Luis Ortega hat sich bereits mit „Der schwarze Engel“ als stilistisch eigenwilliger Regisseur etabliert. Doch mit „Kill the Jockey“ geht er noch einen Schritt weiter: Dieser Film ist kein klassischer Gangsterfilm, kein Sportdrama, kein Thriller. Sondern ein delirierendes Kunstwerk zwischen Pferderennbahn und Unterwelt.
Was Ortega hier inszeniert, ist eine wilde, diabolische Fusion aus Pferdesport und Verbrechen, erzählt in einer Bildsprache, die gleichermaßen an Alejandro Jodorowsky wie an David Lynch erinnert, ergänzt um skurrile musikalische Einlagen, die das Geschehen immer wieder ins Groteske kippen lassen.
Kill the Jockey: Pferderennen trifft Unterwelt
Das Motiv „Verbrechen und Pferderennsport“ ist filmisch nicht neu. Man erinnert sich etwa an Der Clou mit Robert Redford, ein Klassiker, in dem Trickbetrug und Rennbahnromantik elegant miteinander verschmelzen.
Doch während Der Clou auf Charme, Präzision und klassische Dramaturgie setzt, schlägt Kill the Jockey von Luis Ortega eine völlig andere Richtung ein. Hier prallen Mafia-Ästhetik und Pferderennbahn nicht geschniegelt, sondern verzerrt, surreal, fast albtraumhaft aufeinander.
Ortega interessiert weniger der Coup – ja gibt es denn überhaupt einen? – als das Fieber. Weniger das Verbrechen als seine skurrile Atmosphäre.
Luis Ortega: Surrealismus im Sattel
Der Film Kill the Jockey wirkt wie ein ästhetischer Fiebertraum. Szenen kippen ins Absurde, Dialoge wirken wie aus einer anderen Wirklichkeit herübergeweht. Figuren erscheinen größer als das Leben, dann wieder lächerlich klein. Realität und Wahn verschwimmen.
Dabei entfaltet Ortega eine visuelle Kreativität, die immer wieder überrascht. Ein Beispiel: Die Hauptfigur durchschreitet eine Drehtür – und die Kamera schwingt mit. Sie kreist mehrfach um ihn, folgt ihm in dieser rotierenden Bewegung, bis Raum und Orientierung sich auflösen, der Held aus der Drehtür verschwindet, aber die Kamera darin fest positioniert bleibt. Eine simple Alltagssituation wird zur hypnotischen Choreografie. Der Film ist voller solcher Einfälle, die die gewöhnlichen Sehgewohnheiten überschreiten.
Skurrilität als grenzenloses Prinzip
Immer wieder fühlt man sich auch an die anarchische Verspieltheit früher Filme von Helge Schneider erinnert – jenes lustvolle Unterlaufen von Erwartung, jenes absurde Spiel mit Genre-Konventionen. Doch Ortega verbindet dieses Skurrile mit einer düsteren, fast diabolischen Grundierung, womit der Stilistisch schon sehr an Alejandro Jodorowsky wie auch an David Lynch erinnert. Einfach wunderbar!
Gerade darin liegt die Stärke des Films: Er zeigt, dass selbst im scheinbar vertrauten Terrain – Rennbahn, Gangster, Wettbetrug – noch radikal Neues entstehen kann. Dass das Absurde keine Grenzen kennt. Dass Genre kein Käfig, sondern Material ist.
Ein herrliches Vergnügen mit Abgrund
Kill the Jockey ist kein Film für Zuschauer, die lineare Klarheit suchen. Er will irritieren, verstören, verführen. Er will über den Horizont hinausführen. In eine Welt, in der Pferderennen zur Metapher, Verbrechen zur Oper und Wahnsinn zur Ästhetik wird.
Und genau deshalb ist dieser Film ein Vergnügen. Ein herzhaftes, schräges, visuell berauschendes Vergnügen.
Luis Ortega beweist hier eindrucksvoll, dass Kino noch überraschen kann. Dass das Bekannte sich neu erfinden lässt. Und dass zwischen Rennbahnstaub und Revolverkugel Platz ist für Surrealismus und groteske Poesie. Ein Film für alle, die sich gern verwirren lassen, die Lust auf diabolisches Kino haben. Und für alle, die glauben, sie hätten im Genre-Film schon alles gesehen.
© MUBI
