Reichensteuer, aber richtig: Gabriel Zucmans schreibt politischen Sprengsatz

Dass Ultrareiche kaum Steuern zahlen, ist ein Gefühl, eine Ahnung, fast schon ein Gemeinplatz. Man weiß es „irgendwie“. Doch Wissen ist nicht gleich Beweis. Genau hier setzt Gabriel Zucman mit Reichensteuer, aber richtig an, erschienen bei Edition Suhrkamp. Auf kaum mehr als 60 Seiten liefert er eine Analyse von einer Schärfe, Tragweite und Klarheit, wie man sie selten findet. Dieses Buch ist schlank und gleichzeitig schwer wie ein Schlag ins Gesicht unserer steuerpolitischen Selbstlügen.

Der zentrale Mythos: „Wenn wir Reiche besteuern, gehen sie“

Einer der mächtigsten politischen Erpressungsmythen lautet: Wenn Reiche stärker besteuert werden, verlassen sie das Land – und mit ihnen die Steuereinnahmen. Alles Bullshit!  Zucman zerlegt dieses Narrativ dabei mit einer Nüchternheit, die kaum Raum für Ausflüchte lässt.

Ein besonders aufschlussreiches Beispiel: Würden alle französischen Milliardäre morgen auf die Kaimaninseln ziehen, läge der Verlust an Steuereinnahmen für den französischen Staat bei gerade einmal 0,03 Prozent! Der Grund dafür ist entlarvend: Die Ultrareichen beziehen ihre Einkommen fast ausschließlich über Holdinggesellschaften, die meist ihren Sitz im jeweiligen Land haben – und dort steuerlich privilegiert oder weitgehend davon ausgenommen sind.

Ob die Reichen physisch im Land leben oder nicht, ist steuerlich nahezu irrelevant. Die Drohung mit dem Wegzug ist damit nicht nur übertrieben, sondern schlicht eine Lüge.

Zucman Reichensteuer

Holdinggesellschaften: Die unsichtbare Infrastruktur der Ungleichheit

Zucman zeigt präzise, wie die Vermögen der Ultrareichen durch komplexe Holdingstrukturen organisiert sind. Diese Konstruktionen ermöglichen es, Einkommen zu verschieben, zu verstecken oder formal zu neutralisieren. Das Ergebnis: Während der Durchschnitt der Bevölkerung hohe Abgaben trägt, wachsen die Vermögen an der Spitze nahezu steuerfrei weiter.

Gerade diese Mechanik macht das System so perfide. Denn wer kaum Steuern zahlt, kann Vermögen exponentiell vermehren und sich so einen strukturellen Vorteil sichern, der mit Leistung oder Risiko längst nichts mehr zu tun hat.

Was wir lange nicht wussten: Das Vermögen der Ultrareichen

Ein weiterer zentraler Punkt des Buches ist die historische Intransparenz. Jahrzehntelang wusste man schlicht nicht, wie reich die Ultrareichen tatsächlich sind. Forbes-Listen und Rankings lieferten bestenfalls grobe Schätzungen, so Zucman. Erst zu Beginn der 2020er Jahre wurde diese Blackbox durch kollektive Forschungsarbeit langsam geöffnet – eine Forschung, an der Zucman maßgeblich beteiligt war.

Erst seit wenigen Jahren liegen belastbare Daten darüber vor, wie hoch die Vermögen wirklich sind und wie gering die effektive Besteuerung ausfällt. Diese neue Transparenz verändert alles – und macht politische Untätigkeit noch schwerer zu rechtfertigen.

Zucmans Reichensteuer: Die Zahlen sprechen eine klare Sprache

Zucman rechnet dabei einfach vor, statt zu moralisieren. In Frankreich liegt die durchschnittliche Abgabenquote bei rund 51 Prozent. Diese Zahl umfasst die breite Bevölkerung – nicht jedoch die Ultrareichen. Denn diese tauchten lange Zeit in keiner Statistik auf.

Das Ergebnis ist schockierend: Die effektive Abgabenquote von Milliardären in Frankreich liegt bei rund 13 Prozent. Sie zahlen damit weniger als nahezu jede andere Einkommensgruppe. Besonders brisant: In Europa zahlen Ultrareiche teils sogar weniger Steuern als in den USA – ein Befund, der viele gängige Narrative über „soziale“ europäische Steuersysteme ins Wanken bringt.

Ein Buch als politischer Hebel

Reichensteuer, aber richtig ist mehr als eine Analyse. Es ist eine Art Machtentzug. Denn Zucman nimmt den Ultrareichen ihr schärfstes politisches Instrument: die Drohung ihrer Abwanderung. Wenn klar wird, dass sie ohnehin kaum Steuern zahlen, verliert das Argument des Wegzugs seine Wirkung. Und die Politik könnte entsprechend reagieren – wenn das denn überhaupt passieren wird.

Dennoch hat Zucman extrem aufklärende Erkenntnisse zu bieten. Sein Buch zeigt: Das Problem ist nicht die Unmöglichkeit, Reichtum zu besteuern – sondern der politische Wille. Die Werkzeuge existieren. Die Daten existieren. Die Ausreden nach dieser Lektüre aber eben nicht mehr.

Zucmans Reichensteuer, aber richtig:  60 Seiten, die alles verändern könnten

Dieses Buch ist ein Skandal im besten Sinne. Eine Offenbarung, die eigentlich einen gesellschaftlichen und finanzpolitischen Umbruch auslösen müsste. Auf knapp 60 Seiten entlarvt Gabriel Zucman die Tricks der Ultrareichen, die Holdingkonstrukte, die systematische Steuervermeidung und damit ein System, das Ungleichheit nicht nur zulässt, sondern aktiv produziert.

Gabriel Zucmans Reichensteuer, aber richtig ist Pflichtlektüre. Für Politiker*innen. Für Journalist*innen. Für alle, die sich nicht länger mit dem Märchen zufriedengeben wollen, Reichtum sei unantastbar. Dieses Buch nimmt den Reichen Macht – und gibt sie der Gesellschaft zurück. Zuerst einmal „nur“ in Form des Wissens. Nun bleibt es abzuwarten, ob sich daraus auch ein Handeln entwickeln wird.


Bilder © Suhrkamp Verlag