Mit „Allgemeine Zweifel am weiteren Verlauf“ gelingt Elise Schmit etwas, das in der gegenwärtigen Literaturlandschaft beinahe selten geworden ist: eine Kurzgeschichtensammlung, die nicht nur überzeugt, sondern zeigt, wie kraftvoll und notwendig dieses Genre nach wie vor ist.
Plädoyer für die Kurzgeschichte – schon wieder!
In der heutigen Literaturszene dominiert der Roman. Kurzgeschichten hingegen sind oft in den Hintergrund gerückt. Das jedoch zu Unrecht! Schon bei Belly Up von Rita Bullwinkel zeigte sich, wie viel erzählerisches Potenzial in dieser Form steckt. Elise Schmit knüpft hier (indirekt) an – und geht noch einen Schritt weiter. Denn was sie in diesen acht Erzählungen leistet, ist bemerkenswert.
Allgemeine Zweifel am weiteren Verlauf: Begegnungen, die alles verändern könnten
Die Geschichten in diesem Band kreisen um zutiefst menschliche, zwischenmenschliche Momente. Es sind dabei jene Situationen, in denen sich etwas entscheiden könnte. Momente, in denen das Leben eine neue Richtung einschlagen könnte. Und doch bleibt oft alles, wie es ist. Gerade darin liegt jedoch die besondere Qualität dieser Texte von Elise Schmit: Sie erzählen von Möglichkeiten, enden meist im Verharren und eröffnen dabei dennoch einen wunderbaren literarischen Raum, der um sehr gut herausgearbeitete Momente des Menschseins kreist.

Elise Schmit: Nähe zu den Figuren
Elise Schmit schreibt nah an ihren Figuren, einfühlsam und mit großer Sensibilität. Eine besonders eindrückliche Geschichte schildert zum Beispiel ein erstes Treffen zweier Menschen, die sich über eine Datingplattform kennengelernt haben. Bis dahin existierte ihre Beziehung nur in Form von Voice-Nachrichten. Mit der realen Begegnung verbinden sich Hoffnungen, Erwartungen, Projektionen.
Und dann kommt – leise, aber wirkungsvoll – ein Twist, der all das verschiebt, die Figuren wieder in ihr altes Leben zurückwirft und dabei dennoch eine wunderbare Erkenntnis generiert. Elise Schmit hebt hier den schnöden Datingalltag auf eine höhere Ebene, sodass wir selbst Dinge erkennen, die wir so vielleicht im wirklichen Leben nie gesehen hätten. Es passiert eine Gewahrwerdung.
Eine andere Erzählung bringt eine Pianistin in Kontakt mit ihrem Jugendidol Ringo Starr. Auch hier geht es weniger um das Ereignis selbst, als um die innere Bewegung, die es auslöst und was bleibt, wenn die Erwartung an der Realität zerbricht und welche Wirklichkeitsformen diese Konfrontation jedoch zu erschaffen in der Lage ist.
Elise Schmit und das Banale als existenzielle Erfahrung
Was die Geschichten von Elise Schmit so besonders macht, ist ihr Fokus auf das scheinbar Banale. Es passiert dabei scheinbar nicht viel. Und doch ereignet sich irgendwie alles. Schmit gelingt es, aus alltäglichen Situationen eine existenzielle Tiefe herauszuarbeiten – und das ist wahrlich eine Leistung. Man versinkt dabei in diesen Momenten, wird Teil eines anderen Lebens, einer anderen Wahrnehmung. Nichts ist überhöht, nichts beschönigt, nichts karikiert.
Alles bleibt auf einer zutiefst menschlichen Ebene. Die dabei so mächtig herausgearbeitet ist, dass man plötzlich das Allergrößte gerade in den kleinen Gesten erfährt.
„Allgemeine Zweifel am weiteren Verlauf“: Möglichkeiten und ihr Scheitern
Ein wiederkehrendes Motiv ist das Aufbrechen. Oder vielmehr das Nicht-Aufbrechen. Die Figuren stehen an Schwellen: Sie könnten ihr Leben verändern, könnten ausbrechen, neu beginnen. Doch oft bleiben sie im Gegenwärtigen verhaftet. Diese Spannung zwischen Möglichkeit und Stillstand ist es, die den Geschichten von Elise Schmit ihre besondere Intensität verleiht.
Obwohl es sich um acht einzelne Erzählungen handelt, erreichen diese eine Tiefe, die man sonst eher aus Romanen kennt. Jede Geschichte wirkt nach, entfaltet eine eigene Welt, eine eigene innere Bewegung. Und gerade darin zeigt sich die Stärke der Kurzgeschichte (zumindest bei Schmit): in der Verdichtung, im Moment, im präzisen Blick.
„Allgemeine Zweifel am weiteren Verlauf“ ist ein wunderschönes, stilles und zugleich tiefgehendes Buch. Es zeigt, dass große Literatur nicht von Umfang abhängt, sondern von Genauigkeit, Empathie und Blickschärfe. Ein Werk, das mehr Tiefe besitzt als viele aktuelle Romane und als ein eindrucksvolles Plädoyer für die Kurzgeschichte als Stilmittel fungiert. Unbedingt lesenswert.
Bilder © Luchterhand (Screenshot)
