Mit Sick of Myself hat Kristoffer Borgli einen Film geschaffen, der sich anfühlt wie ein greller Instagram-Filter über einer moralisch ausgebleichten Gegenwart. Spätestens seit seinem späteren Erfolg mit Dream Scenario – eine bitterböse Mediensatire mit Nicolas Cage – ist klar: Borgli interessiert sich brennend für Aufmerksamkeit. Für das Gesehenwerden. Und für die grotesken Abgründe, die sich daraus ergeben.
Sick of Myself: Eine toxische Beziehung, aber anders
Im Zentrum von Sick of Myself steht ein junges Paar aus der urbanen Kreativszene. Beide sind narzisstisch, beide hungrig nach Aufmerksamkeit, beide unfähig, dem jeweils anderen das Rampenlicht zu gönnen. Doch hier geht es nicht um die klassische toxische Dynamik aus Kontrolle oder Eifersucht. Es geht um etwas Zeitgenössischeres: Aufmerksamkeitsökonomie. Wer wird mehr bemitleidet? Wer steht im Mittelpunkt?
Eine der brillantesten Szenen des Films spielt dabei schon zu Beginn bei einem Dinner. Eigentlich sollte der Abend dem Freund gehören. Doch seine Partnerin kann es nicht ertragen, im Schatten zu stehen. Kurzerhand behauptet sie, eine schwere Nussallergie zu haben. Das Restaurantpersonal gerät in Panik, ein Sondergericht wird kreiert, alle Augen richten sich auf sie.
Dann der absurde Höhepunkt: Sie isst versehentlich eine Nuss, gegen die sie in Wahrheit gar nicht allergisch ist. Um ihre Lüge nicht auffliegen zu lassen, muss sie nun eine allergische Reaktion simulieren. Eine Farce, die sich ins Groteske steigert. Vor allem, weil ihr Freund ja auch weiß, dass sie nicht allergisch ist, aber schweigt. Er hat den Kampf um Aufmerksamkeit verloren.
Hier zeigt sich geradezu beispielhaft Borglis Stärke: In den kleinsten Gesten des Alltags entfaltet sich ein toxisches System. Keine offenen Schläge, keine lauten Dramen, sondern subtile, manipulative Selbstinszenierung. Diese erfrischend wie schockierenden Ansätze sind geradezu ein Grundelement seiner Arbeit.
Mitleid als Währung
Was Sick of Myself so erschreckend präzise macht, ist die Beobachtung, dass Aufmerksamkeit heute oft über Opferstatus generiert wird. Mitleid wird zur Währung. Leid wird performativ.
Die Protagonistin geht dabei immer weiter. Bis hin zur bewussten Selbstschädigung, um sichtbar zu bleiben. Borgli überzeichnet das Geschehen ins Absurde, fast Körperhorrorhafte, und trifft damit einen wunden Punkt einer Generation, die gelernt hat, Identität öffentlich auszuhandeln.
Dabei ist der Film keine platte Gen-Z-Schelte. Er ist vielmehr ein Zerrspiegel einer Gesellschaft, in der Selbstdarstellung zur Existenzgrundlage geworden ist. In der Egoismus als Selbstverwirklichung getarnt wird. Und in der Moral häufig nur dann laut wird, wenn Kameras laufen.
Sick of myself: Satire mit Skalpell
Borglis Inszenierung ist kühl, klinisch, beinahe nüchtern. Gerade diese Distanz macht die Eskalation so wirkungsvoll. Der Humor ist schwarz, trocken, manchmal kaum merklich und gerade deshalb so schmerzhaft.
Der Film hält uns allen den Spiegel vor: unserer Empörungskultur, unserem Bedürfnis nach Sichtbarkeit und unserem Drang, aus allem Kapital zu schlagen. Selbst aus dem eigenen Leid. Und ja, auch Themen wie moralische Selbstüberhöhung oder performativer Aktivismus werden subtil gestreift. Nicht plump, sondern beiläufig. Genau dort, wo es wehtut.
Ein verkanntes Meisterwerk: jetzt auf MUBI
Sick of Myself ist ein Film, der international wirklich mehr Aufmerksamkeit verdient hätte – ironischerweise. Er ist bissig, radikal, unbequem. Eine Satire, die nicht nur überzeichnet, sondern seziert. Kristoffer Borgli beweist hier eindrucksvoll, dass die grotesksten Geschichten oft direkt vor unserer Haustür liegen oder in unserem Feed. Absolut sehenswert!
Titelbild © MUBI
