Schleswig-Holstein hat Microsoft gekündigt: Outlook raus, Open Source rein. Ein kleines Bundesland spielt eine digitale Revolution durch, während der Rest der Republik noch am Lizenzserver von Bill Gates hängt.
Kleines Land, großer Mittelfinger
In einem Büro in Schleswig-Holstein hat jemand auf „Kündigen“ geklickt und damit eine Grundsatzfrage gestellt: Wie souverän ist ein Staat, wenn seine Steuer-, Justiz- und Verwaltungsdaten in der Cloud eines US-Konzerns liegen? Statt weiter brav Office zu mieten, setzt das Land auf Bürosoftware aus Deutschland und Open-Source-Lösungen.
Die Sorge dahinter ist klar: Solange Daten in Hersteller-Clouds wie der von Microsoft liegen, hängt der Staat rechtlich und technisch an den USA. US-Behörden können unter bestimmten Bedingungen sogar Zugriff zu diesen Daten zu bekommen, auch wenn die Server in der EU stehen! Und dann ist da noch das geopolitische Kopfkino: Was, wenn bei Sanktionen oder politischem Stress plötzlich von einem Tag auf den anderen der Zugang zu Mails und Dateien gekappt wird? Einfach so, weil Trump vielleicht gerade Lust dazu hat.
Marktmacht, Bequemlichkeit und die Wechselhölle
Microsoft dominiert den Office-Markt in Deutschland mit knapp 85 Prozent Marktanteil, der Bund zahlte daher 2024 über 200 Millionen Euro für Lizenzen. Kein Wunder, dass sich das System bequem anfühlt: Alles ist integriert, alle kennen es, alles „funktioniert halt“. Schleswig-Holstein ist da der unbequeme Verwandte auf der Familienfeier, der fragt, ob man wirklich für immer vom gleichen Konzern abhängig sein will.
Knapp 44.000 Mailaccounts hat das Land bereits von Outlook auf unabhängige Software umgezogen. Parallel dazu setzt die Landesregierung darauf, Open Source großflächig einzuführen – von Office bis Betriebssystem. Die Idee: Wenn der Code offen ist, kann der Staat prüfen, anpassen, notfalls selbst weiterentwickeln, statt darauf zu hoffen, dass ein US-Gigant seine Interessen schon mitdenkt.
Das Problem: Alternativen gibt es zwar, aber sie sind weniger bekannt, schlechter vermarktet und selten so tief in den Alltag eingebrannt wie Microsoft. Der Konzern hat über Jahrzehnte ein Ökosystem geschaffen, das Wechsel maximal unattraktiv macht – vom Dateiformat bis zum Cloud-Abo.
Kill Switch, Davos und der lange Weg raus
Während Schleswig-Holstein umstellt, diskutiert die Wirtschaft dieselben Ängste auf globaler Bühne. Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos war die digitale Abhängigkeit eines der großen Themen: Die Vorstellung, dass eine US-Regierung – aktuell wieder unter Donald Trump – mit einem politischen Beschluss europäischen Unternehmen und Behörden die digitale Infrastruktur abdrehen könnte.
Laut einer aktuellen Studie sagen neun von zehn Unternehmen, dass sie digital von Importen aus den USA abhängig sind, vor allem bei Software und Cloud-Diensten. Und anders als früher wird diese Abhängigkeit heute nicht mehr als bequemer Normalzustand gesehen, sondern als mögliches Risiko. Trotzdem gibt es derzeit kein großes Unternehmen, das so konsequent versucht, Microsoft hinter sich zu lassen wie Schleswig-Holstein.
Der Weg raus aus dieser Abhängigkeit wird kein Sprint, sondern ein Ultramarathon: lang, teuer, nervig – aber irgendwann muss jemand anfangen zu laufen. Schleswig-Holstein ist losgelaufen. Die spannende Frage ist nur: Wer traut sich als Nächstes, auf „Kündigen“ zu klicken und den Schritt Richtung Unabhängigkeit zu machen?
