„Gescheiterte Sterne“ von Thea Mantwill: Schlafen im spätkapitalistischen System

Mit „Gescheiterte Sterne“ entwirft Thea Mantwill einen Roman, der sich leise entfaltet, aber in seiner Konsequenz umso härter trifft. Es ist ein Buch, das weniger durch spektakuläre Handlung als durch seine beklemmende Welt überzeugt. Eine Welt, die sich erschreckend nah an unserer Gegenwart bewegt.

Gescheiterte Sterne: Eine Zukunft, die zu real wirkt

Im Zentrum des neuen Werkes von Thea Mantwill stehen zwei Figuren: die namenlose Protagonistin und ihr Freund – eine diverse Person, die sich gerade einer Geschlechtsangleichung unterzogen hat. Schon diese Konstellation öffnet einen Raum, in dem Identität, Körper und gesellschaftliche Zugehörigkeit neu ausverhandelt werden. Doch das eigentliche Gewicht des Romans liegt in der Welt, in der sich diese Figuren bewegen.

Es ist eine hyperkapitalistische Klassengesellschaft, in der selbst Erwerbsarbeit keine Sicherheit mehr bietet. Die Protagonistin hat nämlich einen relativen guten Bürojob. Aber dennoch keinen festen Schlafplatz. Wohnen ist zum Luxus geworden, Das macht natürlich auch den Schlaf zu einer Ware unter vielen.

Gescheiterte Sterne Thea Mantwill

Thea Mantwill und die postmoderne Obdachlosigkeit

Was Thea Mantwill in ihrem neuen Roman Gescheiterte Sterne also beschreibt, ist ein Phänomen, das man als „postmoderne Obdachlosigkeit“ bezeichnen könnte. Die Figuren arbeiten tagsüber zwar, sind nachts aber immer noch obdachlos. Was die Absurdität der (unterbezahlten) Lohnarbeit wohl so richtig aufzeigt.

Schlaf wird in dieser dystopischen Roman-Welt organisiert in provisorischen Lösungen: „Nachtbusse“, in denen die Protagonistin und ihr Freund umherfahren, um überhaupt zur Ruhe zu kommen, oder mietbare Schlafkapseln, die an japanische Modelle erinnern. Doch selbst diese sind nicht immer leistbar. Die Konsequenz: ein Leben im permanenten Dazwischen. Zwischen Arbeit und Erschöpfung. Zwischen Funktionieren und Verschwinden.

Für die Heldin stellt sie da auch noch das Problem einer toxisch-patriarchalen Umwelt, in der sich eine Frau permanent vor Übergriffen in Acht nehmen muss. Ein Thema, dass sich intensiviert, als der Freund der Protagonistin in einer alternativen Gruppe unterkommt und sie plötzlich auf sich selbst gestellt ist.

Gescheiterte Sterne: Gesellschaftskritik als Grundton

Hier liegt die große Stärke des Romans. Mantwill gelingt es, die Wohnungsnot, wie wir sie aus vielen Großstädten kennen, konsequent weiterzudenken. Die sozioökonomischen Verhältnisse sind dabei nicht bloß Hintergrund, sondern strukturieren das gesamte Leben der Figuren.

In dieser Hinsicht erinnert der Roman deutlich an die Arbeiten von Mareike Fallwickl: Gesellschaftskritik ist hier kein Zusatz, sondern Fundament des Narrativs. Die Frage lautet nicht mehr: Wie leben wir? Sondern: Wo können wir überhaupt noch überleben?

Thea Mantwill: Wahrnehmung als Überlebensform

Ein möglicher Kritikpunkt an der Geschichte liegt im Erzähltempo. Gerade zu Beginn wirkt der Roman stellenweise langsam, fast zäh. Die Protagonistin beschreibt viel von dem, was sie sieht: Straßenszenen, Eindrücke, Beobachtungen, Erinnerungen.

Doch wenn man es recht überlegt, dann liegt doch genau darin letztlich die Logik des Buches. Wer keinen Ort hat, beginnt, die Welt anders wahrzunehmen. Das Umherschweifen wird zur Existenzform. Das Beobachten ersetzt das Ankommen. Die scheinbare Langsamkeit ist Ausdruck eines Lebens ohne festen Halt. Wer kein Geld hat um sich die Zeit mit dem Konsumieren zu vertreiben, der lebt ein entschleunigtes Leben, in dem die Zeit lang wird. Hier entsteht ein spannender Anknüpfungspunkt zu Martin Heideggers Ausarbeitung des Phänomens Langeweile by the way!

Geschieterte Sterne: Eine beängstigende Konsequenz

Gescheiterte Sterne ist kein dystopischer Roman im klassischen Sinn. Die Welt, die hier entworfen wird, ist keine ferne Zukunft, sondern eine mögliche Zuspitzung der Gegenwart. Gerade deshalb wirkt sie so beunruhigend. Denn vieles davon ist bereits angelegt: steigende Mieten, prekäre Arbeitsverhältnisse, eine zunehmende Entkopplung von Arbeit und Sicherheit.

Thea Mantwill gelingt mit „Gescheiterte Sterne“ ein eindringlicher, sozialkritischer Roman, der vor allem durch seine Atmosphäre und Konsequenz überzeugt. Es ist ein Buch über das Leben im Spätkapitalismus und über eine Gesellschaft, in der selbst grundlegende Bedürfnisse wie Schlaf nicht mehr selbstverständlich sind, sondern erkauft werden müssen. Ein leiser, aber nachhaltiger Text. Und vor allem: ein erschreckend plausibler.


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