Es gibt Menschen, die in einen Bezirk ziehen und Teil der Nachbarschaft werden. Und dann gibt es jene, die ein Grätzl erst interessant finden, wenn es in Immobilieninseraten als „authentisch“, „multikulturell“ oder „aufstrebend“ verkauft wird. Ottakring kennt diese Verwandlung nur zu gut, denn der Bezirk ist längst selbst zum Opfer der Gentrifizierung geworden. Genau dort setzen EsRAP mit ihrer neuen Single „Du willst alles“ an: Esra und Enes Özmen rechnen dabei brutal mit den Bobos ab und verteilen musikalische Watschen.
Der Macho trinkt Matcha
Schon die Zeile „Der Macho trinkt Matcha, das war mir nicht bekannt“ ist ein kleines soziologisches Meisterwerk. Da steckt alles drin: der neue urbane Typ Mann, der Feminismus sagt, aber Besitz meint. Der Fahrrad fährt, Second Hand trägt, Bio isst und trotzdem mit der ganzen Selbstverständlichkeit eines Habsburgers durch Bezirke spaziert, die andere Menschen aufgebaut und belebt haben.
EsRAP, das sind Esra Özmen und Enes Özmen, in Ottakring aufgewachsen, Austro-Türken, Rapper, Geschichtenerzähler und in diesem Fall auch Bezirksverteidiger mit Mikrofon. Für sie ist Gentrifizierung kein Begriff aus einer Podiumsdiskussion mit Gratis-Prosecco. Sie passiert vor der Haustür. Im Lokal. Am Platz. Im eigenen Grätzl. Dort, wo man plötzlich angeschaut wird, als wäre man der Störfaktor in der eigenen Biografie.
„Du willst alles“ trifft genau diese Absurdität. Denn die neuen Bezirksromantiker wollen nicht nur die schönen Fassaden, die günstigen Mieten und den sogenannten Vibe. Sie wollen auch gleich die Kultur dazu. Den Rap. Die Sprache. Die Coolness. Die Erzählung. Den Schmerz bitte auch, aber natürlich nur in ästhetisch verwertbarer Form.
Weltoffen, weil man alles haben kann
Eine der stärksten Zeilen des Songs lautet:
„Klar bist du weltoffen, weil du alles haben kannst.“
Besser kann man das Problem kaum zusammenfassen. Denn Weltoffenheit ist leicht, wenn die Welt einem ohnehin immer offensteht. Wenn Grenzen nur am Flughafen existieren. Wenn Herkunft ein spannendes Gesprächsthema ist, aber nie ein Bewerbungsproblem. Wenn man „Diversity“ sagt und trotzdem irritiert ist, wenn die Menschen, die diese Diversity ausmachen, plötzlich laut sind.
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EsRAP drehen den Spieß um. Sie beschreiben nicht die Migrantenkinder, die sich erklären müssen. Sie beschreiben jene, die sonst selten erklärt werden: die Bobos mit politischem Look, entspannter Haltung und einem erstaunlich aggressiven Anspruch auf alles. Wohnungen. Viertel. Kultur. Aufmerksamkeit. Und ja, sogar „das Rap-Ding“.
Dass der Song dabei nicht trocken belehrend klingt, ist seine größte Stärke. „Du willst alles“ ist kein Seminarraum mit Beat. Es ist ein Diss-Track. Es knallt, es spottet, es überzeichnet. Und genau deshalb funktioniert es. Denn manchmal braucht Gesellschaftskritik keine Fußnote, sondern eine Detschn. Natürlich musikalisch gesprochen.
Der erste Vorbote für ein neues Album
„Du willst alles“ ist der erste Vorbote eines neuen EsRAP-Albums, das 2027 erscheinen soll. Wenn dieser Track die Richtung vorgibt, dann darf man sich auf ein Album freuen, das nicht nur Beats liefert, sondern auch dringend notwendige Störungen im gemütlichen Selbstbild einer Stadt.
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Denn Wien liebt es, sich als sozial, gemütlich und eh ur leiwand zu präsentieren. Gleichzeitig werden Bezirke umgebaut, Mieten steigen, alte Nachbarschaften verschwinden und jene, die lange ignoriert wurden, werden plötzlich exotisiert, vermarktet oder raus komplimentiert.
Titelbildcredit: Jakob Dellago
