Mit Der Gräber legt Hendrik Otremba seinen vierten Roman vor – ein Werk, das sich zwar vordergründig im postapokalyptischen Genre verorten lässt, dieses jedoch auf radikale Weise neu denkt.
Hendrik Otremba und die Welt nach dem Ende
Wir finden uns wieder in einer Welt danach. Alles ist zerstört, alles ist untergegangen, geblieben ist nur noch Schutt und Asche. Die Hauptfigur „Der Gräber“ bewegt sich durch eben dieses postapokalyptisches Wasteland, ein verwüstetes Berlin: eingestürzte Gebäude, Schuttlandschaften, Betonfragmente. Überreste einer Stadt, die kaum noch als solche zu erkennen ist.
Und doch geschieht hier etwas Bemerkenswertes. Denn obwohl Hendrik Otremba diese Welt beschreibt und das durchaus eindringlich, setzt sich nie ein vollständig greifbares Bild zusammen. Es bleibt fragmentarisch, schemenhaft, fast entrückt. Man bekommt Bilder klar, viele Bilder sogar. Aber sie fügen sich nicht zu einer klaren, abgeschlossenen Welt.
Gerade darin liegt aber die besondere Qualität dieses Romans. Wie das Untergegangene beschreiben? Wie lässt sich das Zerstörte überhaupt noch greifbar machen? Wie kann man eine Welt beschreiben, die in sich bereits zerfallen ist? Otremba beantwortet diese Frage, indem er genau diese Unschärfe zum literarischen Prinzip erhebt.
Der Gräber: Das äußere Wasteland als innerer Raum
Was „Der Gräber“ von klassischen postapokalyptischen Erzählungen unterscheidet, ist dabei vor allem der Fokus. Es geht weniger um das äußere Wasteland, da jedoch natürlich auch sehr präsent ist. Doch vielmehr ereignet sich im Inneren der Figur. Die zerstörte Welt wird somit zur Projektionsfläche eines Innenlebens.
Die Hauptfigur, der sogenannte Gräber, durchstreift nicht nur eine Ruinenlandschaft, sondern zugleich auch seine eigene innere Leere und Verwüstung. Die äußere Zerstörung schreibt sich in seine Innenwelt ein. Die Leere in seinem Inneren, projiziert sich nach außen. So wird der Roman weniger zu einer Erkundung einer kaputten Welt, sondern zu einer Begehung eines beschädigten Bewusstseins.
Hendrik Otremba und die Absurdität der Unsterblichkeit
Besonders faszinierend ist auch die zentrale Idee der Figur: Der Gräber ist nämlich unsterblich. Diese Unsterblichkeit führt jedoch zu einer existenzialistischen Spannung, die sich kaum auflösen lässt. Denn während die Welt um ihn herum zerfällt und stirbt, bleibt er bestehen.
Hier lässt sich eine Verbindung zu Martin Heidegger denken, für den das menschliche Dasein immer schon wesentlich ein „Sein zum Tode“ ist. Doch was geschieht, wenn dieses „Sein zum Tode“ aufgehoben wird? Was bleibt vom Menschsein übrig, wenn der Tod keine Grenze mehr darstellt?
Otremba stellt diese Frage nicht theoretisch, sondern existenziell. Der Gräber hat nämlich alle Menschen überlebt, die ihm nahe standen: seine Frau, seine Tochter, frühere Partnerinnen. Beziehungen werden unmöglich. Denn während andere altern und sterben, bleibt er unverändert. Das Leben verliert seine zeitliche Struktur und damit auch seine genuin menschliche Bedeutung. Was folgt in eine Form der Absurdität.
Der Gräber oder Leben im Unlebbaren
So entsteht ein paradoxer Zustand: Ein unsterblicher Mensch bewegt sich durch eine tote, gestorbene und immer noch sterbende Welt. Das Lebendige durchstreift das Unlebendige und kann es doch nicht beleben. Es kann sich nur erinnern an das, was einmal lebendig gewesen ist.
Eine andere Art von Postapokalypse
„Die Gräber“ ist kein klassischer Science-Fiction- oder Endzeitroman. Wer eine klar gezeichnete Welt erwartet, detailliert ausgearbeitet mit klaren gesellschaftlichen Verhältnissen und visuell eindeutig gezeichnet, wird hier bewusst enttäuscht. Stattdessen entsteht eine poetische, schwer fassbare Landschaft, die sich eher als Stimmung denn als Ort begreifen lässt. Otremba schreibt keine konkrete Welt, nein, er erzeugt vielmehr eine existenzielle Erfahrung. Eine Erfahrung von Leere, von Zeitlosigkeit, von existenzieller Verlorenheit.
Der Gräber von Hendrik Otremba
Mit „Der Gräber“ gelingt Hendrik Otremba ein durchaus außergewöhnlicher Roman. Er verbindet postapokalyptische Motive mit existenzialistischer Philosophie und erschafft dabei eine Erzählform, die sich bewusst der Eindeutigkeit entzieht.
Die große Stärke des Buches liegt in seiner Ambivalenz: Es beschreibt eine Welt und entzieht sie zugleich wieder. So wird die äußere Zerstörung zur inneren Bewegung, die Ruine zur Reflexion. Ein leiser, intensiver und philosophisch aufgeladener Roman, der weniger eine Geschichte erzählt als einen Zustand erfahrbar macht.
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