Die Keimzelle der Verkommenheit: Bong Joon-ho: Incoherence

Bong Joon-ho: Incoherence

Bong Joon-hos Frühwerk Incoherence, das man auf MBUI streamen kann, ist eine herrliche Destillation all jener Themen, die den Parasite-Regisseur sein ganzes Schaffen über ausgezeichnet haben. Satire trifft Sozialkritik und offenbart die Verkommenheit der Eliten. Ein absoluter Filmgenuss.

Die Magie der Frühwerke

Es ist immer wieder ein besonderes Vergnügen, zu den Ursprüngen eines großen Künstlers zurückzukehren. Denn oft sind in den frühen Arbeiten bereits jene Motive, Denkfiguren und ästhetischen Verfahren angelegt, die später in den Meisterwerken ihre volle Blüte entfalten.

Man kennt dieses Phänomen aus der Philosophie: In Slavoj Žižeks frühem Werk Das erhabene Objekt der Ideologie ist im Grunde schon das gesamte spätere Denken angelegt. Noch fragmentarisch, noch tastend, aber in seinen Grundzügen unverkennbar. Genauso verhält es sich mit Bong Joon-hos Frühwerk Incoherence, das auf MBUI zu streamen ist.

Incoherence: Der Ursprung einer Handschrift

Incoherence, der Abschlussfilm des späteren Parasite-Regisseurs, ist eine bitterkomische Anthologie aus drei Episoden. Und bereits hier findet sich jene typische Mischung aus Satire und Gesellschaftskritik, die Bong Joon-ho weltberühmt machen sollte.

Der Film richtet seinen Blick auf die Eliten Südkoreas, auf Vertreter eines scheinbar intakten Status quo: respektable Männer mittleren Alters, gesellschaftlich anerkannt, ökonomisch abgesichert, moralisch unangreifbar. Zumindest auf den ersten Blick. Doch Bong Joon-ho interessiert sich nie für Fassaden. Ihn interessiert der Riss.

Öffentliche Rechtschaffenheit, private Laster

Da ist der Professor, eine Autoritätsperson, gebildet, souverän, der jedoch panisch ein Pornomagazin vor einer Schülerin verbergen will. Da ist der gut situierte Jogger, geschniegelt wie ein Firmenchef auf sportlichem Ausgleichstrip. Dieser stiehlt beim Vorbeilaufen Milchflaschen von Haustüren. Nicht aus Not, sondern aus Laune. Aus Achtlosigkeit. Aus Lust am Regelbruch.

Als der Diebstahl auffliegt, wird die Schuld einem Zeitungsboten zugeschoben, dessen berufliche Existenz an einem simplen Abo hängen könnte, dass die Kundin zu kündigen droht. Die verkommene Elite, deren Verkommenheit aufgrund der Epstein-Files gerade immer mehr als Licht kommt.

Und schließlich der betrunkene Staatsanwalt, der verzweifelt eine öffentliche Toilette sucht … Eine groteske, beinahe slapstickhafte Episode, die dennoch von existenzieller Peinlichkeit durchzogen ist, aber vor allem auch von der Erbarmungslosigkeit der Elite. Alle drei Episoden kreisen um Männer, die als Stützen der Gesellschaft gelten und doch in banalen Momenten ihre moralische Inkohärenz offenbaren.

Incoherence: Die kleine Geste als moralischer Abgrund

Was Incoherence so brillant macht, ist seine Konzentration auf das Kleine. Keine großen Skandale. Keine spektakulären Verbrechen. Sondern Alltagshandlungen. Bong Joon-ho zeigt, wie Verkommenheit eben nicht im Ausnahmezustand entsteht, sondern im Gewöhnlichen. In der Milchflasche. Im Magazin. In der Weigerung seine Notduft so zu verrichten, wie die gewöhnlichen Menschen.

Hier liegt bereits die DNA von Parasite: die schöne Oberfläche der Wohlhabenden, unter der sich Gleichgültigkeit, Selbstgerechtigkeit und strukturelle Grausamkeit verbergen. Der Jogger, der Milch stiehlt und die Verantwortung einem ärmeren Arbeiter überlässt, ist im Kern derselbe Typus wie die reichen Familien späterer Filme. Privilegiert, unreflektiert, moralisch inkonsequent.

Bong Joon-ho: Inkohärenz als Gesellschaftsdiagnose

Der Titel ist Programm. Incoherence meint nicht nur individuelle Widersprüchlichkeit, sondern eine strukturelle Inkohärenz: Die Diskrepanz zwischen moralischem Selbstbild und tatsächlichem Handeln. Zwischen öffentlicher Rechtschaffenheit und privater Triebhaftigkeit. Bong Joon-ho demontiert die Eliten nicht durch große Anklagen, sondern durch präzise Beobachtung. Er lässt sie im Grunde sich selbst entlarven.

Der Auftakt einer großen Karriere

Incoherence ist kein ausgereiftes Monumentalwerk, klar. Aber gerade deshalb so faszinierend. Man sieht hier bereits die Handschrift, die später international gefeiert werden sollte: die Verbindung von Humor und Abgrund, von Satire und Systemkritik, von Alltagsrealismus und moralischer Demontage.

Es ist ungemein spannend, dieses Frühwerk im Licht der späteren Erfolge zu betrachten. Die Motive sind da. Die Schärfe ist da. Der Blick auf die verkommene Eleganz der Macht ist da. Ein köstlicher, präziser und überraschend zeitloser Film. Und ein beeindruckender Beweis dafür, dass große Karrieren selten aus dem Nichts entstehen.


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