Die Netflix-Serie Agatha Christie’s Seven Dials oder wenn Ehrfurcht zum Problem wird

Netflix-Serie Agatha Christie’s Seven Dials

Mit Agatha Christie’s Seven Dials hat Netflix leider eines der eher durchschnittlichen Werke aus Christies Œuvre als dreiteilige Miniserie adaptiert. Die Netflix-Serie ist extrem gut gemacht, dennoch wird ein entscheidender Faktor zum großen Problem.

Agatha Christie, Netflix und die Last des Klassikers

Agatha Christie ist eine der produktivsten und prägendsten Figuren der Kriminalliteratur überhaupt. Ihre 66 Kriminalromane haben das Genre nicht nur mitdefiniert, sie haben es überhaupt erst zu dem gemacht, was wir heute als klassischen Krimi kennen, in all seinen vielen Facetten. Doch wie bei allen Autor*innen, die über Jahrzehnte hinweg schreiben und das Feld dominieren, ist natürlich auch nicht jedes Werk gleich ein Geniestreich.

Mit Agatha Christie’s Seven Dials hat Netflix nun eines der eher durchschnittlichen Werke aus Christies Œuvre als dreiteilige Miniserie adaptiert. Jeweils rund 50 Minuten, also auch als langer Film konsumierbar. Was vielleicht auch besser gewesen wäre, aber wie dem auch sei. Herausgekommen ist eine ästhetisch hochwertige, handwerklich sehr saubere, aber inhaltlich erstaunlich altbackene Serie.

Große Autorin, mittelmäßiger Stoff: Agatha Christie’s Seven Dials

Das zugrundeliegende Werk der Adaption, eben The Seven Dials Mystery entstand vor knapp 100 Jahren. Und genau das spürt man auch in der Netflix-Verfilmung – leider nicht immer nur im Guten. Seven Dials selbst gehört dabei eben nicht zu jenen Romanen, in denen Christie ihre größte Stärke ausspielt: den kriminologischen Mikrokosmos, das minutiöse Beobachten, das präzise Austarieren von Motiven, Lügen und psychologischen Brüchen.

Stattdessen bewegt sich die Geschichte schon im Original (!) weg vom klassischen Ermittlungssetting Christies hin zu einer breit angelegten Verschwörungserzählung mit internationalem Einschlag. Fast schon James-Bond-haft, zumindest von der Grundidee und dem Thema an sich. Das war damals vielleicht experimentell war, wirkt heute leider schlicht aus der Zeit gefallen.

Filmisch brillant, erzählerisch zu ehrfürchtig

Doch die Netflix-Serie Agatha Christie’s Seven Dials macht sehr vieles richtig: Setting, Ausstattung, Mise-en-scène – all das ist auf hohem Niveau. Die Serie ist atmosphärisch dicht, visuell elegant und wirkt in jeder Einstellung wie eine liebevolle Verbeugung vor dem Christie-Kosmos, vor allem auch vor der damaligen Zeit. Die Form ist somit ein echtes Asset der Serie und hält sich an das Original, in jeder Hinsicht, auch wenn es inhaltlich sehr wohl einige Abweichungen gibt, aber ja.

Doch genau diese Ehrfurcht wird zum Problem. Denn diese Netflix-Serie hält sich fast sklavisch an das Original – inklusive all seiner Schwächen. Statt also den Stoff mutig neu zu rahmen, mit einer spannenden Story, wird dieser konserviert. Und Konservierung ist selten Innovation.

Wenn Verschwörungen Masken tragen – für wen eigentlich?

Besonders deutlich wird das bei der titelgebenden Verschwörungsgruppe: sieben Figuren, maskiert mit Uhrenmotiven, die sich in geheimen Räumen treffen. Ein Bild, das vielleicht vor einem Jahrhundert noch geheimnisvoll wirkte, heute aber eher unfreiwillig komisch ist.

Warum sollten sich Verschwörer*innen verkleiden, wenn sie sich ohnehin kennen? Die Masken existieren daher nicht aus einer inneren Logik heraus, sondern einzig für das Publikum. Ein Effekt, der an eine der absurdesten Edgar-Wallace-Momente erinnert, in denen der Mörder sich als Gorilla verkleidet, nur damit es spektakulär aussieht. Aber für wen? Nicht für das Opfer, um dieses zu erschrecken, bevor er es tötet, sondern alleine für den Blick des Publikums. Zumindest Slavoj Žižek hätte seine psychoanalytische Freude mit diesem Flaw. Aber genug von. Das Problem der Netflix-Serie Agatha Christie’s Seven Dials ist also nicht der Stil, sondern die fehlende Modernisierung der inhaltlichen Schwächen.

Verpasstes Potenzial: Wo bleibt das zeitgenössische Update?

Gerade hier hätte die Serie enormes Potenzial gehabt. Man hätte Seven Dials nehmen können und es neu denken. Warum nicht Christies Tradition mit einem zeitgenössischen Ansatz à la Knives Out verbinden? Warum nicht aus der altmodischen Verschwörung eine komplexere, ironisch gebrochene, moderne Kriminalerzählung machen?

Stattdessen entscheidet sich die Netflix-Serie Agatha Christie’s Seven Dials für eine werkgetreue Adaption – und bleibt damit erzählerisch im Jahr 1925 stecken. Was von der Ästhetik geradezu wunderbar funktioniert, scheitert jedoch am Inhalt.

Eine gute Serie über ein durchschnittliches Christie-Werk

Das alles darf man nicht falsch verstehen. Agatha Christie’s Seven Dials ist eine wirklich sehr, sehr gut gemachte, ästhetisch überzeugende und absolut sehenswerte Miniserie. Doch sie leidet an einer übergroßen Loyalität zum Original.

Man kann diese Netflix-Serie dabei nicht kritisieren, ohne auch den Roman mitzudenken – und genau dort liegt der Kern des Problems: Es ist eine exzellente Verfilmung eines nur mittelmäßigen Christie-Stoffs, den man aufgrund der Ehrfurcht vor der Autorin nicht allzu neu interpretiert hat.

Wer klassische Krimis liebt, aber auch ein Agatha Christie-Fan ist, wird in  der Netflix-Serie Agatha Christie’s Seven Dials wirklich hervorragend unterhalten. Wer jedoch auf eine zeitgemäße Neuerfindung gehofft hat, die komplex ist, wird das Gefühl nicht los, dass hier viel mehr möglich gewesen wäre. Fazit: Eine mehr als würdige Verbeugung, die aber leider ohne neuen Horizont daherkommt.

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