Die Hetze gegen die Presse ist längst zum Volkssport verkommen. Wer Frust hat, aber kein klares Feindbild, landet zuverlässig bei „den Medien“. Seit Jahren wird der Journalismus von politischer Seite, aus wirtschaftsnahen Milieus und natürlich in den sozialen Netzwerken zum bequemen Prügelknaben aufgebaut. Wer berichtet, stört. Wer einordnet, nervt. Wer Missstände aufzeigt, gilt schnell als voreingenommen. Kein Wunder also, dass Journalismus derzeit nicht gerade unter Denkmalschutz steht. Doch wir wollten uns anschauen, wie es um die österreichische Medienlandschaft im Online-Segment gerade wirklich steht, und sind dafür der Frage nachgegangen, ob der österreichische Online-Journalismus tatsächlich schon klinisch tot ist oder ob unter der Oberfläche noch überraschend viel Leben steckt. Und siehe da: Bei dieser Recherche sind wir auf 9 neu gegründete Medien gestoßen.
Österreichische Medienlandschaft lebendig wie je und eh
Wir haben uns angesehen, welche neuen digitalen Medienprojekte die österreichische Medienlandschaft in den Jahren 2025 und 2026 dazubekommen hat. Darunter sind echte Neugründungen, ambitionierte Nischenformate, Corporate-Magazine, Plattformstarts und publizistische Experimente, die zeigen, wohin sich Journalismus und Medien hierzulande gerade bewegen.

1. JETZT: Das neue Mitgliedermedium will ein sicherer Hafen sein
Mit JETZT ging am 4. November 2025 ein neues österreichisches Onlinemedium an den Start. Hinter dem Projekt steht der Wiener Medienmanager und Radiounternehmer Florian Novak. Medieninhaberin ist die Be The Change Flexible Company mit Sitz im Wiener Funkhaus. Zum Start wurde die Redaktion von Hatice Akyün geführt. Inhaltlich setzt JETZT auf ein mitgliedergetragenes Modell mit Text- und Audioformaten und orientiert sich dabei offen am dänischen Vorbild Zetland statt am üblichen Klick-und-Krawall-Prinzip der Aufmerksamkeitsökonomie.
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Schon zum Launch brachte das Medium 5.878 zahlende Mitglieder mit, was in einem Markt, in dem neue Projekte oft schneller verdampfen als gute Vorsätze im Jänner, durchaus bemerkenswert ist. Für die österreichische Medienlandschaft ist JETZT auch deshalb spannend, weil das Projekt zeigt, dass selbst in einem überdrehten Nachrichtenbetrieb noch Platz für neue journalistische Modelle ist.
2. Zwischenbrücken: Ein neues Lokalmedium für den 2. und 20. Bezirk
Mit Zwischenbrücken ist im März 2025 ein Wiener Online-Lokalmedium gestartet, das sich ganz auf die Bezirke Leopoldstadt und Brigittenau konzentriert. Hinter dem Projekt steht der Journalist Bernhard Odehnal, der damit bewusst auf das setzt, was in der großen Medienmaschine oft als zu klein, zu lokal oder zu unspektakulär weggewischt wird: Geschichten aus dem Grätzl, Recherchen vor der Haustür und Journalismus auf Bezirksebene.
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Gerade deshalb ist Zwischenbrücken für die österreichische Medienlandschaft interessant, weil das Projekt zeigt, dass neue Medien nicht immer gleich die ganze Republik bespielen müssen, um relevant zu sein. Manchmal reicht es schon, zwei Bezirke ernst zu nehmen.
3. Impuls News: Progressives Online-Magazin mit Community-Ansatz
Impuls News ist seit 27. März 2026 mit datierten Beiträgen öffentlich sichtbar und versteht sich selbst als progressives Online-Magazin für Politik und Gesellschaft. Laut Selbstdarstellung will die Plattform aktuelle Entwicklungen einordnen, komplexe Themen verständlich aufbereiten und politische Debatten kritisch begleiten. Auffällig ist dabei die Community-Logik: Leserinnen und Leser können Themen vorschlagen, Artikelideen einreichen und sich aktiv an der Weiterentwicklung des Projekts beteiligen.
Screenshot von der Impuls.News Redaktion zur Verfügung gestellt
Inhaltlich deckt Impuls News mehrere Ressorts ab, darunter Politik, Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft und Lifestyle. Im Impressum wird Wien als Sitz des Projekts genannt. Gerade diese Mischung aus Magazinstruktur, politischem Anspruch und Beteiligungsmodell macht das Format für die österreichische Medienlandschaft bemerkenswert.
4. Bildung.ORF.at: Der ORF bündelt Medienkompetenz und Lernangebote
Mit bildung.ORF.at startete der ORF am 2. Oktober 2025 eine neue digitale Plattform, die Bildungsinhalte, E-Learning-Materialien und Angebote zur Stärkung der Medienkompetenz unter einem Dach zusammenführt. Anders als die übrigen Einträge auf dieser Liste ist das kein klassisches Magazin. Sondern eher ein publizistisches Service- und Informationsangebot mit klarem Bildungsauftrag.
Auf der Plattform werden ORF-Materialien gebündelt, zusätzlich können dort auch Workshops und weiterführende Angebote genutzt werden. In einer weiter gefassten Übersicht neuer digitaler Medienprojekte in Österreich lässt sich bildung.ORF.at deshalb durchaus mitdenken, auch wenn der Charakter stärker in Richtung Plattform als in Richtung redaktionelles Magazin geht.
5. losleben.stories: Die Wiener Städtische setzt auf ein eigenes Digitalmagazin
Mit losleben.stories startete die Wiener Städtische im Jänner 2026 ein neues digitales Magazin, das sich an ein jüngeres Publikum richtet und Themen aus den Bereichen Körper, Psyche und Zukunft bündelt. Das Angebot umfasst journalistisch aufbereitete Beiträge, Interviews, Erfahrungsberichte, Quiz- und Serviceformate sowie eine eigene Podcast-Reihe.
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Ergänzt wird das Projekt durch Social-Media-Inhalte. Entwickelt und gestaltet wurde das Magazin von Egger & Lerch, der Corporate-Media-Agentur von DER STANDARD. Unabhängiger Journalismus ist das nicht. Aber als professionell aufgesetztes Corporate-Magazin zeigt losleben.stories, wie stark sich publizistische Formate inzwischen auch außerhalb klassischer Redaktionen ausdifferenzieren.
6. BOOM: Der Senat der Wirtschaft baut sich ein eigenes Magazin
Mit BOOM – Wirtschaft für Menschen wurde im September 2025 ein neues Wirtschafts-Magazin vorgestellt, das halbjährlich als Print- und Digitalformat erscheint. Herausgeber ist Hans Harrer, Vorstandsvorsitzender des Senats der Wirtschaft. Somit ist auch ziemlich klar ist, aus welchem publizistischen Umfeld das Projekt kommt.
Inhaltlich will sich BOOM von „ideologisierten Debatten“ abgrenzen und wirtschaftspolitische Fragen aus einer praxisnahen Perspektive beleuchten. Dass ausgerechnet ein wirtschaftsnahes Netzwerk ein Magazin lanciert, das sich von „Ideologien“ absetzen will, hat dabei eine gewisse unfreiwillige Komik. Denn auch Interessenjournalismus wird nicht automatisch neutraler, nur weil er sich selbst für pragmatisch hält. Damit ist das Format weniger ein klassisches unabhängiges Onlinemedium als ein institutionell getragenes Magazin mit publizistischem Anspruch.
7. EntreNous HOM:ME: Ein Spin-off für moderne Männlichkeit
Mit EntreNous HOM:ME erschien im Juli 2025 ein neuer Titel, der das bestehende österreichische Format EntreNous um ein eigenes Männermagazin erweitert. Laut den veröffentlichten Angaben versteht sich das Projekt als Plattform für moderne Männlichkeit. Dabei versucht man sich jenseits klassischer Rollenbilder zu positionieren und verbindet Mode-, Kultur- und Gesellschaftsthemen.
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Damit ist EntreNous HOM:ME zwar kein komplett neues Medienhaus, sehr wohl aber ein neuer Magazinstart mit eigener Positionierung. Verbreitet wird das Format österreichweit, begleitet von digitalen Inhalten und weiteren Community-Formaten.
8. ZIB Magazin Media: Der ORF macht Medienkompetenz zum Format
Mit ZIB Magazin Media startete der ORF am 5. November 2025 ein neues Format, das in ORF 1 läuft und zusätzlich auf ORF ON abrufbar ist. Die rund fünfminütige Sendung widmet sich breiten Themenfeldern. Wie zum Beispiel Themen wie Desinformation, Online-Trends, Fake News und die Rolle von Medien in der Demokratie. Das Angebot ergänzt außerdem der Podcast „ZIB Magazin Media Wissen“.
Das Angebot wird als Kooperation des ZIB-Magazin-Teams mit ORF defacto, also der Verification-Abteilung im ORF-Newsroom ausgearbeitet. Streng genommen ist das kein Online-Magazin, sondern ein TV- und Onlineformat mit pädagogischem Einschlag.
9. AK FÜR DICH: Relaunch statt Neugründung
Bei AK FÜR DICH handelt es sich nicht um ein neues Medium, sondern um die Neupositionierung des bisherigen AK-Wien-Magazins „AK FÜR SIE“. Die erste Ausgabe im neuen Auftritt erschien Ende Februar 2026. Dir Arbeiterkammer hat dabei nicht nur das Design überarbeitet, sondern auch Titel, Redaktion und Ansprache verändert.
Historisch ist das Magazin deutlich älter, die AK selbst verweist auf seine Geschichte seit 1980. Relevant ist der Fall trotzdem, weil er zeigt, dass 2026 nicht nur neue Medien starten. Sondern, dass sich auch bestehende Publikationen sprachlich und formal immer mehr an ein verändertes Publikum anpassen.
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