Stefanie Sargnagel schickt ihre Leser*innen mit Opernball: Zu Besuch bei der Hautevolee mitten hinein in das vielleicht deutlichste Ritual österreichischer Klassengesellschaft: den Wiener Opernball. Auf knapp 80 Seiten verwandelt sie diesen Abend der Bonzen in eine Mischung aus Feldstudie, Satire und Klassenfarce. Mit ihrem gewohnt scharfen, aber spielerischen Blick zeigt sie, wie rasch aus distanzierter Beobachtung ein rauschhafter Trip durch Glanz, Macht und Kulturkapital wird und macht daraus ihr vielleicht kompaktestes, aber pointiertestes Buch.
Stefanie Sargnagel am Opernball
Seit Stefanie Sargnagel einst für das Vice-Magazin von einem FPÖ-Oktoberfest berichtete, ist klar: Diese Autorin besitzt einen messerscharfen, bissigen Blick auf das politische und kulturelle Österreich. Sie kann beobachten, sezieren und gleichzeitig humoristisch auf den Punkt bringen.
Mit Opernball: Zu Besuch bei der Hautevolee betritt Sargnagel nun das vielleicht symbolträchtigste Terrain der österreichischen Klassenverhältnisse: den Wiener Opernball. Jene Bonzenveranstaltung schlechthin, bei der Logen zwischen 15.000 und 26.000 Euro kosten, Frack Pflicht herrscht, für Opernballwürstel mit Handsemmel 18 Euro berappt werden müssen und selbst ein Mineralwasser zur Klassenfrage wird.
Und genau hier beginnt das Grenzgeniale dieses Buches.
Stefanie Sargnagel: Beobachtung trifft Parodie
Was Sargnagel macht, ist mehr als ein Bericht. Sie vermischt Beobachtung mit Parodie, Fakt mit Fiktion, und das nicht abrupt, sondern als stetige Steigerung. Zu Beginn lesen wir scheinbar eine teilnehmende Beobachtung, wenn überhaupt wohl größtenteils die Schilderung von jemand, der sich eher zurückholt.
Stefanie Sargnagel besucht den Opernball, alles klar. Doch schon hier nagen Gewissensbisse. Als linke Galionsfigur auf einem Kapitalist*innenfest, beobachtet von Boulevardmedien und Gestalten à la Dominik Heinzl. Das fühlt sich falsch an, peinlich, ja fast schmutzig.
Der Opernball erscheint dabei als ritualisierte Selbstfeier der oberen Zehntausend: kulturell verarmt, geschniegelt, geschnürt, noch mehr geschniegelt, die Menschen scheinen gefangen in einer Welt aus Oberflächlichkeit, Statussymbolen und leerem Kulturkapital, das aus Namedropping besteht und wo es vor allem um die Verteidigung absurder Klassenprivilegien geht.
Das Opernball-Trio: Distanz, Nähe und Reibung
Sargnagel ist bei ihrem Besuch jedoch nicht allein. Zwei kongeniale Begleitfiguren strukturieren diese Nacht, und das Buch: die namenlose Kellnerin und der Museumswärter. Der Museumswärter als Opernfan (oder so etwas ähnliches), die Kellnerin als bissige Linke mit klarer Klassenposition. Und Sargnagel selbst (bzw. ihre Figur) hält sich – zunächst – zurück. Sie beobachtet, analysiert, wahrt eine ethnologische Distanz. Was hier entsteht, wirkt wie eine anthropologische Feldstudie über eine fremde Spezies: die Bonzen. Doch diese Distanz hält natürlich nicht!
Die Eskalation und der Klassenwechsel als Trip
Was anfangs nüchtern wirkt, kippt langsam und dann ganz radikal. Die Ereignisse verdichten sich, überspitzen sich, werden zunehmend absurd. Sargnagel wird aufgesogen vom Glanz, vom Ruhm, vom sozialen Gefilde der oberen 10.000. Ihre Arbeiterklasse fällt ab wie eine Raupenhaut, sie transformiert sich – parodistisch, überzeichnet, grandios – zur Aufsteigerin, zur Neureichen, zur Bonzin.
Diese Klassenflucht ist der eigentliche Clou des Buches. Oder sollte man lieber sagen einer der vielen spannenden und extrem unterhaltsamen Kniffe dieser Erzählstruktur. Die teilnehmende Beobachterin wird selbst plötzlich Teil des Rituals, verliert die Distanz, lässt sich verführen. Das Ganze steigert sich exponentiell, Seite für Seite, bis zur vollkommenen Eskalation. Man fühlt sich unweigerlich an Gaspar Noés Climax erinnert, nur eben nicht als Horrortrip, sondern als satirisches, hochkomisches Inferno.
Vielleicht Sargnagels bisher unterhaltsamstes Buch
Man wagt es kaum zu sagen, aber: Opernball: Zu Besuch bei der Hautevolee ist vermutlich Stefanie Sargnagels unterhaltsamstes Buch. Auf knapp 80 Seiten entfaltet sich nämlich ein absurdes, lustiges, hochkomprimiertes Meisterstück. Geschminkt, geschnürt und geschniegelt begibt sich diese linke Autorin auf das härteste Parkett der Welt, wie am Buchrücken angekündigt wird, und hält uns dabei köstlich unterhaltsam einen Spiegel vor, oder eher sich selbst.
Sargnagel gelingt etwas Seltenes: Sie entlarvt die unheimliche Schnittmenge von Kulturkapital und Macht, ohne moralisierend zu werden. Stattdessen eskaliert sie humoristisch – bewusst, klug und brillant. Dieses Buch ist Parodie, Klassenanalyse und literarischer Rausch zugleich. Kurz: eine grenz-geniale Unterhaltung.
Bilder © Rowohlt Verlag

