Eine seltene Ausnahme im Sachbuchregal: Werner Onkens Entwurf einer Zukunft jenseits des Kapitalismus

Viele Sachbücher sind reich an klugen, scharfen und notwendigen Analysen. Unzählige Autor*innen sezieren gesellschaftliche Missstände mit präziser Klinge, legen ökonomische Dynamiken offen und verhandeln Probleme unserer Zeit immer wieder neu. Das ist wichtig, ja sogar unverzichtbar. Und doch haftet vielen dieser Bücher derselbe Mangel an: Sie erklären die Welt, wie sie ist, aber sie zeigen kaum, wie sie anders sein könnte. Antworten werden geliefert, ja. Aber selten eine Blaupause, noch seltener eine Vision, fast nie eine Utopie die sich in die Zukunft projizieren liese. Das Buch Grundrisse einer Marktwirtschaft ohne Kapitalismus von Werner Onken ist diesbezüglich erfrischend anders und eine Offenbarung im unüberblickbaren Sammelsurium der Kapitalismuskritik.

Der Kapitalismus und die Leerstelle der Zukunft

Gerade wirtschaftskritische Bücher brillieren häufig durch Analyse und Diagnose. Doch dass der Kapitalismus massive soziale, ökologische und politische Verwerfungen produziert, ist längst Konsens. We all know it! Thank you very much.

Doch wo bitte bleibt das Bild einer tragfähigen Alternative? Wer zeichnet noch eine Zukunft, die mehr ist als die Verlängerung einer dystopischen Gegenwart? Ein Blick ins Science-Fiction-Genre bestätigt diesen Befund vermutlich: Der Blick nach vorne ist zunehmend düster, hoffnungsarm, von Kontrollverlust und Untergang geprägt. Willkommen in den Wastelands.

Auch dort, wo große Denker*innen – wie etwa Nancy Fraser – Alternativen zumindest andeuten, bleibt dafür oft nur ein schmaler Raum: ein Epilog, ein Ausblick, wenige Seiten. Inspirierend, ja vielleicht, aber kaum ausreichend, um einen tatsächlichen gesellschaftlichen Umschwung anzustoßen.

Werner Onken Grundrisse einer Marktwirtschaft ohne Kapitalismus

Werner Onkens Grundrisse: Ein anderes Buch, ein anderer Anspruch

Genau hier setzt Werner Onkens Grundrisse einer Marktwirtschaft ohne Kapitalismus an und hebt sich radikal vom üblichen Kanon ab. Dieses Buch begnügt sich nicht mit „schnöder Kritik“, sondern stellt sich selbst auf den Prüfstand. Onken geht dabei einen recht ungewöhnlich, wie aber auch konsequenten Weg: Er beantwortet 50 zentrale Fragen – Punkt für Punkt, systematisch, verständlich und ohne theoretische Nebelkerzen – wobei er geradezu grandios auf Themen verweiset, zu denen wiederum andere Autor*innen ganze Lebenswerke verfasst haben.

Am Ende steht dann nicht nur eine fundierte Kapitalismuskritik, sondern sogar noch ein positiver Entwurf, der tatsächlich utopisch ist – im besten Sinne des Wortes. Eine Utopie, die nicht weltfremd wirkt, sondern Hoffnung erzeugt. Ja, richtig gelesen: HOFFNUNG!

Klarheit statt Komplexitätsflucht

Die große Stärke des Buches liegt vor allem auch in seiner Zugänglichkeit. Werner Onken identifiziert Problemstellen präzise, verortet sie nachvollziehbar und verdichtet Themen, für die andere ein ganzes Gesamtwerk benötigen. Dabei verliert er nie den Überblick und auch nicht den Mut zur Vereinfachung – ohne dabei banal zu werden. Der Finger wird in die Wunde gelegt, aber nicht aus bloßer Anklage heraus, sondern mit dem klaren Ziel, Alternativen denkbar und diskutierbar zu machen.

Eine Blaupause für das Danach?

Grundrisse einer Marktwirtschaft ohne Kapitalismus ist ein kleines Buch mit großer Offenbarung. Es ist – oder könnte sein – eine Blaupause, wie sich kapitalistische Strukturen tatsächlich aushebeln lassen. Nicht als fertiger Masterplan, sondern als tragfähiges Fundament, auf dem weitergedacht und aufgebaut werden kann.

Hoffnung als politische Kategorie

Wer nach der Lektüre zahlloser Kapitalismuskritiken ernüchtert und desillusioniert zurückbleibt, findet in Werner Onkens Grundrisse einer Marktwirtschaft ohne Kapitalismus einen seltenen Gegenentwurf. Der Autor zeigt dabei, dass Kritik nicht im Pessimismus enden muss. Auf seinen Grundrissen lässt sich weiterdenken – und vielleicht sogar handeln. In einer Zeit, in der es an Zukunftsbildern mangelt, ist dieses Buch vor allem eines: ermutigend.


Bilder © oekom Verlag