Es gibt Bücher, die mehr sind als Einführungen. Bücher, die als Schlüsselwerke fungieren, als intellektuelle Leuchttürme, weil sie es schaffen, auf vergleichsweise wenigen Seiten einen hochkomplexen Begriff nicht nur zu erklären, sondern ihn präzise zu sezieren – fast chirurgisch. Barbara Schellhammers Kulturphilosophie gehört eindeutig in diese Kategorie.
Kultur: die begriffliche Problemstelle
Das Buch Kulturphilosophie von Barbara Schellhammer leistet etwas Seltenes. Es eröffnet einen tiefgehenden, differenzierten und zugleich gut lesbaren Zugang zum Begriff der Kultur. Einem Begriff, der gerade in der Gegenwart politisch aufgeladen, ideologisch verzerrt und häufig erschreckend verkürzt verwendet wird. Schellhammer zeigt, dass Kultur kein dekorativer Überbau ist, sondern ein dynamischer Organismus, der Wahrnehmung, Macht, Wissen und Identität strukturiert.
Kultur denken – jenseits des westlichen Selbstverständnisses
Schellhammer versammelt bzw. verweist vielmehr auf das Who’s who der Kultur- und Sozialphilosophie, ohne in bloßes Namedropping zu verfallen. Spivaks Subalterne oder Michel Foucaults Dispositiv werden nicht nur referiert, sondern in einen größeren Zusammenhang eingebettet. Sie dienen als Werkzeuge, um Kultur als Geflecht von Machtverhältnissen, Ausschlüssen und Wissensordnungen zu begreifen.
Besonders stark ist dabei der konsequente interkulturelle Zugang. Schellhammer bricht mit der westlichen Selbstverständlichkeit, die eigene Kultur und damit auch die eigene Philosophie, als universellen Maßstab zu setzen. Stattdessen öffnet sie den Blick vor allem auch für indigene Kulturpraktiken, die sie nicht nur theoretisch, sondern auch aus eigener wissenschaftlicher Erfahrung kennt. Dieser Praxisbezug verleiht dem Buch eine zusätzliche Tiefe, die vielen kulturphilosophischen Arbeiten fehlt.
Philosophie ist nicht nur europäisch
Ein zentraler Verdienst dieses Buches liegt darin, dass es auch die Philosophie selbst zum Gegenstand kultureller Relativierung macht. Der westliche, eurozentristische Kanon erscheint hier nicht als Krone des Denkens, sondern als eine von vielen möglichen Erkenntnisformen. Indigene, asiatische, indische oder Inuit-Philosophien werden dabei nicht exotisiert, sondern als gleichwertige Denkbewegungen ernst genommen bzw. werden die Möglichkeiten offengelegt, neue Horizonte des Denkens zu erobern, indem eben nicht-westliche Philosophien berücksichtig werden. Wer sich darauf einlässt, beginnt, Welt, Wissen und Subjektivität neu zu denken.
Ein Buch, das Denken verschiebt
Kulturphilosophie ist kein Buch, das schnelle Antworten liefert. Es ist ein Buch, das Denkräume öffnet, Begriffe verschiebt und Gewissheiten gekonnt infrage stellt. Gerade darin liegt seine Stärke. Es ist befruchtend, fordernd, manchmal unbequem, aber genau deshalb so wertvoll.
Barbara Schellhammer gelingt es, einen neuen Horizont anzudeuten. Einen Horizont, in dem Kultur nicht als Besitzstand, sondern als relationale Praxis verstanden wird. Ein Buch, das nicht nur informiert, sondern transformiert. Kurz gesagt: Kulturphilosophie ist ein unverzichtbares Werk für alle, die Kultur nicht nur in ihrer populären Form gedankenlos konsumieren, sondern das Phänomen an sich, in all seiner Vielschichtigkeit verstehen wollen.
Bilder © Transcript Verlag

