Literatur hören, Welt erlesen: „Z Ypsilon X“ von Peter Waterhouse

Mit Z Ypsilon X legt Peter Waterhouse ein Werk, nein, ein literarisches Monument vor, das sich kaum noch mit herkömmlichen Kategorien der Literaturkritik erfassen lässt. Denn eines muss gleich zu Beginn klargestellt werden: Peter Waterhouse schreibt keine Literatur, Peter Waterhouse ist Literatur.

Was aber bedeutet das? Es bedeutet, dass hier jemand schreibt, der nicht einfach Geschichten erzählt oder Gedanken formuliert, sondern der selbst als eine Art Instrument agiert. Ein Instrument, das alles zur Literatur werden lässt. Waterhouse liest die Welt in die Literatur hinein und trägt zugleich die Literatur hinaus in die Welt. Zwischen beiden entsteht ein permanenter Austausch, ein Fließen, ein Ineinanderübergehen, das praktisch ohne Ende ist.

Peter Waterhouse oder das leise, leere Hotel der Sprache

Eine Stelle aus dem Buch bringt dieses Verfahren auf den Punkt: „In einer Eingangshalle war nur einer und hörte das leise, leere Hotel. Fing endlich an, das Hotel zu hören.“ Genau so arbeitet Waterhouse. Er ist jemand, der anfängt, die Sprache zu hören, so wie man ein leeres Hotel hört. Aber auch die Welt. Und welche Sprache hört er da?

„Niemand in der Familie sprach gern über den Großvater, der als Hauptschriftleiter eine zentrale Rolle in der österreichischen NS-Propaganda innegehabt hatte. Niemand beachtete die Bücher, die dieser gesammelt hatte, Bücher von Karl Kraus, Peter Altenberg und vielen anderen, die in den Regalen der Nachkommen zusehends verstaubten. Niemand – bis hundert Jahre nach dem Tod des Großvaters das Enkelkind in ihnen zu lesen beginnt und eine ungeahnte Gegenwelt entstehen lässt. Eine Welt des Zögerns und Fragens, konturiert durch Anstreichungen und Randnotizen, Widmungen und Lesezeichen, in der das Wort nicht dem kriegstreibenden »Voran« und der Gewalt gewidmet wird, sondern all dem Unterbrochenen, Leisen, Möglichen, das scheinbar noch die Vergangenheit zu verändern weiß.“, so der Verlag über den Inhalt des knapp 1600 Seiten starken Werkes.

Und so kommt es, dass sich dieser Enkel – eben Peter Waterhouse – an den unscheinbaren Notizen seines Großvaters, in diesen verstaubten Büchern, anfängt abzuarbeiten. Dabei jedoch anfängt, auch die Weltliteratur neu zu hören, neue Spuren zu legen, radikal, wie ein Derrida vielleicht auch radikal dekonstruiert hätte und die Gespenster zu Wort kommen hätte lassen, genauso, wie man eben die Leere eines leeren Hotels hört, die plötzlich nicht mehr leer ist. Sondern was? Voll! Endlos!

Waterhouse hört die Literatur. Und aus diesem Hören entsteht ein Schreiben, das gleichzeitig auch Lesen ist, ein gegen den Strich lesen, aber auch ein für den Gedankenstrich des Großvaters lesend. Ein Lesen, dass aus den verblassten Randnotizen eines Menschen ein ganzes Leben hervor-schreibt, be-schreibt, um-schreibt und auch neu-schreibt. Peter Waterhouse nimmt dabei die Welt in die Literatur hinein und trägt die Literatur wieder hinaus in die Welt. Beides verschmilzt miteinander, geht ineinander auf. Literatur wird zu einem Prozess des Wahrnehmens der Welt.

Z Ypsilon X: Ein Satz aus Dickens und ein ganzes Buch

Ein besonders eindrucksvolles Beispiel liefert Waterhouse Umgang mit dem Roman David Copperfield von Charles Dickens – von Waterhouse liebevoll das „Buch vom roten Feld“ genannt.

Was macht er mit diesem monumentalen Werk? Er nimmt daraus einen einzigen Satz.
Einen kurzen Dialog. Einen Satz, den vermutlich kaum jemand bemerken würde, manchmal sogar etwas, das nicht einmal wirklich gesagt worden ist, einen Satz, der so leer ist, wie die Leere eines Hotels leer ist. Doch Peter Waterhouse hört etwas in diesem Satz, etwas Großes schreibt sich aus diesem beiläufigen Satz, das vielleicht immer schon so groß dort gewesen ist oder von Waterhouse erst zu dem Großartigen gemacht und dekonstruiert wird, was wir dann schlussendlich bezeugen dürfen.

Waterhouse trägt diesen Satz (aber auch andere Sätze und Passagen anderer Werke) nicht einfach hinaus in die Welt, um ihn über die Welt zu legen. Vielmehr geschieht das Gegenteil: Aus diesem Satz hört er die Welt heraus und trägt gleichzeitig die ganze Welt wieder zurück in diesen Satz hinein. So entsteht ein literarischer Austausch zwischen Text und Wirklichkeit. Der Satz wird größer als er ist. Oder, war er immer schon so groß und es ist nur Peter Waterhouse zu danken, dass wir diese Größe erst so wirklich sehen? Apropos Größe: Man hat beim Lesen tatsächlich das Gefühl, als würde Waterhouse einen einzigen Satz von Dickens nehmen und daraus ein ganzes Buch schreiben.

Peter Waterhouse: Antwortlose Briefe und literarische Räume

Ein anderes Beispiel: Peter Waterhouse verweist auf eine Sammlung von Briefen von Dickens aus dem Jahr 1927. Briefe an den Freund Mark Lemon. Doch in dieser Veröffentlichung finden sich nur die Briefe von Dickens selbst. Die Antworten von Mark Lemon fehlen.

Diese scheinbar nebensächliche Tatsache – eine Korrespondenz ohne Gegenstimme – wird bei Waterhouse jedoch zum Ausgangspunkt für ganze Kapitel. Aus der Antwortlosigkeit des einen, entsteht eine ganze Literatur der Antwortlosigkeit und liefert so etwas wie eine Antwort. Eine Antwort der Antwortlosigkeit, ohne dabei wirklich eine Antwort zu geben, um dennoch so vieles zu beantworten, was man nicht einmal gefragt hat, wofür man nicht die Perspektive hatte, um überhaupt erst auf die Idee einer Frage zu kommen. Aus dieser Lücke entsteht ein ganzer Denkraum.

Waterhouse folgt solchen kleinen und unscheinbaren Details mit geradezu wilder Assoziationskraft. Seine Gedanken entfalten sich dabei in alle Richtungen, wie bei einem grenzenlosen Rausch. Literatur wird so zum Strom. Zum Gedankenstrom, zu einer wilden Assoziation, die wirlich rauschhaft ist und ihr Ende nicht finden will.

Z Ypsilon X: Das Nein der Großmutter

Ein besonders eindrucksvolles Beispiel liefert eine Passage über die Großmutter: Wenn sie eine Bitte des Kindes mit einem einfachen „Nein“ beantwortete, hörte Waterhouse darin mehr als nur eine Ablehnung. Dieses „Nein“ wurde zu einem Echo, zu einem Zeichen für etwas Größeres.

Vielleicht richtete sich dieses Nein gegen etwas ganz anderes.
Gegen eine Frage, die nie gestellt wurde?
Vielleicht gegen einen Schmerz, der gar nichts mit dem Kind zu tun hatte.

Gab es hier eine Antwort, die ohne Frage auskam. Eine Antwort der Großmutter auf eine Frage, die niemals gestellt werden musste? Wieder wird das banale, hingeworfene Wort wird bei Waterhouse zu einem (auch psychoanalytischen) Resonanzraum, zur Welt, zum Universum, zur Literatur. Aus einem einzigen „Nein“ liest er eine ganze Welt heraus.

Z Ypsilon X: Ein Strom von über tausend Seiten

Z Ypsilon X umfasst, wie gesagt, über 1600 Seiten. Und doch fühlt sich das Buch wie ein einziger Gedankengang an. Ein Strom von wilden Assoziationen. Eine literarische Bewegung ohne feste Grenzen. Eine Literatur, um der Literatur willen, die dann aber auch zur Welt wird.

Dabei ist der Text nicht immer glatt oder flüssig. Aber gerade darin liegt seine Kraft. Peter Waterhouse lässt der Sprache freien Lauf, folgt seinen literarischen Impulsen und führt seine Gedanken an überraschende Orte, in einer wilden, unkontrollierten und rauschhaften Assoziationskette, die nur ein Ende findet, weil es vom Verlag vermutlich ein Seitenlimit gab.

Zwischendurch entstehen geradezu brillante Passagen: kleine philosophische und phänomenologische Abhandlungen, etwa über das Beispiel selbst, über Wörterbucheinträge oder über scheinbar nebensächliche Beobachtungen.

Peter Waterhouse: Eine neue Form des Schreibens

Was Waterhouse in Z Ypsilon X entwickelt, ist schwer zu greifen. Es ist eine Form des Schreibens, die gleichzeitig Lesen ist. Eine Literatur, die aus der Welt entsteht – und die Welt wiederum verändert.

Manchmal wirkt es, als würde Waterhouse nichts hinzufügen, sondern nur freilegen, was bereits in den Dingen steckt.

Aus einem Satz.
Einem Wort.
Aus einer Randnotiz.

So entsteht ein eigener Kosmos.

Z Ypsilon X ist ein monumentales, schwer einzuordnendes Werk und gerade deshalb außergewöhnlich. Es ist ein Buch, das weniger gelesen als vielmehr durchwandert wird.
Ein Text, der zeigt, wie aus Sprache Welt wird und aus Welt Sprache. Wie der Mikrokosmos zum Makrokosmos wird. Wie eine schlichte Randnotiz zu einer einzigartigen literarischen wie phänomenologischen Erfahrung werden kann.


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