Elias Hirschls Schleifen: Ein literarisches Kreativfeuerwerk bis in die Fußzeilen

Mit Schleifen, erschienen im Wiener Zsolnay Verlag, legt Elias Hirschl ein Buch vor, das weniger gelesen als vielmehr erlebt wird. Es ist ein Textkörper, wenn man so will, der abseits traditioneller Romanstrukturen, auch als Mosaik kleiner Geniestreiche funktioniert. Seite für Seite explodieren Ideen, Einfälle, gedankliche Pirouetten, so dicht geballt, dass man sich als Leser*in immer wieder fragt, wie viel geistige Energie überhaupt in 1–2 Seiten passen kann. Einer der wohl innovativsten Werke seit langem.

Elias Hirschl oder Fakten, Fiktionen und der lustvolle Kontrollverlust

Ein Tofu-Verkäufer wird plötzlich zum globalen Kunstereignis. Eine ominöse Coelho-Methode taucht auf. Und was hat der Philosoph Savogini mit all dem zu tun?

In Schleifen werden Sprachwissenschaftliche, mathematische und semiotische Theorien mit einer solchen Lust an der Übertreibung aufgefahren, dass sie zugleich absurd, hochintellektuell und zutiefst komisch sind. Vor allem aber weiß man nie so genau, ob es diese tatsächlich gibt, oder sie nur erfunden sind, um die Handlung voranzutreiben bez. die Absurdität in immer neuere Höhen zu treiben.

Elias Hirschl schließt in seinem Ausnahmewerk historische Figuren mit fiktiven Charakteren kurz, verwebt sie dabei so geschickt miteinander, dass jede Gewissheit ins Rutschen gerät. Was ist belegt? Was ist erfunden? Und wo genau verläuft überhaupt noch diese Grenze? Und wer zum Teufel ist dieser Savogini, der einen so großen Einfluss haben soll?

Schleifen von Elias Hirschl zieht seine Leser*innen in einen Sog, in dem Fakten und Fiktionen einander permanent spiegeln, überlagern, und unterlaufen, bis selbst die Fußnoten zu eigenen literarischen Spielfeldern werden.

Elias Hirschl Schleifen

Story? Ja. Aber eigentlich egal.

Formal gibt es in Schleifen natürlich eine (ganz klassische) Handlung. Eine legendäre Sprachtheoretikerin trifft auf einen Mathematiker. Doch wer hier nach klassischer klassisch tragenden Handlung und Figurenentwicklung sucht, der such vergebens, wie auch schon Michael Wurmitzer in seiner Kritik festgestellt hat. Doch dafür findet man vieles andere! Schleifen lebt dabei nicht unbedingt von dem, was erzählt wird, sondern vor allem wie erzählt wird und wie großartig die kleinen Einfälle sind, die Hirschl hier aneinanderreiht.

Schleifen ist eine Art intellektuelles Kaleidoskop, ein fortwährendes Umschalten zwischen Diskursen, Denkmodellen und erzählerischen Miniaturen. Jede Passage wirkt dabei fast wie ein eigenes kleines Universum, abgeschlossen, präzise, funkelnd vor grandiosen Ideen. Klar, die Frage, ob Schleifen eine exzessive Verarbeitung schon vorliegender Fragmente ist oder Ideen zu Kurzgeschichten mit hinein stückelt, ist natürlich berechtigt. Doch hat dieses geniale Stückwerk mehr Ähnlichkeit mit einem Opus wie Geschichten aus 1001 Nacht, als mit dem literarischen Recycling das viele Autorinnen und Autoren sonst so betreiben. Auch wenn Schleifen natürlich auch einen klaren roten Faden hat.

Der Irrsinn in Serie

Die mosaikhaften Passagen fügen sich ganz klar zu einem größeren Ganzen, dennoch wirkt das Buch phasenweise schon wie eine Perlenkette aus genialen Verrücktheiten, bei der ein Irrsinn dem nächsten folgt.

Nicht ermüdend – im Gegenteil –, aber manchmal so dicht, dass einzelne Kapitel eher endlos auszufransen scheinen, statt auf ein klares Finale zuzusteuern. Der rote Faden ist da, der Spannungsbogen ebenfalls, doch die Übergänge bleiben mitunter bewusst unsauber, fast trotzig fragmentarisch. Was bei diesen unzählbaren literarischen Geistesblitzen aber auch irgendwie verständlich ist.

Schleifen von Elias Hirschl ist ein seltenes literarisches Vergnügen

Diese kleine formale Unruhe ist letztlich aber kaum mehr als ein Haar in der Suppe und trübt den Geschmack dieses Buches in keiner Weise. Schleifen gehört eindeutig zu den unterhaltsamsten, geistreichsten und eigenwilligsten literarischen Veröffentlichungen der letzten Zeit. Und sollte daher unbedingt gelesen werden. Allein schon weil sich hier auch ausloten lässt, was literarisch alles möglich ist.

Elias Hirsch gelingt etwas Seltenes: ein Text, der zugleich hochkomplex und spielerisch, theoretisch aber vor allem auch zutiefst lustvoll ist. Ein Buch, das fordert, überfordert, begeistert und das man nicht einfach liest, sondern vor allem auch durchdenken sollte. Er legt Spuren, die sich verfolgen lassen und oftmals auch in einer fiktionale Sackgasse führen. Wer ist bloß dieser Savogini? Oder anders gesagt: Schleifen von Elias Hirschl ist ein geniales Buch. Bis in die Fußzeilen hinein.

By the way: Ein weiteres Lesevergnügen ist auch das Buch Content, ebenfalls von Elias Hirschl.


© Zsolnay Verlag