Erinnerung als literarische Kraft: „Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht“ von Joseph Winkler

Josef Winklers neuer Roman Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht ist ein literarischer Bilderrausch, der sich in das Herz des Erinnerns begibt und das Erlebte sprachlich neu auszuloten versteht. Ein einfühlsames Werk, das uns einlädt Zeuginnen und Zeugen des Lebens eines anderen Menschen zu werden.

Josef Winkler im Literaturhaus oder literarische Intensitäten

Am 10. März 2026 stellte Josef Winkler im Wiener Literaturhaus seinen neuen Roman Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht vor. Die Lesung war ein intensiver literarischer Abend – nicht zuletzt, weil das Buch selbst von einer zutiefst persönlichen Erinnerung getragen wird.

Im Zentrum steht Winklers verstorbene Schwester. Das Buch ist somit ein Gedenken, ein Erinnerungsraum, den der Autor seiner Schwester widmet. Doch diese Erinnerung ist nicht sentimental oder nostalgisch verklärt, sondern getragen von jener sprachlichen Wucht und Bildkraft, die man aus Winklers Werk bereits kennt.

Josef Winkler Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht

Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht: Eine Geschwistergeschichte

Die Schwester war älter als der Autor und spielte in der Kindheit eine entscheidende Rolle. In den frühen Jahren schützte sie den jungen Josef Winkler vor der Tyrannei im Elternhaus. Später verließen sie beide, Schwester und Bruder, das elterliche Haus – doch das Leben führte sie wieder zurück.

Winkler selbst kehrte zurück, weil er, wie er sagt, seine Sprache verloren hatte. Er suchte den Ort seiner Kindheit auf, um diese Sprache wiederzufinden bzw. zumindest sich eine solche wiederzuerkämpfen, dem kollektiven Schweigen am elterlichen Hof so etwas wie eine Wortlichkeit abzuringen. Zur gleichen Zeit kam auch seine Schwester zurück auf den Hof – jedoch aus einem ganz anderen Grund: aufgrund einer schweren psychischen Erkrankung.

Damit kehrten sich, Jahrzehnte später, die Rollen doch plötzlich um. Was einst Schutz gewesen war, wurde nun Fürsorge. Diesmal war es der Bruder, der auf seine Schwester achtete. Der Tod dieser Schwester bildet den Ausgangspunkt dieses Buches. Es ist ein literarisches Erinnern, ein Gedenken, das sich aus der Nähe eines gemeinsamen Lebens speist.

Josef Winkler: Erinnerung als innerer Prozess

Während der Lesung im Literaturhaus wurde Winkler gefragt, ob dieses Buch für ihn eine Form der Versöhnung mit seiner schwierigen Kindheit und seiner Biografie darstelle. Auf diese Frage reagierte der Autor jedoch skeptisch, äußerte sich kritisch gegenüber dem Begriff der „Traumaarbeit“ und beendete dann später auch die Fragerunde recht abrupt.

Doch gerade hier setzt eine andere Perspektive an. Denn unabhängig davon, ob Winkler es selbst so versteht, zeigt dieses Buch auf eindrucksvolle Weise, welche Kraft im Erinnern liegt und zwischen den Zeilen oder vielleicht auch darüber hinaus, sich dennoch so etwas wie eine Versöhnung finden lässt, im Prozess des Sich-etwas-von-der Seele-Schreibens.

Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht oder die Macht des Erinnerns

Die Erinnerung ist ein faszinierendes Phänomen. Psychologisch wissen wir, dass Menschen sich oft falsch erinnern. Vergangenheit wird idealisiert oder verdunkelt. Sie wird nostalgisch verklärt oder dystopisch überzeichnet. Doch Winklers Erinnern funktioniert anders.

Er stellt nicht die Frage, ob sich alles exakt so ereignet hat, wie es erzählt wird. Vielmehr zeigt er, dass Erinnerung selbst eine Form von Kunst sein kann – eine kreative Bewegung des Bewusstseins. Das Niederschreiben von Erinnerungen kann dabei durchaus zu einem Prozess der Klärung werden. Aber nicht im Sinne der Suche nach einer objektiven Wahrheit. Sondern eher als eine Form der Freilegung der eigenen inneren Landschaft. Vielleicht löst Schreiben keine Traumata auf. Aber es schafft mit Sicherheit einen Raum, in dem Erfahrungen sichtbar werden und ein Dokument der eigenen Seele sich erschreiben lässt.

Die Bildkraft der Sprache

Was Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht darüber hinaus so beeindruckend macht, ist eben seine Sprache. Josef Winkler ist ein Autor, bei dem Literatur nicht nur aus dem Gedanken besteht, sondern vor allem aus Bildern. Seine Sätze sind voller Sinnlichkeit, voller dichter Metaphern. Man hat beim Lesen oft das Gefühl, diese Sprache sei körperlich, zeichne ein Bild, in das man hineingesogen wird.

Die Sätze wirken dabei wie pralle Früchte: reich, dicht, voller Fruchtfleisch. Sie ziehen Lesende hinein in eine Bildwelt, die sich unmittelbar vor dem inneren Auge entfaltet. Erinnerungen werden nicht nur erzählt sie werden in Winklers Buch sichtbar und auf eine metaphysische Art auch erfahrbar. Diese Bildhaftigkeit gehört seit jeher zu Winklers literarischer Handschrift. Das Lyrische, das Symbolische, manchmal auch das Mystische durchziehen seine Texte und verleihen ihnen eine besondere Intensität. So auch im Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht.

Josef Winkler und die Reise in die Innerlichkeit

Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht ist auch deshalb weit mehr als eine persönliche Erinnerungsschrift. Es ist eine literarische Reise in die Innerlichkeit eines Menschen. Ein Werk, das zeigt, wie Erinnerung, Sprache und Bildkraft zusammenwirken können. Winkler lässt seine Leserinnen und Leser teilhaben an einem Prozess des Erinnerns, der zugleich ein Prozess des Schreibens ist. Und gerade darin liegt die Größe dieses Buches.

Mit Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht legt Josef Winkler ein zutiefst persönliches und zugleich literarisch kraftvolles Werk vor. Es erzählt von Geschwisterliebe, Verlust und Erinnerung. Aber auch davon, wie Sprache zu einem Ort werden kann, an dem Vergangenheit weiterlebt, neu erlebt und auch gelebt wird. Ein eindrucksvolles Buch, getragen von einer Bildkraft und Sprachmächtigkeit, die Josef Winklers Literatur seit jeher auszeichnen.


Bilder © Suhrkamp Verlag