht, für wen sie eigentlich gemacht ist.
Wer Mourinho kennt und sich ein wenig mit Fußball beschäftigt, wird kaum Neues erfahren. Vieles bleibt an der Oberfläche, manches hat man in anderen Dokumentationen bereits wesentlich ausführlicher gesehen. Und wer Mourinho nicht kennt und mit Fußball wenig anfangen kann, wird ebenfalls kaum Zugang zu dieser Figur finden – denn die Serie setzt erstaunlich viel Vorwissen voraus.
Netflix-Doku über Star-Trainer Mourinho – Aber wo ist der Trainer?
Dabei wäre Mourinho eigentlich eine höchst spannende Figur. Er gehört zu jener Generation von Trainern, die das Fußballgeschäft nachhaltig verändert haben. Einer seiner entscheidenden Vorteile war seine geradezu obsessive Vorbereitung: Mourinho analysierte Gegner akribisch, sammelte Informationen über einzelne Spieler, studierte deren Stärken und Schwächen und bereitete seine Mannschaft taktisch gezielt auf den jeweiligen Gegner vor. Er war gewissermaßen einer der frühen „Laptop-Trainer“ – nur eben lange bevor Datenanalyse und digitale Gegnerbeobachtung zum selbstverständlichen Bestandteil des Profifußballs wurden.
Genau dieses Handwerk hätte man gerne gesehen. Wie arbeitet Mourinho? Warum war er mit unterschiedlichen Mannschaften erfolgreich? Wie analysiert er einen Gegner? Wie entwickelt er seine taktischen Systeme? Was unterscheidet ihn von anderen Trainern? Die Dokumentation gibt darauf erstaunlich wenige Antworten.
Mourinho als Netflix-Marke
Stattdessen konzentriert sich die Serie stark auf Mourinho als öffentliche Figur: auf Konflikte, Eitelkeiten, Rivalitäten und jene kleinen Skandale, die das Image des „Special One“ über Jahre begleitet haben. Das ist durchaus unterhaltsam. Aber es erklärt nicht, warum José Mourinho einer der bedeutendsten Fußballtrainer seiner Generation wurde.
Zum Vergleich: Netflix hat mit seiner Coaching-Reihe bereits deutlich kompaktere Einblicke in Mourinhos Denken geliefert. Auch zahlreiche Bücher über Mourinho und das moderne Trainertum gehen wesentlich tiefer in jene taktischen und methodischen Fragen hinein, die ihn eigentlich interessant machen.
Doch auch mit der Netflix-Doku über Hulk Hogan hat Netflix gezeigt, dass sie es gut schaffen können, die Ikone einer ganzen Sportart, inklusive der Sportart selbst, gekonnt zu vermitteln, sodass man erstens: die kulturelle Funktion der Sportart selbst versteht, dann aber auch begreift, warum genau diese Figur es geschafft hat, sich unter all den vielen Sportlern hervorzutun. Was bei der Hulk Hogan-Doku wirklich hervorragend gut gelingt, funktioniert bei Mourinho überhaupt nicht.
Für wen bitte ist diese Doku?
Und damit entsteht das eigentliche Paradox: Für Fußballkenner ist die Serie zu oberflächlich, für Fußballneulinge allerdings ein wenig zu voraussetzungsreich. Eine wirklich gute Sportdokumentation müsste dabei gerade beides leisten: Sie müsste erklären, warum eine Figur historisch relevant ist, und gleichzeitig zeigen, was diese Person eigentlich außergewöhnlich gemacht hat – in Bezug auf die Sportart.
Bei Mourinho wäre das vor allem sein Handwerk als Trainer gewesen. So bleibt eine schon auch sehenswerte, aber letztlich enttäuschende Dokumentation über einen Mann, der wesentlich interessanter ist als die Geschichte, die Netflix aus ihm macht. Viel Mourinho als Marke – leider viel zu wenig Mourinho als Trainer.
© Netflix
