Unabomber auf Netflix: Wenn ein ganzes Leben auf ein Trauma reduziert wird

Unabomber Netflix

Der Film Unabomber auf Netflix ist ein wirklich sehenswertes Werk, das gut zu unterhalten weiß. Auch wenn wir am Ende doch noch eine Kleinigkeit zu bemängeln gefunden haben.

Unabomber auf Netflix: Eine Verfilmung des Terrors

Es war vermutlich nur eine Frage der Zeit, bis Netflix oder ein anderer Streamingdienst die Geschichte von Ted Kaczynski, besser bekannt als Unabomber, für sich entdecken würde. Kaczynski führte zwischen 1978 und 1995 eine 17 Jahre dauernde „Bombenkampagne“ durch, bei der drei Menschen getötet und zahlreiche weitere verletzt wurden.

Netflix wählt nun allerdings einen durchaus interessanten Zugang. Denn der Netflixfilm Unabomber ist nicht einfach das nächste klassische „Catch the Serial Killer“-Format, in dem wir dabei zusehen, wie ein mysteriöser Serienkiller gejagt wird – ok, im Grunde sehen wir das schon auch! Aber der Film konzentriert sich dabei vielmehr auf ein relativ kleines Detail aus Kaczynskis Biografie: seine Zeit als Student in Harvard und seine Teilnahme an psychologischen Experimenten des Professors Henry Murray, gespielt von Russell Crowe. Und genau daraus entsteht zugleich die Stärke, aber auch das Problem und Schwäche des Films.

Der Unabomber und das Harvard-Experiment

Besagter Henry Murray führte dabei mit Studenten psychologische Experimente durch, die heute als höchst problematisch und unethisch gelten. Die Versuchspersonen wurden unter anderem massivem psychischem Stress ausgesetzt und gezielt mit Angriffen und Demütigungen konfrontiert.

Auch der junge Ted Kaczynski war Teil dieser Experimente. Der Film nimmt nun dieses Detail aus dessen Biografie und macht es zum zentralen Ausgangspunkt für die Frage, wie aus dem jungen Harvard-Studenten später der Unabomber werden konnte. Das ist zunächst einmal ein interessanter Ansatz.

Denn anstatt die bekannte Geschichte des Terroristen einfach nachzuerzählen, nimmt der Netflix-Film Unabomber einen kleinen Ausschnitt aus seinem Leben und versucht, von dort aus einen Zugang zu seiner späteren Entwicklung zu finden.

Der Unabomber auf Netflix: Zwei Zeitebenen

Erzählt wird der Netflix-Film dabei auf zwei Zeitebenen. Da ist der junge Ted Kaczynski in Harvard, der diese psychologischen Experimente über sich ergehen lassen muss. Und dann springt der Film in die 1990er-Jahre, wo die Ermittlungen gegen den Unabomber bereits in Richtung Auflösung gehen.

Diese Parallelmontage funktioniert zunächst ausgesprochen gut. Der Film hat einen guten Flow, ist nicht unnötig langatmig und die Zeit vergeht durchaus schnell bzw. ist der Film niemals langatmig – was durchaus recht ungewöhnlich für einen Netflix-Film ist, you know it. Man folgt den beiden Handlungssträngen gerne. Auch als Thriller funktioniert Unabomber deshalb durchaus. Aber genau in der Verbindung dieser beiden Ebenen liegt gleichzeitig der entscheidende Denkfehler des Films.

Netflix-Film Unabomber: Der Kurzschluss

Denn irgendwann entsteht der Eindruck: Hier (in diesen Experimenten) ist die Ursache – und dort ist die Wirkung. Kaczynski erlebt als Teenager diese traumatischen Experimente. Jahrzehnte später wird er zum Terroristen. Und dazwischen soll sich gewissermaßen eine direkte Linie ziehen lassen. Das ist im Grunde eine sehr eindimensionale Erklärung für einen Menschen.

Natürlich waren diese Experimente problematisch. Natürlich können traumatische Erfahrungen einen Menschen prägen. Aber kann man damit tatsächlich auch erklären, warum jemand Jahrzehnte später über einen Zeitraum von 17 Jahren Bomben baut und verschickt, ja zum mordenden Terroristen wird?

Genau hier wird es schwierig. Denn der Film nimmt einen kleinen Ausschnitt aus einem komplexen Menschenleben und macht daraus beinahe eine Erklärung für das gesamte spätere Handeln dieses Menschen. Das ist letztlich eine Art psychologischer Kurzschluss: Weil dieses Ereignis passiert ist, ist später jenes geschehen. Nur funktioniert menschliche Biografie eben nicht so einfach.

Unabomber und das Problem der eindimensionalen Erklärung

Gerade bei einer Figur wie Kaczynski ist diese Reduktion problematisch. Wir sprechen von einem Menschen, dessen spätere terroristische Handlungen sich über viele Jahre erstreckten. Der Film macht daraus aber teilweise die Geschichte eines leidenden jungen Intellektuellen, der durch ein traumatisches Erlebnis beschädigt wurde und dessen spätere Entwicklung sich eben nur daraus erklären lässt.

Das ist eine bemerkenswert einfache Erzählung für eine ausgesprochen komplexe Biografie. Natürlich stellt sich die Frage, welche Rolle diese Harvard-Experimente in Kaczynskis Leben gespielt haben. Und gerade deshalb ist der Ansatz des Films interessant. Aber zwischen der Frage „Hat dieses Erlebnis ihn beeinflusst?“ und der Behauptung „Dieses Erlebnis erklärt, warum er später zum Terroristen wurde“ liegt ein gewaltiger Unterschied. Der Film bewegt sich dabei gefährlich nahe an Letzterem.

Und vielleicht ist gerade das auch gesellschaftlich interessant. Wir lieben offenbar Erklärungen, die ein komplexes Leben auf einen entscheidenden Moment reduzieren können. Ein Trauma, ein Erlebnis in der Kindheit oder Jugend, ein bestimmter Wendepunkt – und plötzlich scheint alles erklärbar. Aber so funktioniert ein Menschenleben nicht.

Nur weil jemand in seiner Jugend ein traumatisches Erlebnis hatte, bedeutet das noch lange nicht, dass daraus Jahrzehnte später eine bestimmte Form von Gewalt entstehen muss. Sonst müsste aus jedem schlechten Date in der Jugend irgendwann ein Frauenhasser und so weiter werden. Das Leben ist komplexer.

Ein interessanter Film mit einem problematischen Denkfehler

Und genau deshalb ist Unabomber trotz dieser Kritik durchaus interessant anzusehen. Der Film ist flüssig erzählt, die beiden Zeitebenen funktionieren, die Geschichte entwickelt einen guten Rhythmus und die Konzentration auf die Harvard-Zeit ist zunächst ein ungewöhnlicher und spannender Zugang zu einer Geschichte, die eigentlich schon vielfach erzählt wurde.

Aber ausgerechnet dieser interessante Zugang führt zu einer problematischen Vereinfachung. Der Film nimmt ein kleines Detail aus dem Leben Ted Kaczynskis und versucht, daraus die große Erklärung für sein späteres Handeln zu gewinnen. Die beiden Handlungsebenen werden letztlich fast ausschließlich durch dieses eine biografische Ereignis miteinander verbunden.

Unabomber ist damit ein durchaus sehenswerter und gut gemachter Film, der eine bekannte Geschichte einmal aus einer anderen Perspektive erzählen möchte. Aber er zeigt gleichzeitig, wie schnell aus einer interessanten biografischen Spur eine allzu einfache Erklärung für einen Menschen werden kann. Interessant anzusehen und auch wirklich sehenswert – aber in seiner psychologischen Erklärung letztlich zu eindimensional.


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