Hannah Arendt zur Einführung: Denken, das die Gegenwart erklärt

Es war vielleicht noch nie so dringlich, sich mit Hannah Arendt auseinanderzusetzen wie in diesen Zeiten. Hannah Arendt gehört zu jenen Denkerinnen, deren Texte nicht einfach historisch werden. Im Gegenteil: Je weiter sich die politischen Verhältnisse verändern, desto stärker scheint sich zu zeigen, wie zeitlos und gegenwartsrelevant ihr Denken ist.

Mit Hannah Arendt zur Einführung legt Grit Straßenberger im Hamburger Junius Verlag eine kompakte Einführung in das Denken einer der bedeutendsten politischen Denkerinnen des 20. Jahrhunderts vor. Das Buch gehört zur bekannten Reihe „Zur Einführung“, in der bereits zahlreiche philosophische und wissenschaftliche Positionen auf knappem Raum erschlossen werden. Auch die Einführung zu Sigmund Freud aus derselben Reihe hat gezeigt, wie gut dieses Format funktionieren kann: große Denkerinnen und Denker werden nicht banalisiert, sondern auf überschaubarem Raum zugänglich gemacht.

Hannah Arendt: Eine Denkerin für die Schule

Eigentlich müsste Hannah Arendt zum festen Kanon schulischer Bildung gehören. Politische Bildung, Geschichte, Philosophie – ganz gleich, welchem dieser Fächer man sie zuordnen möchte: Arendts Denken bietet Grundlagen, um politische Entwicklungen und gesellschaftliche Prozesse zu verstehen. Und das zu allen Zeiten.

Wobei Arendt selbst sich nicht primär als Philosophin verstand, sondern als politische Theoretikerin beziehungsweise Politikwissenschaftlerin. Und vielleicht liegt gerade darin eine ihrer besonderen Stärken: Ihr Denken bleibt nicht bei abstrakten philosophischen Fragen stehen, sondern richtet sich immer wieder auf die konkrete politische Wirklichkeit.

Hannah Arendt Einführung

Ihre Bücher sind allerdings keine leichte Lektüre. Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Eichmann in Jerusalem, Vita activa, Über die Revolution oder Wahrheit und Lüge in der Politik sind gewichtige Werke, die sich mit entsprechend gewichtigen Fragen beschäftigen. Genau hier setzt die Einführung an.

Hannah Arendt und die Banalität des Bösen

Besonders bekannt ist Arendts Eichmann in Jerusalem und damit verbunden der Begriff von der „Banalität des Bösen“. Das Buch ist bis heute stark diskutiert und kritisiert worden. Dennoch eröffnet Arendts Auseinandersetzung mit Eichmann eine wichtige Perspektive auf die Funktionsweise des Bösen.

Denn Eichmann war gerade nicht das plakative Monster, das man sich vom Täter des Bösen gerne vorstellt. Das wäre wesentlich einfacher: Man könnte das Böse personifizieren und es damit vom normalen gesellschaftlichen Leben abtrennen.

Arendt zeigt stattdessen einen Menschen, der in seiner Ausführung des Bösen geradezu banal, ordinär und durchschnittlich erscheint. Und genau darin liegt die Verstörung dieser Überlegung. Das Böse muss nicht immer in Gestalt des dämonischen Monsters auftreten. Es kann auch dort funktionieren, wo Menschen handeln, gehorchen, organisieren und ihre eigene Verantwortung nicht mehr wirklich reflektieren. Gerade diese Gedanken machen Arendts Werk so nachhaltig.

Die erschreckende Aktualität der totalen Herrschaft

Noch unmittelbarer wirkt heute vielleicht Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Wer sich mit diesem Werk beschäftigt, kann zuweilen das erschreckende Gefühl bekommen, eine Analyse gegenwärtiger politischer Entwicklungen zu lesen.

Gerade im Hinblick auf die politische Situation in den USA und Donald Trump ergeben sich zahlreiche Anschlussstellen. Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass die historischen Verhältnisse einfach gleichgesetzt werden können. Aber Arendts Analyse bestimmter politischer Dynamiken eröffnet Perspektiven, mit denen sich auch gegenwärtige Entwicklungen betrachten lassen.

Und genau hier zeigt sich die eigentliche Qualität von Arendts Denken: Es liefert keine fertigen Antworten auf die Gegenwart, aber es stellt Begriffe und Denkwerkzeuge zur Verfügung, mit denen man die Gegenwart genauer betrachten kann.

Eine Einführung, die weit über Hannah Arendt hinausführt

Das Bemerkenswerte an Grit Straßenberger Einführung ist, dass sie auf ungefähr zweihundert Seiten einen Zugang zu diesem komplexen Denken ermöglicht, ohne dass dabei die eigentliche Dimension des Gegenstands verloren geht.

Man bekommt schnell und kompakt Einblicke in Hannah Arendts Denken – aber die Einführung bleibt nicht bei der bloßen Vermittlung von Wissen über eine einzelne Denkerin stehen. Sie führt vielmehr zu den Fragen zurück, mit denen wir uns selbst beschäftigen müssen: Wie funktionieren politische Herrschaft und totalitäre Systeme? Was bedeutet Verantwortung? Wie kann das Böse banal werden? Was passiert mit Wahrheit und Politik? Und wie verändern sich Gesellschaften, wenn politische und gesellschaftliche Wirklichkeiten ihre bisherigen Sicherheiten verlieren?

Nach der Lektüre hat man deshalb nicht nur Hannah Arendt besser verstanden. Man hat möglicherweise auch das Gefühl, die Gegenwart ein wenig besser verstehen zu können. Und das ist eine bemerkenswerte Leistung für ein Buch, das eigentlich „nur“ in das Denken einer einzelnen Person einführen möchte.

Mehr als eine Einführung, eine Pflichtlektüre

Es gibt Bücher, bei denen man nach der Lektüre weiß, dass man etwas gelernt hat. Und es gibt Bücher, die darüber hinaus den Blick auf die Welt verändern. Hannah Arendt zur Einführung gehört für mich zur zweiten Kategorie. Die Einführung macht Arendts Denken schnell zugänglich, ohne seine Komplexität zu unterschlagen, und zeigt zugleich, warum ihre politischen und philosophischen Überlegungen bis heute von solcher Bedeutung sind. Vielleicht ist gerade jetzt der richtige Zeitpunkt, mit Hannah Arendt zu beginnen. Eine Pflichtlektüre – für politische Bildung, Geschichte, Philosophie und eigentlich für alle, die verstehen möchten, wie politische Wirklichkeit genau funktioniert.


© Junius Verlag