Mit „Unter Wasser“ legt Tara Menon einen Roman vor, der auf den ersten Blick mehr verspricht, als er letztlich einlösen kann. Die in Indien geborene, in Singapur aufgewachsene und heute in den USA lehrende Literaturwissenschaftlerin (Harvard) bringt zweifellos einen spannenden biografischen Hintergrund mit. Umso größer ist die Erwartung an ihr literarisches Debüt. Und umso ernüchternder fällt leider das Ergebnis aus.
Unter Wasser: Zwischen Paradies und Verlust
Die Ausgangssituation der Story von Unter Wasser klingt zunächst vertraut: Die junge Marissa reist mit ihrem Vater nach Thailand und trifft dort Arielle. Zwischen den beiden entsteht eine beinahe märchenhafte Freundschaft (#beste Freundinnen for life), getragen von Naturerfahrungen, Nähe und einer tiefen Faszination für das Meer.
Doch dieser Zustand ist nicht von Dauer. Früh deutet sich ein Bruch an: ein Verlust, der die Erzählerin bis ins Erwachsenenalter begleitet. Der Roman bewegt sich daher zwischen zwei Ebenen: der Kindheit in Thailand und einer späteren Gegenwart im New York des Jahres 2012, in der die Erzählerin versucht, das Vergangene aufzuarbeiten.
Tara Menon: Ein vielversprechender Anfang
Was doch sehr überrascht: Der Roman beginnt deutlich stärker, als es der eher schwache Klappentext vermuten lässt. Die Kindheitserinnerungen entfalten zunächst eine gewisse Intensität. Auch die Einblicke in den thailändischen Alltag wirken stellenweise authentisch und atmosphärisch dicht. Man spürt früh, dass hier ein Verlust im Zentrum steht und dass die Erzählung auf eine emotionale Aufarbeitung zusteuert. Doch genau dieses Versprechen kann das Buch nicht halten.
Der Absturz ins Banale: Unter Wasser geht Baden
Im weiteren Verlauf verliert sich der Roman leider zunehmend. Tara Menon verweilt dabei zu lange in Beschreibungen des Alltäglichen. Szenen aus dem Leben in New York, Beobachtungen, Details, die an sich nicht uninteressant sind. Doch sie bleiben literarisch ungehoben, verharren in einer geradezu nichtigen Beschreibung des Gesehenen ohne dieses literarisch fein auszuarbeiten.
Das Problem liegt dabei nicht im Banalen selbst, sondern in dessen Behandlung. Während etwa Peter Waterhouse in seinem neuesten Monumentalwerk aus Alltäglichem poetische Verdichtung schafft, bleibt es bei Menon schlicht banal. Bedeutet: Die Sprache hebt die Szenen nicht, sie transformiert sie nicht, sie beschreibt sie lediglich. Das Ergebnis ist bedauerlicherweise ein zunehmend zäher, oft langweiliger Text.
Tara Menon: Kitsch statt Tiefe
Hinzu kommt eine spürbare Tendenz zum Kitsch. Emotionen werden nicht entwickelt, sondern ausgestellt. Beziehungen bleiben oberflächlich, Konflikte wirken vorhersehbar und zu wenig analysiert. Auch erzählerisch bietet der Roman wenig Überraschung. Die Entwicklung der Handlung ist früh absehbar und entfaltet keine wirkliche Spannung.
Selbst als „leichte“ Literatur funktioniert das Buch nur bedingt – denn auch dafür fehlt es an erzählerischer Raffinesse. Wir erinnern uns daran, dass auch viele Krimis und Thriller literarisch alles andere als anspruchsvoll geschrieben sind, aber zumindest brillieren diese oftmals (aber weniger als man allgemein möchte) mit Komplexität, Spannung und einer Struktur, die den gewohnten Leserahmen sprengt.
Philosophisches Namedropping
Besonders auffällig ist der Umgang mit philosophischen Referenzen, die alles andere als fein ausgearbeitet werden. Von René Descartes über Aristoteles, Platon, Immanuel Kant bis David Hume – große Namen werden genannt, ohne dass daraus ein wirklicher gedanklicher Mehrwert entsteht.
All diese Verweise bleiben oberflächlich und wirken eher wie dekoratives Beiwerk als wie integraler Bestandteil des Textes. Gerade angesichts der akademischen Position der Autorin enttäuscht diese inhaltliche Leere besonders.
Unter Wasser von Tara Menon: ein Fazit
„Unter Wasser“ ist ein Roman, der in vielversprechenden Gewässern startet, nur um dann zunehmend an Tiefe zu verlieren. Was als sensible Erzählung über Erinnerung, Verlust und Freundschaft beginnt, entwickelt sich zu einem weitgehend konventionellen, stellenweise kitschigen und literarisch wenig anspruchsvollen Text.
Die größte Schwäche des Buches liegt in seiner Oberflächlichkeit: Es bleibt an der Oberfläche – in jeder Hinsicht. So entsteht ein paradoxer Eindruck: Ein Roman mit dem Titel „Unter Wasser“, der sich letztlich in erstaunlich seichten Gewässern bewegt. Und genau dort droht man als Lesende:r auch zu ertrinken. Eine kleine Genugtuung bleibt jedoch: Um gute Literatur zu schaffen, braucht es mehr oder eben nicht unbedingt eine Professur für Literatur, an welcher Uni auch immer.
Bilder © Dumont

