Die zarten Verschiebungen der Wirklichkeit: „Belly Up“ von Rita Bullwinkel

Mit „Belly Up“ legt Rita Bullwinkel eine Kurzgeschichtensammlung vor, die gleich mehrere Dinge gleichzeitig leistet: Sie erinnert an die oft unterschätzte Stärke des Genres und eröffnet zugleich auch noch einen vielschichtigen Zugang zu einer Autorin, deren Schreiben sich durch bemerkenswerte Vielseitigkeit auszeichnet.

Ein Plädoyer für die Kurzgeschichte

Schon allein formal wirkt die Kurzgeschichtensammlung „Belly Up“ von Rita Bullwinkel wie ein stilles Statement. Denn die Kurzgeschichte ist in der gegenwärtigen Literaturlandschaft häufig unterrepräsentiert. Zu Unrecht! Denn diese besitzt eine besondere Qualität: Sie erlaubt es, ein literarisches Schaffen in seiner ganzen Breite zu erfassen, unterschiedliche Tonlagen, Perspektiven und Denkweisen kennenzulernen. Genau das gelingt Rita Bullwinkel in Belly Up. Ihre Geschichten funktionieren wie Fenster: jedes eröffnet einen neuen Blick, jede Kurzgeschichte erweitert das Verständnis für ihr Schreiben.

Rita Bullwinkel: Zeitlos und doch ganz gegenwärtig

Obwohl die Originalausgabe bereits 2016 erschienen ist und erst Jahre später in deutscher Übersetzung zugänglich wird, hat dieses Buch nichts von seiner Aktualität verloren.

Im Gegenteil: Die Texte wirken erstaunlich gegenwärtig. Sie sind eine Art literarische Bestandsaufnahme der Gesellschaft, jedoch keine direkte, anklagende oder explizit politische, sondern eine leise, indirekte. Bullwinkel beschreibt dabei nicht direkt, sie umkreist vielmehr. Sie zeigt nicht mit dem Finger, sie lässt entstehen. Und das ist die wahre Kunst ihres Schreibens.

Belly Up: Zwischen Realität und leiser Verfremdung

Was diese Sammlung besonders macht, ist ihre Balance zwischen Wirklichkeit und Verschiebung. Die Geschichten sind fest in der Realität verankert, driften jedoch immer wieder leicht ins Surreale oder Märchenhafte ab, ohne jedoch jemals in klassische Genre-Gefilde wie Science-Fiction u.ä. zu kippen. Diese leichten Irritationen eröffnen dabei neue Perspektiven auf Bekanntes. Die Welt bleibt erkennbar, aber sie ist nie ganz stabil.

Jugend, Außenseiter und fragile Räume

Ein prägnantes Beispiel ist die Geschichte „Frittierter Teig“. Hier folgen wir zwei Teenagern, die ihre Liebe in einem heruntergekommenen Donutladen ausleben. Hier ein Ort der Ausgestoßenen. Doch gerade dort, am Rande der Gesellschaft, entsteht ein Raum des Aufblühens, indem die Jugendlichen, aber auch alle anderen Charaktere zu sich selbst kommen können. Diese Konstellation wirkt dabei wie eine Art Spiegel für eine Generation, die sich oft gezwungen sieht, außerhalb gesellschaftlicher Normen nach Möglichkeiten des Lebens und Liebens zu suchen.

Belly Up: Absurdität und Menschlichkeit

In einer anderen Geschichte begegnen wir zwei Ärzten in einem Gefangenenlager. Auf surreale Weise gelingt es ihnen, selbst absurdeste Verletzungen zu heilen und so zu einer Art Hoffnungsträger zu werden. Doch auch hier bleibt die Welt widersprüchlich:

Ein Gegenspieler versucht gezielt, ihre Arbeit zu sabotieren, indem er neue Verletzungen provoziert. Diese Mischung aus Absurdität und Grausamkeit wird jedoch immer wieder durch etwas gebrochen, das sich durch alle Geschichten zieht: eine tiefe, fast zarte Menschlichkeit.

Rita Bullwinkel: Nähe, Projektion und Imagination

Eine weitere eindrucksvolle Erzählung handelt von einer Frau, die mit einem inhaftierten Schwerverbrecher korrespondiert. Er entwirft aus dem Gefängnis heraus ein Traumhaus und sie unterstützt ihn dabei, ohne seine Vergangenheit genauer kennen zu wollen.

Gerade diese Verweigerung von Wissen wird zum zentralen Moment: Sie schützt die Vorstellung, die sie sich von ihm gemacht hat. Hier verhandelt Bullwinkel Themen wie Projektion, Nähe und Romantik, jedoch aus einer ungewohnten Perspektive, die sich einfachen moralischen Bewertungen entzieht. Es ist dabei gerade diese Ambivalenz, die auch uns Lesende fragend zurücklässt. Und das ist doch wunderbar erfrischend, wenn es keine klaren Antworten gibt!

Gefühl statt Anklage

Was all diese Geschichten in „Belly Up“ von Rita Bullwinkel verbindet, ist ihr Ton, der sich wie ein Faden durch die Textsammlung zieht. Sie sind nicht laut, nicht anklagend, nicht direkt politisch – und doch zutiefst zeitgenössisch. Im Unterschied zu explizit kritischen Stimmen entfaltet Bullwinkel ihre Wirkung eher über das Gefühl, als über eine unmittelbare literarische Direktheit. Ein interessanter Gegenpol, wenn man diese US-Autorin mit, zum Beispiel Mareike Fallwickls Und alle so still vergleicht

Bullwinkel nähert sich dem Zeitgeist über Stimmungen, über zwischenmenschliche Konstellationen, über kleine Verschiebungen der Wahrnehmung. Und gerade darin liegt ihre Stärke „Belly Up“ ist dabei eine bemerkenswerte Kurzgeschichtensammlung. Ein Buch, das zeigt, wie kraftvoll dieses oft unterschätzte Genre sein kann und wie vielschichtig literarisches Erzählen funktioniert, wenn es sich nicht auf eine einzige Perspektive festlegt.

Rita Bullwinkel gelingt es, große Themen – Liebe, Isolation, Gesellschaft, Hoffnung – auf leise, kreative und literarisch verfeinerte Weise zu verhandeln. Ein zeitgemäßes, kluges und sehr lesenswertes Buch.


© Aufbau Verlag