Literatur als Spiegel der Schuld: „Die neue Barbarei“ von Viktor Jerofejew

Mit „Die neue Barbarei“ gelingt dem russischen Kultautor Viktor Jerofejew ein Roman, der weit über das Erzählen hinausgeht. Er selbst bezeichnet sein Werk als „eine Romanfantasie über die russische Schuld“ und genau darin liegt seine Wucht. Eine Wucht, die nicht nur Genregrenzen sprengt, sondern die Normen des Erzählens selbst verschiebt und vor allem die gesellschaftspolitischen Erkenntnisformen neu auslotet.

„Die neue Barbarei“ von Viktor Jerofejew: Essay, Roman, Vision

Was Viktor Jerofejew in seinem neuen Ausnahmewerk schreibt bzw. erschafft, entzieht sich einfachen Kategorien. Der Text beginnt essayistisch, fast analytisch, als eine literarische Annäherung an die russische Gegenwart, als ein Versuch, das heutige Russland zu begreifen – ein Russland, das, so die These, unter einem tief sitzenden Schuldkomplex leidet. Doch dieser Ansatz bleibt nicht allzu lange „nüchtern“.

Im Gegenteil: Der Roman öffnet sich hin zu einem literarischen Rausch, weitet sich, kippt ins Surreale und Fantastische und erhebt bzw. nimmt uns mit auf eine höhere Erkenntnisform, auf der sich Gesellschaftsdiagnose und fantastische Literatur wunderbar ergänzen.

Ein Panorama politischer und menschlicher Abgründe

In einer Welt, in der Staats- und Regierungschefs die Welt „wie Mafiosi“ aufteilen, entwirft Jerofejew ein schillerndes Panorama unserer Zeit. Wahrheit wird dabei jedoch zum Spielball.
Moral zur Attitüde. Die politische Gegenwart wird in diesem Buch dabei nicht einfach dargestellt, wie sie ist, was vermutlich schon skurril genug wäre, nein, die politische Gegenwart wird noch ein Stück weiter überhöht, verzerrt, ins Absurde gesteigert. Und gerade dadurch, durch diese poetische Verzerrung, wird sie doch gerade erst wirklich sichtbar, greifbar. Das Surreale und Absurde dient hier als eine erweiterte Erkenntnisform!

Reale Figuren treten dabei genauso auf, etwa Alexei Nawalny, wie andere – z. B. Wladimir Putin – in verfremdeter Form erscheinen. Besonders eindrucksvoll ist aber vor allem, wie Jerofejew die Literatur selbst zum Akteur seines „poetischen Versuchs“ macht. Der Erzähler begegnet Größen wie Leo Tolstoi, Fjodor Dostojewski und Thomas Mann. Diese treten dabei nicht einfach nur auf. Sie diskutieren, streiten, philosophieren und bekommen dabei eine ins Absurde getriebene Deutung. In rauschhaften Dialogen wird etwa über die „russische Seele“ verhandelt. Über Schuld, Geschichte, Identität. Literatur wird dabei nicht einfach zitiert, sondern lebendig und auch erfahrbar gemacht. Wie würden all diese großen Autoren der Weltliteratur wohl auf die heutige Gegenwart reagieren –  Viktor Jerofejew gibt darauf eine unterhaltsame wie skurrile Antwort.

Das Absurde als Erkenntnisform

Der Roman „Die neue Barbarei“ scheut dabei nicht vor Überzeichnung zurück. Skurrile Figuren, absurde Szenen, traumartige Sequenzen durchziehen den Text. Das Fantastische wird dabei zur Methode. Und gerade diese Transzendierung der Realität ermöglicht eine neue Perspektive:
Das Politische wird nicht nur analysiert, sondern auf eine andere Ebene gehoben.

Was „Die neue Barbarei“ dabei so besonders macht ist die Verbindung von Analyse und Imagination. Jerofejew betreibt eine Art Kultursoziologie mit literarischen Mitteln. Er versucht, die russische Gesellschaft, ihre Geschichte und ihre inneren Widersprüche erzählerisch zu erfassen, dabei aber auch poetisch zu erhöhen. Das Ergebnis ist dabei ein Text, der gleichzeitig denkt und erzählt, auch erfindet – aber dabei rein gar nichts verfälscht, sondern vielmehr wahrhaftig bleibt.

„Die neue Barbarei“ von Viktor Jerofejew

„Die neue Barbarei“ von Viktor Jerofejew ist ein geradezu wahnwitziger, transzendenter Roman. Ein Werk, das zeigt, wozu Literatur fähig ist. Und das ist es, eben die Gegenwart nicht nur abzubilden, sondern sie zu transformieren und gerade so auf einer tieferen Ebene als der Wahrheit erfahrbar zu machen. Jerofejew hebt das Politische auf eine neue wahrhaftige Ebene und macht es dort neu verhandelbar. Ein Meisterwerk, das den Zeitgeist gerade dadurch einfängt, indem es ihn überschreitet.


Titelbild © Matthes & Seitz Berlin