Man glaubt es kaum, aber ausgerechnet Europa – gerne moralische Instanz in Sachen Nachhaltigkeit und auch überall sonst – ist globaler Spitzenreiter beim Elektroschrott. Ja, richtig gelesen: Kein anderer Kontinent produziert pro Kopf mehr alte Handys, kaputte Laptops, ausrangierte Fernseher und vergessene Kabelkisten als wir.
Elektroschrott: 17 Kilo Müll pro Kopf – Europa ganz vorne
Im weltweiten Schnitt verursacht jeder Mensch rund 8 Kilogramm Elektroschrott pro Jahr. Europa liegt, was das betrifft, jedoch mit etwa 17 Kilogramm pro Einwohner*in mehr als doppelt so hoch und damit klar auf Platz eins.
Zum Vergleich: In Afrika fallen pro Kopf gerade einmal 2,5 Kilogramm an. Das liegt nicht an besserem Recycling, sondern schlicht daran, dass dort viel weniger Geräte gekauft, ausgetauscht und entsorgt werden. Kurz gesagt: Wohlstand produziert Müll! Was den Westen jedoch bekanntlich nicht daran hindert, seinen Schrott in den globalen Süden zu verschippern.
Recycling-Weltmeister mit schmutziger Kehrseite
Jetzt könnte man sagen: Na gut, wir recyceln ja wenigstens. Stimmt leider nur teilweise. Europa hat mit rund 43 Prozent tatsächlich die höchste offiziell erfasste Recyclingquote weltweit. Asien kommt hierbei nur auf etwa 12 Prozent, Afrika auf gerade einmal 1 Prozent.
Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Denn global gesehen wird nicht einmal ein Fünftel des gesamten Elektroschrotts offiziell gesammelt und recycelt. Der Rest verschwindet im Graubereich: informelle Sammelsystemen, halbgare Recyclingversuche, Restmüll oder gleich Deponie.
Elektroschrott auf Weltreise
Was in Europa nicht ordentlich entsorgt wird, landet dabei oft anderswo. Illegale Exporte, dubiose Zwischenhändler und intransparente Recyclingketten sorgen dafür, dass Elektroschrott aus reichen Ländern am Ende in ärmeren Regionen landet mit massiven Umwelt- und Gesundheitsfolgen.
Das Ergebnis: Europa sieht zwar sauber aus, der dort entstandene Dreck liegt jedoch woanders.
Kreislaufwirtschaft? Klingt gut, läuft schlecht
Der größte Skandal bei diesem Thema ist dabei nicht nur die Menge, sondern das ganze System dahinter. Geräte werden immer schneller ersetzt, Reparaturen lohnen sich kaum noch, Akkus sind verklebt, Ersatzteile fehlen.
Wegwerfen ist einfacher und oftmals auch viele billiger als behalten und genau darauf ist der Markt ausgelegt. Wenn man an die geplante Obsoleszenz denkt, wo in den Produkten selbst schon das Kaputgehen eingebaut wird und diese eben nicht so lange wie möglich halten, bekommt man dann so richtig das…
Solange das so bleibt, ist auch die beste Recyclingquote nur Kosmetik.
Nachhaltig reden, verschwenderisch leben
Europa ist Recycling-Champion und Elektroschrott-König zugleich. Das ist kein Widerspruch, sondern das perfekte Symbol unserer Zeit: grünes Gewissen, graue Realität. Und eine Welt, die immer weiter kaputt gemacht wird.
Solange wir jedes Jahr neue Smartphones kaufen, funktionierende Geräte ersetzen (bzw. diese nicht so gebaut sind, dass sie lange genug halten) und Technik als Wegwerfware behandeln, bleibt Europa ganz oben auf dem Müll-Thron sitzen. Die Frage ist dabei nicht, ob wir Elektroschrott reduzieren könnten sondern ob wir bereit sind, unseren Konsum wirklich zu ändern. Spoiler: Bequem war Nachhaltigkeit noch nie.
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