Die Flüchtigen von Alain Damasio: ein weiterer Geniestreich!

Mit Die Flüchtigen legt Alain Damasio ein ebenso wuchtiges wie faszinierendes Werk vor. Nach seinem bereits legendären Roman Die Horde im Gegenwind zeigt Damasio erneut, wie meisterhaft er unterschiedliche Genres miteinander verweben kann. Aber auch, wie wandlungsfähig er als Autor ist.

Die Flüchtigen ist ein Roman, der sich auf den ersten Blick wie ein hochspannender Action-Thriller liest – visuell fast wie ein großer Hollywoodfilm. Doch hinter dieser rasanten Oberfläche verbirgt sich eine vielschichtige Geschichte, die Science-Fiction, Mystery, Gesellschaftskritik und philosophische Spekulation miteinander verbindet. Absolute lesenswert!

Alain Damasio: Das rätselhafte Verschwinden

Die Geschichte der Flüchtigen beginnt mit einer Prüfung: Die Hauptfigur Lorca absolviert die finale Ausbildung zum sogenannten Flüchtigenjäger. Diese Flüchtigen, die von ihm und seiner Abteilung gejagt werden, sind versteckte Wesen, die man nicht wirklich sehen kann, von denen sich eine privatisierte Regierung jedoch natürlich militärische Vorteile erhofft.

Hinter dieser Karriere steckt jedoch ein persönliches Trauma. Zwei Jahre zuvor ist Lorcas Tochter spurlos verschwunden. Wobei die Umstände ihres Verschwindens vollkommen rätselhaft sind. Türen und Fenster waren verschlossen. Es gab keine Spuren, keine Fingerabdrücke, keinerlei Hinweise auf ein Eindringen in das Haus. Es ist, als wäre das Mädchen einfach vom Erdboden verschluckt worden.

Die Polizei konnte natürlich nichts herausfinden. Der Fall bleibt ungelöst. Bis Lorca beginnt, eine andere Möglichkeit in Betracht zu ziehen, da seine Tochter, vor ihrem Verschwinden, immer wieder von ihrem unsichtbarem Freund erzählt hat, mit dem sie mitgehen will.

Die Flüchtigen Alain Damsaio

Die Flüchtigen: Die Wesen aus den toten Winkeln

Im Zentrum des Romans stehen, inmitten eines hervorragend entworfenen Setting einer bis ins letzte kapitalisierten Welt aus Premium-Bürger*innen und privatisierten Städten, die sogenannten Flüchtigen. Diese mysteriösen Wesen existieren angeblich in den toten Winkeln unserer Wahrnehmung. Sie leben direkt neben uns, bleiben aber dennoch unsichtbar.

Niemand weiß genau, wie sie aussehen. Wenn ein Mensch sie zufällig erblickt, geschieht etwas Merkwürdiges: Die Flüchtigen erstarren, erhitzen sich extrem und verwandeln sich augenblicklich in Keramik. Was zurückbleibt, sind seltsame Keramikfragmente oder Figuren.

Diese Fähigkeit scheint ein Schutzmechanismus zu sein, eine Art biologische Strategie, um jede Untersuchung ihrer DNA unmöglich zu machen. Doch genau diese Eigenschaften machen die Flüchtigen für Militär und Forschung umso interessanter, wie wir schon erwähnt haben. Denn ein Organismus, der sich perfekt an seine Umgebung anpasst und praktisch unsichtbar wird, wäre militärisch von unschätzbarem Wert.

Eine Welt des totalitären Kapitalismus

Die Jagd nach den Flüchtigen findet in einer Welt statt, die von einem radikalisierten Kapitalismus geprägt ist. Der Staat existiert nur noch in Fragmenten. Klassische Polizei gibt es kaum noch – stattdessen operieren militärische Einheiten, die von Konzernen finanziert oder kontrolliert werden.

Alain Damasio zeichnet hier das Bild eines totalitären Kapitalismus, in dem Überwachung, wirtschaftliche Abhängigkeiten und Konzerninteressen den Alltag bestimmen. Und wie für ihn geradezu typisch, ist diese Welt hervorragend überraschen herausgearbeitet und brilliert mit geistreichen Detailreichtum, die perfekt in die Jagd nach den Flüchtigen integriert ist.

Ist die Suche nach Lorcas Tochter und der Auflösung des Phänomens der Flüchtigen an sich schon extrem spannend, so setzt diese wunderbar skizzierte Welt, in der sich das alles ereignet noch einen drauf. Von der philosophischen Tiefe, die mit den Auftauchen der Flüchtigen abgearbeitet wird, braucht man gar nicht zu reden. Auch was das betrifft, ist das Buch einfach nur brillant.

Die Flüchtigen: Ein Roman der Genres

Gerade in dieser Kombination der Genre liegt die große Stärke des Buches. Die Flüchtigen verbindet nämlich gleich mehrere literarische Formen gleichzeitig: einen rasanten Action-Thriller, einen Entführungskrimi um das Verschwinden der Tochter, eine Science-Fiction-Geschichte über fremdartige Wesen, eine politische Dystopie über neoliberale Machtstrukturen, sowie mystische und mythologische Elemente, aber auch genügend philosophische Anreize und sozialkritische Problemstellen.

Diese Mischung entwickelt eine enorme erzählerische Dynamik, wobei keines der Genre überladen wird. Nein, es ist geradezu hervorragend abgestimmt.

Mystik und Kommunikation

Im Verlauf der Geschichte verdichtet sich das Bild dieser Wesen immer weiter. Geradezu soghaft reißt uns Damasio hinein in sein Ideenfeuerwerk. Der Autor enthüllt die wahre Natur der Flüchtigen jedoch nicht auf einmal, sondern in Etappen. Schritt für Schritt entsteht ein komplexes Bild einer völlig fremden Lebensform, die so herrlich kreativ ausgearbeitet ist, dass man immer wieder nur staunen kann.

Besonders faszinierend ist eine Episode, in der ein archaisches Ritual – offenbar mit balinesischen Wurzeln – eine Rolle spielt. In speziellen Schreinen können sich die Flüchtigen niederlassen und so eine Form der Kommunikation mit Menschen ermöglichen. Plötzlich wird aus der Jagd ein Dialog.

Die Suche eines Vaters

Für Lorca wird diese Entwicklung zu einer existenziellen Suche. Er glaubt zunehmend, dass seine Tochter noch lebt, irgendwo in der Nähe dieser geheimnisvollen Wesen. Doch seine Theorie wirkt für viele Menschen absurd. Auch seine eigene Frau hält ihn schließlich für besessen von einer Wahnidee. Trotzdem verfolgt er die Spur weiter.

Und genau diese Mischung aus persönlichem Drama, Science-Fiction-Mystik und politischer Dystopie verleiht dem Roman seine enorme Intensität.

Die Flüchtigen von Alain Damasio

Mit Die Flüchtigen gelingt Alain Damasio wieder einmal ein außergewöhnlicher Roman. Auf über achthundert Seiten entfaltet er eine beeindruckend gewaltige Erzählwelt, die gleichzeitig spannender Thriller, philosophische Science-Fiction und gesellschaftskritische Dystopie ist. Die Suche eines Vaters, später dann auch die Suche einer Mutter, nach der verlorenen Tochter sorgt dabei auch für einen emotionalen Zwischenton.

Die mysteriösen Flüchtigen gehören zu den wohl originellsten Kreaturen der modernen Science-Fiction. Wesen, die gleichzeitig rätselhaft, poetisch und verstörend wirken, über die man aber unbedingt mehr wissen will, weil sie auch so hervorragend komplex ausgearbeitet wurden und später in der Geschichte auch eine evolutionäre Funktion erfüllen.

Wie schon in Die Horde im Gegenwind zeigt Damasio auch hier seine große Stärke: die Fähigkeit, neue Welten zu erschaffen, die zugleich fantastisch und erschreckend plausibel sind. Gleichzeitig entzieht er sich gekonnt einer jeden Kategorisierung.

Die Flüchtigen ist ein monumentales, genreübergreifendes Werk, dass man unbedingt gelesen haben wollte. Es ist wirklich wunderbar unterhaltsam, hebt zugleich aber auch die klassischen Lesegewohnheiten auf ein höheres Niveau. Literaturgeschichtlich ist das Werk aber auch ein weiterer Beweis dafür, dass Alain Damasio zu den spannendsten Stimmen der zeitgenössischen Literatur gehört.


Bilder © Matthes & Seitz Berlin